Sendedatum: 28.01.2013 12:40 Uhr

Ein charismatischer Betrüger

Die Abenteuer des Joel Spazierer
von Michael Köhlmeier
Vorgestellt von Alexander Solloch

Vorgestellt von Alexander Solloch

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Michael Köhlmeier ist in seinem Heimatland Österreich ein sehr bekannter Schriftsteller.

"Ich kann nur tun, was ich kann, und was ich kann, ist, was ich muss, und was ich muss, ist, was ich will: erzählen", sagt der Schriftsteller Michael Köhlmeier. In seinem Heimatland Österreich ist er einer der großen Gefeierten des literarischen Lebens, bei uns immer noch einer, der eher als Geheimtipp seine Leser findet.

Sein Roman "Abendland", ein großes Epos über das 20. Jahrhundert, war 2007 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Für Köhlmeiers neues Werk "Die Abenteuer des Joel Spazierer" können die allfälligen Preis-Urkunden schon einmal geschrieben werden.

Glücklich in der Einsamkeit

Ein Mann erzählt verschwenderisch aus seinem Leben, und wer ist dieser Mann? Ein Lügner, ein Hochstapler, ein Fälscher, ein Betrüger, ein Mörder - wer ist dieser Mann?

Leseprobe:
"Die Männer, mit denen ich manchmal Bier trinke und die keine Ahnung von mir haben, sagen, ich solle unbedingt mit etwas Lustigem beginnen. Ein Mann kommt in eine Bank, hält der Frau am Schalter die Pistole an die Stirn und sagt: Keine Angst, das ist kein Überfall, das ist nur ein Amoklauf."

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Joel Spazierer betreibt seine kriminelle Karriere in vielen europäischen Ländern.

Also ein Gaukler, ein Witzbold, ein - Schelm? Wer ist dieser Mann namens Andràs Fülop namens Robert Rosenberger namens Ernst-Thälmann Koch namens Joel Spazierer? Eine wilde, atemraubende, pulserhöhende Suche nach einer Antwort beginnt - beginnt mit der ersten Erinnerung dieses ... nennen wir ihn Joel: Wie er Anfang der 50er Jahre, als ganz kleiner Junge, ein paar Tage lang völlig allein in der Budapester Wohnung seiner Großeltern haust, weil diese vom ungarischen  Geheimdienst mitgenommen worden sind.

Leseprobe:
"Ich habe mich nie erwachsener gefühlt als damals: keine Weinerlichkeit, keine Angst, keine Abschweifungen, keine Empathie, keine Wahrheit, keine Lüge. Ich hätte mir zugetraut, einen Staat zu lenken."

Hier glaubt jetzt ein kleiner Junge, alles zu wissen über die Welt - über sich und seinen Ort in der Welt. Hier hört einer auf, sich zu entwickeln, oder, wie er es sagt, ganz gleichmütig und ohne den geringsten bekenntnishaften Anklang: Seine Seele bleibt für immer stehen in diesen schönen Tagen der Einsamkeit.

Ein skrupelloses Leben

"Und deshalb auch dieses Problem mit der Moral, das er hat - weil eine Moral ist sinnlos ohne einen anderen Menschen, und er hat eigentlich immer das Gefühl: der Normalzustand ist eine menschenlose Welt; und die Ausnahme ist, dass Menschen mir begegnen", erklärt Köhlmeier die Skrupellosigkeit seines Romanhelden.

Michael Köhlmeier aber lässt seinen Joel Spazierer auf verheerend viele Menschen treffen - oder nein: Joel Spazierer verleitet seinen Schöpfer Michael Köhlmeier dazu, ihn auf verheerend viele Menschen treffen zu lassen. Denn es wird bald klar, dass Spazierer selbst ganz und gar die Regie über seine Geschichte übernimmt, dass auch der Autor - machtlos, ganz machtlos - der Fabulier-, Phantasier-, Erzähllust seiner Figur nur atemlos hinterher rennen kann. Das ist die Magie, die im Schreiben liegt: Wenn auch der Autor selbst nur staunen kann, mit welcher gnadenlosen Beiläufigkeit sein ihm so lieber Held mordet, in Freiheit und im Gefängnis.

Leseprobe:
"Am folgenden Tag schmuggelte ich einen Schraubenzieher von der Werkstatt in die Zelle. Wir aßen unser Schweinschmalzbrot mit den Essiggurken und tranken den Himbeersaft. Ich studierte die Haut an der Brust des Zellenvaters, merkte mir einen Punkt, zog den Schraubenzieher aus dem Ärmel und stieß ihn in sein Herz. Er sah mich nicht an, gab einen letzten puppenaugenblauen Blick ins Leere und schloss den Mund und fiel zu Boden."

Projektionswand für andere

Morden, wenn's grad passt, lügen und betrügen und hochstapeln und sich immer wieder neue Existenzen aufbauen, mal im Gefängnis, mal in Österreich, mal in der DDR, mal als Dealer, mal als Menschenretter, mal als Theologe: Das alles kann dieser Joel Spazierer nur wegen seiner unglaublichen Wirkung auf die Menschen.

"Er ist so ehrgeizlos, er hat nichts Eigenes zu vertreten, und deshalb ist er vielleicht ein besonders guter Zuhörer. Er bietet sehr vielen Leuten so etwas wie eine Projektionswand", beschreibt der Autor die Romanfigur.

Wer also ist dieser Mann? Ein Charismatiker, der auf die sehnsuchtsvolle Bereitschaft der Menschen trifft, sich betrügen zu lassen. Ein Lügner in einem großen Roman, der die Wahrheit sagt.

Die Abenteuer des Joel Spazierer

von
Verlag:
Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3-446-24286-9
Preis:
18,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.01.2013 | 12:40 Uhr

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