Stand: 23.06.2020 12:44 Uhr  - NDR Kultur

Thorsten Nagelschmidt: "Arbeit"

Arbeit
von Thorsten Nagelschmidt
Vorgestellt von Anna Hartwich

Thorsten Nagelschmidt war Sänger, Texter und Gitarrist der Band "Muff Potter" bis zu ihrer Auflösung 2013, er ist Graphiker, Live-Performer und hat schon vier Bücher veröffentlicht - sein Erstling von 2007 trägt den Titel "Wo die wilden Maden graben". Thorsten Nagelschmidt wurde 1976 in Rheine geboren und lebt heute in Berlin. Von Berlin erzählt denn auch sein fünfter Roman, der den schlichten Titel "Arbeit" trägt, eine Hymne an die Nacht und ihre Protagonisten in der Weltstadt Berlin.

Thorsten Nagelschmidt: "Arbeit"  - Buchcover © Fischer Verlag
Thorsten Nagelschmidts Gesellschaftsroman "Arbeit" ist eine Hymne an die Nacht und ihre Protagonisten in Berlin.

Das Berliner Nachtleben, ein Mythos, ein "immaterielles Kulturerbe", wie Dr. Motte, der legendäre Begründer der Love-Parade meint? In einer Zeit, in der es von allen Seiten, auch von Covid-19, bedroht ist, setzt ein Autor den Schönen der Nacht, den Arbeitern, den Verzweifelten und den Ratlosen ein Denkmal: Thorsten Nagelschmidt in seinem neuen Roman "Arbeit". Wer sind die, die nachts arbeiten, während die anderen feiern?

Ingrid mag die Nacht. Nachts sind alle so sehr mit sich selbst beschäftigt, mit ihrem Rausch und ihrer Balz und ihrer Selbstverwirklichung, dass eine Person mehr am Rand nicht weiter auffällt. Alle wollen sie ins Licht, auf die Bühne, in den Mittelpunkt. Ingrid nicht. Sie bleibt an der Peripherie. Im Schatten. Dabei sein, ohne mitmachen zu müssen. Teilhabe, ohne teilzunehmen. Leseprobe

Elf Leben in einer Nacht im März

Ingrid, Mitte 50, verkauft tagsüber Ramschbücher in ihrem Antiquariat und sammelt nachts Flaschen. Nicht weil sie es muss, sondern weil sie nach dem Krebstod ihres Mannes vor Einsamkeit nicht mehr schlafen kann. Eins von elf Leben, die Nagelschmidt in seinem Buch kurz und plastisch skizziert. Er folgt ihnen durch eine Nacht im März, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Elf Schicksale, deren Wege sich punktuell kreuzen, wenn zum Beispiel die Rettungssanitäterin Tanja bei einem Einsatz die kolumbianische Essenskurierin Marcela nach einem Unfall schwer verletzt bergen muss.

Die Menschen haben Schmerzen, die Menschen haben Hunger, und die Menschen sind allein, man fährt zu ihnen nach Hause, für einen Hungerlohn und immer in Eile, ist irgendwann von irgendwoher mit irgendwelchen Erwartungen in diese Stadt gekommen und versucht sich nun irgendwie durchzuschlagen, und manchmal geht man eben zu Boden, irgendwann geht jeder mal zu Boden. Leseprobe

Ein namenloser Flüchtling

Beim Auftritt des namenlosen Flüchtlings aus Guinea, der im dunklen Park "Päckchen" verkauft, sieht man den Autor Nagelschmidt neben ihm auf der Parkbank sitzen.

… sag, dass es für dich und deinen Bruder in Conakry nur gerade so zum Überleben reichte, so dass ihr nach einem Jahr mit leeren Taschen aus der Hauptstadt zurück nach Hause kamt, wo von der Familie beschlossen wurde, sich im Dorf Geld zu leihen und dich auf die lange Reise nach Europa zu schicken, erzähl von deinen Ängsten und deinen Hoffnungen und beantworte alle seine Zwischenfragen, Hauptsache er zahlt, 50 Euro habt ihr abgemacht, nicht schlecht für eine Stunde reden … Leseprobe

Gesellschaftsroman, der an "Berlin Alexanderplatz" erinnert

Die Erzählkaskade des Flüchtlings ist ein einziger Satz über zehn Seiten. Nagelschmidt kriecht hinein in jede seiner Figuren. Etwas Dokumentarisches und gleichzeitig rauschhaft-Musikalisches zeichnet diesen spannenden Gesellschaftsroman aus und erinnert darin an klassische Vorbilder wie "Berlin Alexanderplatz", aber auch an die "Vernon Subutex"-Trilogie der französischen Autorin Virginie Despentes. Das Leben in der Großstadt, die große Herausforderung.

Programmtipp
Der Autor und Musiker Thorsten Nagelschmidt im Porträt. © Verena Brüning Foto: Verena Brüning

Thorsten Nagelschmidt feiert Nachtarbeiter

Vor Corona war jede Berliner Nacht ein Versprechen von Lust und Rausch. In seinem Roman "Arbeit" erzählt Thorsten Nagelschmidt von denen, die die Party am Laufen gehalten haben. mehr

Anna hat es geliebt, als sie hierherkam. Die Straßenmusik, die Freaks, die kreativen Rebellen. Die Widerspenstigkeit dieser grauen und doch so bunten Stadt. Jetzt würde sie dem Trommelheini am liebsten seine Bongo zu fressen geben. Leseprobe

So Anna, die aus der Pfalz kam und in ihrem Neuköllner Kiosk in dieser Nacht zum dritten Mal überfallen wird. Am Ende des Romans wird aufgeräumt, und beim Leser stellen sich Entzugserscheinungen ein. Ein Buch, das nicht nur Berlinern und Berlinerinnen unter die Haut geht.

Arbeit

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-397411-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 24.06.2020 | 12:40 Uhr

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