Buchcover: Elke Schmitter - Inneres Wetter © C.H. Beck Verlag

"Inneres Wetter": Familienroman von Elke Schmitter

Stand: 14.07.2021 11:23 Uhr

Der Titel des neuen Romans von Elke Schmitter macht eines gleich klar: Wetter, dieses unberechenbare, wechselhafte Ding, kommt nicht bloß von außen auf uns zu. In uns selbst steckt genug Platzregen, aber auch Heiterkeit für ein Leben und mindestens einen Roman.

Buchcover: Elke Schmitter - Inneres Wetter © C.H. Beck Verlag
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von Marie Schoeß

Das Geschicklichkeits-Spiel moderner Familienbunde beginnt schon in der Adresszeile. Bettina schreibt an einen Kreis, den man gern Kernfamilie nennt, an Geschwister und Eheleute also. Aber wer gehört in die An-Zeile, und wem gönnt man die Freiheit, bloß CC gesetzt zu werden? Es geht um den Geburtstag des Vaters: 77 Jahre wird er, ein Besuch wäre angebracht, findet Bettina, und will zugleich keinen Ärger. Mora, die komplizierte Schwägerin, also besser CC, entscheidet sie: nicht bedrängt und doch einbezogen. Oder?

Moras Stimme ist angespannt; eine feine, zitternde Linie schwingt über der heiseren Melodie, die ihm so oft das Bedürfnis einhaucht, sich zusammenzurollen.
"Deine Schwester hat uns geschrieben. Sie schlägt vor, dass wir deinen Vater zu seinem Geburtstag besuchen. Oder jedenfalls du."
Ihre Bereitschaft gekränkt zu sein, überrascht ihn immer wieder. Es kommt ihm so vor, als sei sie über die Jahre gewachsen, vor allem in letzter Zeit, seit Ben das Haus bereits mit aufgesetzten Kopfhörern verlässt, eine Blackbox auf sehr langen Beinen. Leseprobe

Regeln von Nähe und Distanz

Elke Schmitter blickt hier abwechselnd in die Leben, die gemeinsam eine Familie ergeben: der verwitwete Vater Kupfer, der seine erwachsenen Kinder in der Ferne doch besser kennt, als die glauben, und die Kinder selbst samt Partner, Kinder, Krisen.

Schmitter weiß, wie viel in einer Familie davon abhängt, ob sich die nötige Distanz wahren lässt, ohne die Nähe ganz aufzugeben. Sie weiß auch, dass sich gerade in Familien immer wieder ungeahnte Momente der Intimität einstellen, und sie weiß, dass Partner, Angeheiratete, die Fraktion in CC also, die unausgesprochenen Regeln von Nähe und Distanz, auf die sich jede Familie irgendwann einigt, irritieren kann:

Für sie ist die Art der Kupfers, miteinander umzugehen, (…) ein Phänomen, das sie ohne Sympathie betrachtet, wie vielleicht einen Dokumentarfilm über das Familienleben der Biber. Er glaubt, dass es eine sehr bürgerliche Art des Umgangs ist, etwas Wohlerzogenes, mit dem man die anderen, die man sich nicht ausgesucht hat, auf Abstand hält. (…) Ihn erinnert Moras radikales und fragloses Verständnis von Nähe an die einzige proletarische Herde, mit der er jemals in Berührung gekommen ist. Leseprobe

Ausgefeilte Sprache für Gefühle

Dieses Buch lässt sich wunderbar als Studie über emotionale Abstandsregeln lesen. Eine der feinsinnigsten Beziehungen wahrt so großen Abstand, dass nur die beiden Protagonisten von ihrem stillen Einverständnis wissen. Andere Paare verlangen sich eine Nähe ab, unter der zwei Menschen nur leiden können.

Schmitter hat ein feines Gespür für solche Fragen und überhaupt eine ausgefeilte Sprache für Gefühle und den menschlichen Drang, sie zu sortieren. Deshalb verzeiht der Leser auch gern, dass sich die Innenschauen selbstverständlicher lesen als mancher Dialog, dass hier und da die Sprache doch sehr auf sich aufmerksam macht, sich nach vorne drängt, statt lakonisch zu bleiben. Man verzeiht’s und freut sich lieber an Passagen wie diesen:

"Hast du nie wissen wollen, was da los gewesen ist?" Ihr Ehespiel. Er spürt Trost und Behagen, so in die Mangel genommen zu werden. Unverständnis, aus dem Interesse folgt, das ist eine Entdeckung, die er ihr verdankt. Und aus dem wieder Unverständnis kommt, das ist die Entdeckung, die weniger gemütlich ist, aber so wird das Rad am Laufen gehalten. Leseprobe

Inneres Wetter

von Elke Schmitter
Seitenzahl:
202 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-77429-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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