Stand: 05.08.2020 06:00 Uhr

Vom Versuch der Revolte in einer verrückten Welt

von Alexander Solloch

"Wow, wow, wow!" Diese Reaktion hat die Dichterin Nora Gomringer dem C.H. Beck-Verlag für den Klappentext eines Debüts gestiftet, das gerade erschienen ist: "Schwarzpulver" heißt der Roman, seine Autorin heißt - noch klangvoller - Laura Lichtblau. Was erfahren wir abgesehen von "Wow" aus dem Klappentext? Wir erfahren, dass Laura Lichtblau 1985 in München geboren wurde, sie als freie Autorin und Übersetzerin in Berlin lebt und dieser - ihr erster - Roman vom Versuch der Revolte in einer verrückten Welt erzählt.

Cover des Buchs "Schwarzpulver" von Laura Lichtblau © C.H. Beck
Laura Lichtblaus Debüt handelt von drei Menschen in Berlin, die unter einem autoritären Regime leben.

Drei Taumelnde sind zu besichtigen, und jeder taumelt auf seine eigene Art durch die Winternächte in Berlin. Klar ist schon mal dies: Die jungen Taumelnden sind in der absoluten Mehrheit; sie taumeln durch eine Welt, die in den Abgrund des totalen Wahnsinns zu stürzen sich die Alten ja seit langem große Mühe geben. Angst und Düsternis schwirren durch die Berliner Luft, über die Plätze und Märkte.

Auf einmal entsteht ein kleiner Tumult, eine strudelartige Bewegung erfasst die Menschen, und so etwas passiert hier beinahe täglich. Es wird geklaut, Pärchen ziehen sich im Streit am Ohrläppchen, spucken sich an, Hausmänner prügeln sich um die duftenden, halb verdorbenen Gratisbananen, die die Händler ab 18 Uhr kistenweise verschenken. Fliegende Händlerinnen fliehen vor der Bürgerwehr, und die haut sich dann die Bahn mit den Schlagstöcken frei, während die Touristen Spalier stehen, applaudieren und filmen, was das Zeug hält. Tumulte, Randale, Krawalle, man weicht höchstens sportlich einer Faust aus, die ihr Ziel verfehlt hat.

Bürgerwehr und "Amt für Staatsmoral" wachen über Regeln

Der feuchte Traum der Rechten ist in diesem Roman also mal wieder in Erfüllung gegangen: Ein autoritäres Regime verbreitet Angst und Schrecken, verleitet die Menschen dazu, sich am Klang des Zweisilbers "Deutschland" zu berauschen und gibt den besonders Beflissenen Uniform, Schnellschießkurs und Waffe. Diese "Bürgerwehr" wacht, im Zusammenspiel mit dem "Amt für Staatsmoral", über die Einhaltung der Gebote und Verbote, die die üblichen Verklemmungen der Rechtspopulisten so mit sich bringen.

Ich sage dir, dass die Partei keine Frauen mag, die Frauen lieben. Sie mögen keine Anglizismen, kein fremdländisches Essen, keine Menschen, die glücklich sind, sie mögen keinen Hip-Hop, keine Konzerte auf der Straße, keine Menschen, die aus anderen Ländern stammen, keine Familien ohne Kinder, sie mögen keine Frauen, die erfolgreicher als Männer sind, und haben sogar verboten, dass Frauen ein bestimmtes Gewicht überschreiten (…)

Zwischen Aufbegehren und Anpassung

Durch diese düsteren Wintertage am Ende eines nicht näher benannten Jahres taumelt also Elisa, genannt Burschi, die sich in eine Erscheinung namens Johanna verliebt; taumelt Karl oder Charlie, der als kaum je wahrgenommener Praktikant bei einem Hip-Hop-Label arbeitet und den es mehr und mehr zum Aufbegehren drängt; und taumelt schließlich auch seine Mutter Charlotte. Das Ende einer großen Liebe und das Scheitern im Beruf haben ihrem Leben einen schweren Knacks gegeben. Aber dass sie sich dem neuen Regime verschreibt, sich gar dieser Bürgerwehr anschließt - das kann sie nur phrasenhaft begründen.

Man hat uns gesagt, dass es sein kann, dass wir für unseren Standpunkt angefeindet werden. Einige ursprüngliche Mitstreiter sind auch abgesprungen, Wir können uns nicht mit den Werten dieser Leute identifizieren, haben sie gesagt und nicht verstanden, dass da, wo gehobelt wird, eben auch dicke Späne fallen.

Manchmal überladene, aber frische Lichtblau-Sprache

Nora Gomringer ist sehr begeisterungsfähig und stößt deshalb beim Laura-Lichtblau-Lesen gleich drei "Wows" aus. Vielleicht kann man ein bis zwei davon abziehen, weil diese Charlotte eben doch mehr Karikatur ist als ein psychologisch wirklich tief durchdrungener Mensch, auch weil die Sprache - wie in vielen literarischen Debüts - manchmal noch arg überladen wirkt, "seht nur her, was ich kann!", ruft diese Sprache und schafft darum ohne sonstige Not "bärbeißige Straßen", durch die man stürzt, und lässt Gespräche stocken wie "verdörrende Bachläufe in den Kurven". Aber sie ist auch immer wieder poetisch und frisch und toll, diese Lichtblau-Sprache, vor allem, wenn sie sich der unbotmäßigen Verliebtheit der zwei jungen Frauen widmet.

Und jetzt geht es in meinem Kopf so richtig los. Bergseen schwappen ineinander, ich rase auf einem Schlitten einen steilen Hang hinab, im Schuss, immer schneller, und hinter mir sitzt der Teufel, er johlt und er spuckt in den Schnee und zündet Wunderkerzen an.

Ja, wow. Aber eben nicht nur. Öfter noch: Oha. Mal sehen, was noch kommt von Laura Lichtblau, hoffentlich noch viel. Oha - oha aber auch!

Schwarzpulver

von Laura Lichtblau
Seitenzahl:
202 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-75556-9
Preis:
18,95 €

Dieses Thema im Programm:

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