Stand: 14.11.2019 11:50 Uhr

Wandern durch Petrarcas Landschaft

Das Jahr
von Tomas Espedal, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Vorgestellt von Lisa Kreißler

Der Roman ist für den norwegischen Schriftsteller Tomas Espedal eine experimentelle Gattung. In seinem zehn Bücher umfassenden Romanzyklus hat er die verschiedensten Spielarten ausprobiert: "Gehen" ist ein Reisebericht, "Bergeners" eine Komposition aus Kurzgeschichten. In anderen Romanen bedient er sich der Form des Tagesbuchs und des Briefes. Zusammengehalten werden die Bücher durch das Tomas-Espedal-"Ich". In der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel ist nun der vorletzte Band dieses Zyklus' auf Deutsch erschienen: "Das Jahr".

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Tomas Espedals neues Buch ist ein Roman in Versen.

Am 6. April 2014 macht sich Tomas Espedals Ich-Erzähler auf den Weg in die Vaucluse, um die Landschaft zu erkunden, in der Petrarca seinen berühmten Gedichtzyklus "Canzoniere" schrieb; eine Sammlung von Sonetten über seine Geliebte Laura, die er am 6. April 1327 zum ersten Mal sah.

Nachdenken über die Liebe auf Petrarcas Pfaden

Der reisende Dichter aus dem Jahr 2014 geht auf den Pfaden des italienischen Altmeisters, weil auch er über die Liebe nachdenken muss. Vor vier Jahren hat Janne ihn verlassen. Sie lebt jetzt mit seinem besten Freund zusammen in Oslo, während er selbst verletzt und wütend seinen Weg sucht.

die Straße entlang etwas vom Fluss entfernt am Straßenrand
eine dünne Linie zwischen Vergangenheit und Gegenwart
zwischen Leben und Tod
zwischen der Stelle in den Bergen und dem Tosen der Autos
ein kleiner Schritt nur nach rechts
und du bist tot wie ein zerschmettertes Tier
auf der Fahrbahn. Leseprobe

In Espedals Text sind Vergangenheit und Gegenwart dicht übereinandergeschichtet. Wenn der Erzähler den Mont Ventoux besteigt, folgt Petrarca ihm mit seinen Eseln und seinen Versen, als wären sie in der gleichen Zeit unterwegs.

Gedanken über Alter und Tod

Aber nicht nur über die Befragung der Literatur und der Landschaft versucht Espedals Protagonist herauszufinden, ob es richtig sein kann, sich einer Liebe zu verschreiben, die geendet hat. Auch sein eigener Vater dient ihm dabei als Spiegel. Er ist schon lange Witwer und liebt seine Frau noch immer. Vater und Sohn gehen zusammen auf Kreuzfahrt. Der Vater alt und gebrechlich. Der Sohn mittelalt und einsam. Trinken tun sie beide zu viel und sterben müssen sie auch.

Das Alter ist ein lebendiger Tod sagt er.
Das Alter ist ein langer Schlaf sagt er.
Das Alter ist eine große Dunkelheit sagt er.
Und jetzt werde ich dir mal verraten sagt er
ich bin ein bisschen verliebt in die isländische Frau
am Esstisch. Leseprobe

Der Tod des Vaters ist immer mit anwesend bei ihren Begegnungen, so wie jedes Bild in Espedals Gedicht-Roman einen Schatten zu haben scheint. Das liegt zum einen am Liebeskummer der Hauptfigur, zum anderen an einem metaphysischen Blick, der auf ganz andere Verluste zurück geht.

Der karge Text gibt wenig Hoffnung

"Das Jahr" ist ein intimes Abtasten der eigenen Einsamkeit, aber es verweist angenehm leise auch auf den Klagegesang der ganzen Welt. Das Zischen der teuren Kaffeemaschine übertönt die Meldung vom nächsten Selbstmordattentat aus dem Radio.

In seiner existentialistischen Kargheit erinnert Espedals Stimme oft an Samuel Beckett. Nur wenige Hoffnungslichter leuchten dem Leser aus den exakt gebauten Zeilen entgegen.

Wir wussten es noch nicht
doch der Tod sollte unsere
Leben öffnen eines Morgens bemerkten wir
den Regen wie etwas Neues wir
konnten den Regen nicht mehr unterscheiden
von unseren Freuden von den dunklen
Morgen im Herbst
und wenn der Wind wehte so wehte er
durch uns hindurch Leseprobe

Tomas Espedal schreibt "wie mit einem Messer"

Das Schriftbild des Textes unterstützt die zwei widerstrebenden Kräfte, die er entfacht: das Zusammenfallen und die Vereinzelung. Wie ausgestellt liegen die wenigen Worte in den Zeilen. Losgelöst vom Sprachstrom wirken sie fremd und groß. Gleichzeitig verzichtet Espedal fast vollständig auf Kommas. Punkte setzt er wie ein Lyriker nur dort, wo wirklich etwas endet. Dadurch rücken die Worte wieder näher zusammen.

Annie Ernaux prägte das Bild vom "Schreiben mit dem Messer". "Das Jahr" von Tomas Espedal perfektioniert diese Methode absoluter Genauigkeit. Hier ist jedes Wort scharf geschnitten. Espedals Bilder und Gedanken sind von so großer Schönheit, dass man sich verneigen möchte vor diesem starken eigensinnigen Geist, der da aus dem Rauschen der Gegenwart zu uns spricht.

Das Jahr

von
Seitenzahl:
196 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Matthes & Seitz
Bestellnummer:
978-3-95757-773-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 15.11.2019 | 12:40 Uhr

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