Stand: 04.02.2020 16:26 Uhr  - NDR Kultur

"Serpentinen": Düstere Vater-Sohn-Geschichte

Serpentinen
von Bov Berg
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Der Autor erzählt von einem Vater, der für seinen Sohn gute Erinnerungen schaffen will.

Der Roman "Auerhaus" von Bov Bjerg war ziemlich überraschend ein großer Erfolg und eroberte die Bestsellerlisten. "Auerhaus" wurde auf vielen Theaterbühnen inszeniert und 2019 verfilmt. Nun erscheint ein neuer Roman des 1965 geborenen Rolf Böttcher, der sich den Namen des dänischen Städtchens Bovbjerg als Pseudonym gewählt hat. "Serpentinen" ist eine Vater-Sohn-Geschichte. Er erzählt hier von einem Vater, der versucht, die Muster seiner eigenen Kindheit nicht zu wiederholen.

Es herrscht eine düstere Atmosphäre in diesem Buch. Bedrückend. Auf den ersten fünfzig Seiten muss man schon ziemlich wild entschlossen sein, es weiter zu lesen, um es zu schaffen. Durchbrochen wird die Düsternis des Textes von fast grimmigem Humor. An manchen Stellen hört man, dass Bov Bjerg auch Kabarettist ist und ein Gespür für schräge Momente und tragikomische Situationen hat. Etwa, wenn er seinen Ich-Erzähler eine katholische Kirche in den Bergen besichtigen lässt:

Interview
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Bov Bjerg zähmt Dämonen einer Familie

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Der Roman "Auerhaus" war ein überraschend großer Erfolg. Nun erscheint Bov Bjergs Roman "Serpentinen". Eine Geschichte über eine Vater-Sohn Beziehung. mehr

Das war die Kunst von Geisteskranken, dachte ich. Barock brut. Die Botschaft des Künstlers musste in den letzten Winkel hineingeschrieben werden: "Ich war hier. Und hier war ich auch. Und hier. Und hier und hier und überall." Leseprobe

Das ist schon eine höchst eigenwillige Reaktion auf den Innenraum einer Kirche. Wir haben es mit einem Helden zu tun, der keine äußeren Sorgen, sondern schwer in den Griff zu bekommende innere Nöte hat. Er macht mit seinem Sohn eine Wanderung und erinnert sich an seine Kindheit in einem schwäbischen Dorf. Der Vater litt unter Depressionen und nach mehreren Versuchen, sich das Leben zu nehmen, fand man ihn erhängt in der Wohnung.

Bov Bjerg beschreibt die Gedanken eines Depressiven

Der Ich-Erzähler fühlt in sich selbst diese Krankheit zum Tode und will sie überwinden, um seinem Sohn nicht dasselbe Leid anzutun, das er selbst erlitten hat, und jedem Wiederholungszwang zu entkommen. An seine Kindheit denkt er mit Bitterkeit:

Diese Scheißwut der Scheißväter. Gegen sich, gegen alle. Die Kinder mussten für die Kindheit ihrer Väter büßen. Ich war auch nur ein Scheißvater. Leseprobe

Bov Bjerg sieht sich als Autor in einer Reihe mit etlichen Kindheitsbeschreibungen dieser Art, die es vor ihm schon gegeben hat.

Die Schande des Anschreibens, die Storys aller Sprachen waren voll davon. Die Bibliothek der Hohen-Anschreiben-lassen-für-Alkohol-Literatur. Und alle beschrieben sie ihren Vater präzise. Leseprobe

Der Autor vermeidet, in alten Mustern zu schreiben, in dem er im Text immer wieder Blindfährten legt. Das Kind gerät in große Gefahr, bis man lesend vor lauter Angst zum Ende des Romans vorblättert, um zu prüfen, ob das Kind zum Schluss noch lebt.

"Serpentinen" handelt von Sozialneid

Der Vater will, dass der Junge keine Angst hat. Er will gute Erinnerungen mit ihm schaffen. Aber dieser Vater fühlt sich zum Beispiel allen Menschen unterlegen, die aus Familien stammen, in denen es seit Generationen Akademiker gibt. Bov Bjerg macht seine Leserschaft zu Komplizen, wenn er kleinmütigen Sozialneid auf die Schippe nimmt.

Small Talk. Plaudereien über Häppchen. Wein, Architektur. Dieses alberne Gerede über Wein. Feinnervige Vanille im Abgang. Kollegen, die sich von der Attitüde der Distinktion distanzieren wollten, die mit solchem Reden verbunden war, gaben sich ironisch und sprachen die Anführungszeichen überdeutlich mit. Leseprobe

Der Ich-Erzähler fühlt sich bei einem Empfang, zu dem ihn seine Anwaltsgattin mitgenommen hat, vollkommen überfordert durch all die Menschen, die zusammen auf dem Internat waren. Er braucht eine Weile, um herauszufinden, dass keineswegs alle auf demselben Internet waren, sondern auf irgendeinem Internat. Die geheimen Verständigungs- und Sprachcodes der Oberschicht überfordern ihn.

Und dann ist das immer wieder das Kind. Serpentinen führen bekanntlich einen Berg hinauf, aber auch hinab. Er will die Abwärtsspirale unterbrechen. Vielleicht kann der Schadenszauber, der auf der Herkunftsfamilie des Vaters lastet, gelöst werden. Zum Teil - und das ist das große Geheimnis, ein Vorzug dieses Textes - überlässt Bov Bjerg es seinen Lesern, diese Arbeit zu erledigen.

Serpentinen

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Ullstein
Bestellnummer:
978-3-546-10003-8
Preis:
22,00 €

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