Stand: 28.08.2018 17:38 Uhr

Die Welt aus der Sicht von Imkern

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Ulla Lachauer arbeitet als Buchautorin, Journalistin und Dokumentarfilmerin.

Bienen sind als bedrohte Tierart zu einem Symbol unseres Umgangs mit der Natur geworden. Die Dokumentarfilmerin und Autorin Ulla Lachauer beschreibt in ihrem Buch "Von Bienen und Menschen. Eine Reise durch Europa" nicht nur den Schwarm der Bienen als ganzheitliches Wesen, sondern auch den Imker als eigenen Menschentypus. Sie begegnet Ökofreunden, Geschäftsleuten und Laien. So erzählt Lachauer mit den Biografien der Imker auch von europäischen Befindlichkeiten und zeigt, wie das Zusammenleben von Mensch und Tier zur Symbiose werden kann.

Frau Lachauer, Ihr aktuelles Buch erzählt "von Bienen und Menschen". Sie haben 14 Biografien in acht Ländern zusammengetragen. Angefangen hat alles mit einem klebrigen Postpaket, das Ihnen eines Tages, kurz vor Winterbeginn, zugesandt wurde. Was war das für ein Paket?

Ulla Lachauer: Das war ein Paket mit Honig, das aus dem Kaliningrader Gebiet, also dem früheren Ostpreußen, zu mir gelangt ist. Das wurde mir von einer jungen Imkerin, Galina, geschickt, die ich einige Jahre zuvor getroffen hatte, 1991, kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Das war eine ganz spezielle Zeit, weil es dort drunter und drüber ging und ich mit Armut und Elend konfrontiert war in diesen Wochen, in denen ich da als Journalistin herumgereist bin. An diesem Ort, wo ich Galina traf, war ich besonders deprimiert über all dieses Elend und auch die Angst, die sich damals ausbreitete, es könnte wieder Krieg geben. Und da sah ich diese junge, schöne Frau, die einen Schleier aufhatte und einen weißen gepflegten Overall, bei ihren Bienen, und ich hatte plötzlich das Gefühl, dass das ein ganz anderer Mensch ist als die Menschen, die ich vorher getroffen hatte. Die war bei sich, sehr konzentriert, liebevoll im Umgang mit ihren Tieren. Der Kolchos, zu dem sie gehörte, hatte auch Kühe, und die Kühe lebten ganz fürchterlich in diesen Ställen, froren und standen im Matsch. Und in dieser Imkerei von Galina schien die Welt intakt. Ich habe einen ganzen Tag bei ihr verbracht, habe mich dort erholt, und am Ende dieses Tages kam mir die Idee, dass Imker besondere Leute sind.

Haben Sie damals schon beschlossen, dass Sie darüber recherchieren und schreiben wollen?

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"Von Bienen und Menschen. Eine Reise durch Europa" ist im Rowohlt Verlag erschienen und kostet 22 Euro.

Lachauer: Nein, das habe ich nicht beschlossen, sondern das war wie so ein Wurm im Kopf. Plötzlich habe ich überall Imker gesehen. Ich habe auch in Deutschland selbst immer mehr auf die Imker geachtet: die Imker in den ländlichen Regionen, dann irgendwann kamen die Stadtimker und dann die Migranten, also Russlanddeutsche zum Beispiel, die in unsere Imkervereine kamen und ihre eigenen Traditionen mitbrachten.

Ihr Blick war also geschärft für das Thema. Das finde ich interessant, weil ich mir beim Lesen Ihres Buches gedacht habe: Die Frau hat einen wahnsinnigen Blick dafür. Wenn ich durch die Landschaft streife, ist es mir noch nie aufgefallen, weil mein Blick dafür vielleicht nicht geschärft war.

Lachauer: Ja, das ist so. Das geht aber auch mit anderen Dingen so: Wenn man im Urlaub mal Fischer gesehen hat und weiß, wo der Fisch herkommt, dann verfolgt man das vielleicht aufmerksamer. Ich glaube, das ist ein Phänomen, was alle mehr oder weniger kennen. Und das ist einer der Punkte, die mich auch an den Imkern interessieren: Es ist ja kein Buch über Imker allein oder auch für Imker, sondern es geht um eine spezielle Weltwahrnehmung: Wie sieht der Imker erst mal seine Bienen? Er guckt in den Kasten, er muss sehr ruhig, sehr konzentriert sein. Der Imker ist andererseits ein Experte für die Natur ringsum. Wenn man mit einem Imker durchs Stadtviertel geht oder auch durch eine Landschaft, kann er genau sagen, wo die Bienen Nahrung finden, wo nur Ödnis ist, Agrarsteppe. Er kann einem sagen, was man pflanzen soll, damit es besser wird.

Nach meiner Erfahrung ist es auch so, dass die Imker aufgrund ihrer speziellen Erfahrung auch die Gesellschaft und Europa anders sehen. Und auf dieser Spur war ich: in den verschiedenen Ländern die regionalen Traditionen aufzuspüren und dieses Europa, was ich in Teilen schon ganz gut kannte, noch einmal neu zu entdecken durch die Brille von Imkern. Ich finde, wir lassen uns die Welt oft von Juristen, von Politikern, von Claus Kleber und Marietta Slomka, von IT-Spezialisten, von berühmten Ärzten erklären, aber die Weltwahrnehmung der meisten Berufe kommt überhaupt nicht vor. Ich habe schon lange so einen Fimmel, dass man mal die Welt aus der Perspektive der Friseure beschreiben müsste oder aus der Perspektive von Nomaden, also der letzten Hirten, wo sie Tag und Nacht mit dem Vieh zusammen sind. Ich glaube, dass das sehr lehrreich ist. Die Imker sind so eine besondere Spezies, die uns allen viel zu erzählen hat.

Das Gespräch führte Stefanie Groth

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 29.08.2018 | 13:00 Uhr

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