Stand: 25.02.2019 13:09 Uhr

Der Realität des Brexit ins Auge schauen!

Exit Brexit - Wie ich Deutsche wurde
von Kate Connolly
Vorgestellt von Nicole Ahles, NDR Info

Am 29. März verlassen die Briten die EU. Und zwar, wenn es nicht noch eine Überraschung gibt, ohne Austrittsvertrag. Viele werden davon betroffen sein - ganz besonders aber die Briten, die seit Jahren in Deutschland leben. Viele haben es gemacht wie Kate Connolly, Korrespondentin der britischen Zeitung "The Guardian": Sie sind kurzerhand Deutsche geworden. Anlass für sie, sich den ganzen Prozess der Entfremdung der Briten von der EU noch mal anzuschauen.

Kate Connolly © Paula Winkler Foto: Paula Winkler

Kate Connolly: "Exit Brexit"

Kulturjournal -

Kate Connolly, Deutschland-Korrespondentin des "Guardian", ist jetzt Deutsche. In ihrem Buch "Exit Brexit" schreibt sie über die Identitätskrise, die viele Briten seit dem Referendum erleben.

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Es begann alles am Morgen des 24. Juni 2016 - dem Tag nach dem Brexit-Referendum. Die Leavers, also die Austrittswilligen, gewannen hauchdünn vor den Remainers - denen, die bleiben wollen. Connolly schreibt in ihrem Buch:

"Das Referendum hat sich an die meisten von uns herangeschlichen wie ein hinterhältiges Biest. Als es zum Angriff überging, waren ich und die meisten meiner Freunde und Kollegen komplett überrascht." Zitat aus dem Buch "Exit Brexit"

Die 47-Jährige erinnert sich noch genau an den Moment: "Es war vielleicht 5.45 Uhr in der Früh, als ich so richtig wach geworden bin von dem Moderator von BBC, der gesagt hat: 'Jetzt ist es durch, wir können offiziell sagen, dass wir die EU verlassen werden.' Und, ähm, puh, das war irgendwie ein bisschen wie eine Horrorgeschichte, als man dann wach geworden ist und dieser Realität in die Augen schauen musste."

Einbürgerung mit britischem Humor

Nach dem Schock über das Ergebnis kam die Erkenntnis, dass ihr eigener Verbleib in Deutschland bei Mann und Kindern in Gefahr geraten könnte. Und ganz pragmatisch entschied sich Connolly zur Einbürgerung. Die 33 Fragen des Deutschtests zu beantworten und den Haufen Papierkram zu erledigen, war eher lästig, als schwierig. Problematischer die Identitätskrise, die sich daraus entspann, sagt Connolly: "Eine Freundin von mir in Hamburg, eine alte Schulfreundin, aus England, die mit einem Deutschen verheiratet ist, hat uns The New German Wave, also die neue deutsche Welle genannt, das fand ich auch ganz gut irgendwie."

Connolly erzählt von der sperrigen und sehr deutschen Einbürgerungszeremonie. Man spürt ihren Hang zum britischen Humor, aber sie ist Journalistin und lässt es sich deshalb auch nicht nehmen, ernsthaft in die Vergangenheit zu blicken, um herauszufinden: Woher kommt dieses Misstrauen der Briten gegenüber der EU:

Eines der zentralen Kennzeichen der britischen Identität ist die physische Abgeschiedenheit Großbritanniens vom Rest Europas. Das Dasein als Insel bringt die überaus praktischen Vorteile klar umrissener Grenzen mit sich. Zitat aus dem Buch "Exit Brexit"

Schon in den Anfängen der EU - Großbritannien war ja nicht von Anfang an dabei - habe sich das Vereinigte Königreich immer gerne selbst ins Abseits gestellt, schreibt Connolly.

"Die vorherrschende britische Sichtweise war stets, dass die Regeln des Klubs für 'die anderen' passend gemacht werden mussten, nicht für 'uns' - eine Ansicht, die schon immer ein Hemmschuh war für gute Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU.‘ Zitat aus dem Buch "Exit Brexit"

Ein "armseliger" Wahlkampf vor dem Referendum

Nach einem kurzweiligen, geschichtlichen Abriss beschreibt die Autorin die Zeit direkt vor dem Referendum 2016. Ein Wahlkampf tobte, der hart geführt wurde und nicht selten wenig Wahres enthielt, so Connolly. In mehreren TV-Duellen traten die Verfechter beider Seiten gegeneinander an:

"Das Niveau war einigermaßen armselig. Jedes Mal, wenn Boris Johnson den Mund aufmachte, bekam er johlenden Beifall von den Leavers. Jedes Mal wenn David Cameron sich äußerte, bekam er Applaus von den Remainers. Auf beiden Seiten waren die Argumente emotionsgeladen und ließen nicht selten jede Form von Intelligenter Analyse missen." Zitat aus dem Buch "Exit Brexit"

Insgesamt glaubt die Journalistin, dass die Kampagne derjenigen, die in der EU bleiben wollten, ganz falsch geführt wurde. "Man war irgendwie immer auf einer negativen Schiene zu erklären. Ja, aber wenn wir drinbleiben, naja, das ist vielleicht nicht so gut, aber besser als wenn wir draußen sind, aber es war nie etwas was sehr positiv war. Ich habe das Gefühl wir haben so diesen Pragmatismus, wofür wir bekannt sind, den Optimismus und unsere Toleranz ist nicht so richtig zu erkennen, ja?"

"Wie britisch bin ich, wie deutsch?"

Die Autorin ist betroffen, aber nicht resigniert. Und reflektiert immer wieder, was der Brexit mit ihr als Britin oder eben als Deutsche macht.

"Ich schreibe dieses Buch auf Englisch, bevor es ins Deutsche übersetzt wird – was sagt das über mich aus? Ich habe mir einen Organspendeausweis zugelegt, um, wenn auch vielleicht nur im Kleinen, zu demonstrieren, dass ich nicht aus egoistischen Gründen hier bin und dazugehören will." Zitat aus dem Buch "Exit Brexit"

In "Exit Brexit" mischt die Autorin Geschichte, Politik und ihre sehr eigene persönliche Erfahrung mit den Entwicklungen in Großbritannien. Hier und da hätte etwas mehr Distanz trotz der eigenen Betroffenheit nicht geschadet, dennoch ist das Buch amüsant, kurzweilig und sehr informativ.

Weitere Informationen

Buchtipps von NDR Info

Die NDR Info Kulturredaktion stellt regelmäßig aktuelle Bücher und neue Hörbücher vor. Hier finden Sie in einer Übersicht der Rezensionen. mehr

Exit Brexit - Wie ich Deutsche wurde

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Carl Hanser Verlag
Veröffentlichungsdatum:
28.12.2019
Bestellnummer:
978-3446260245
Preis:
19,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 23.02.2019 | 12:50 Uhr

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