Stand: 25.08.2020 10:32 Uhr

Roland Butis Liebeserklärung eines Sohnes an seine Mutter

von Annemarie Stoltenberg

Er heißt Roland Bütikofer, ist 1964 in Lausanne geboren und nennt sich als Schriftsteller Roland Buti. In der Schweiz ist er schon mit mehreren Preisen geehrt worden, in Deutschland ist dieser französisch schreibende Autor noch nicht so bekannt. Vielleicht gelingt es ihm mit "Das Leben ist ein wilder Garten" - eine Art Liebeserklärung eines Sohnes an seine Mutter.

Cover des Buchs "Das Leben ist ein wilder Garten" von Roland Buti © Zsolnay
Gärtner Carlo besucht seine Mutter in einem Grandhotel - eine Geschichte von Abschied.

Wer es mit den eigenen alten Eltern und dem Kümmern um sie schwer hat, wird die Hauptfigur in diesem Roman einfach glühend beneiden. Die Mutter des Ich-Erzählers flüchtet aus dem Pflegeheim, in dem sie steckte, und geht in ein Hotel in den Bergen, in ihrem Heimatort; dorthin, wo sie als junges Mädchen Brot geliefert hat. Ein Grandhotel. Der Hoteldirektor und sein Personal behandeln sie aufmerksam, respektvoll, ein bisschen wie eine seltene Orchidee.

Das Personal solcher Luxushotels beherrscht die Kunst, sich über nichts zu wundern. Leseprobe

Besuch der Mutter im Berghotel

Weil sich das Hotel in einer wirtschaftlich etwas schwierigen Lage befindet, sind die Preise leicht gesenkt worden und es ist auch nicht teurer als das Pflegeheim. Carlo fährt nun in die Berge, so oft er kann, um seine Mutter zu besuchen. Auf den Auto-Touren denkt er viel über seinen Beruf nach, er ist Landschaftsgärtner. So heißt es etwa:

Gärten sind sozialistisch, die Natur kapitalistisch. Erstere bringen die Sehnsucht nach einer in sich geschlossenen, geschützten Welt zum Ausdruck, in der nichts dem Zufall überlassen bleibt, während Letztere dem ungehinderten Zirkulieren, der Unordnung und dem Triumph des Stärksten ohne äußere Einmischung Vorschub leistet. Leseprobe

Hanf-Bonbons als Mitbringsel

Ein Mitarbeiter aus seinem Betrieb hat Hanf gezüchtet und die beiden Männer, die eine lange Freundschaft verbindet, bringen zusammen der Mutter ein paar besondere Bonbons. Sie sinkt nach deren Genuss in einen holden Mittagsschlummer und der Sohn trägt sie auf ihr Zimmer.

Ich beugte mich zu Mama herunter. So behutsam wie möglich zog ich sie an mich, wiegte sie ein wenig nach hinten, fasste mit beiden Armen unter und hob sie hoch. Sie war nicht schwerer als ein großer Sack Komposterde oder Dünger. Leseprobe

Die Träume in diesem Schlaf haben ihr sehr gefallen. Die Mutter fragt später, ob es vielleicht noch mehr dieser Bonbons gebe? Die Ehe des Ich-Erzählers, das ist ein weiterer Erzählstrang, ist zu seinem Kummer auseinandergebrochen, als die gemeinsame Tochter erwachsen geworden ist.

Mina braucht uns fast nicht mehr - auch wenn wir noch ihr Schulgeld und ihr Zimmer in London bezahlten -, wir waren als Eltern von nun an lästig, genau wie all die Gegenstände, die sie als Reliquien bezeichnete. Leseprobe

Abschied von Frau, Tochter und Mutter

Mit sanfter Melancholie registriert Carlo die drei parallel verlaufenden Abschiede in seinem Leben, von der Ehefrau, der nestflüchtigen Tochter und dem sich langsam abzeichnenden von der Mutter. Aber er ist glücklich, als sich zu seiner Mutter im Hotel auch noch ein alter Verehrer gesellt.

Dieser Paul, der Mama keinen Moment aus den Augen ließ, sie mit besorgt-wohlwollenden Blicken umhegte, um auch nicht die leiseste Veränderung in ihrer Mimik zu verpassen, war augenscheinlich verliebt. Leseprobe

Verliebt in das Leben, in all seinen Lebensstufen, so wirkt dieser Ich-Erzähler, der Landschaftsgärtner Carlo. Nachdem die alte Dame kleine Abenteuer erlebt und in Erinnerungen an eine große Lebensliebe geschwelgt hat, kommt sie eines Spätnachmittags nach dem Mittagsschlaf nicht mehr zum Aperitif in die Halle und zum Diner in den Speisesaal.

Eine Geschichte wie eine Blumenwiese

Die Geschichte wird in einem ganz sanften Ton erzählt, der ohne jedes Augenzwinkern und Buhlen um Lesergunst auskommt. Eine Geschichte wie eine Blumenwiese mit flatternden Schmetterlingen. Vielleicht dezent betreut von Gärtnerhand, aber auf die Schönheit der Natur vertrauend.

Das Leben ist ein wilder Garten

von Roland Buti
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Zsolnay
Bestellnummer:
978-3-552-05999-3
Preis:
20 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.08.2020 | 12:40 Uhr

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Denis Diderot: "Jacques der Fatalist und sein Herr"

Eins der originellsten Bücher der Weltliteratur: eine Studie über das Verhältnis von Herr und Knecht und über die Freiheit des Willens. Eine Komödie des Geistes. 5 Min

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Doris Lessing: "Das Goldene Notizbuch"

Vier Notizbücher, kunstvoll im Roman verflochten: Eine Auseinandersetzung mit der kommunistischen Partei in Rhodesien in den 50ger Jahren und mit der Mann-Frau-Beziehung 5 Min

Mehr Kultur

Bronze-Büste von Sophie Scholl © picture alliance / Winfried Rothermel Foto: pWinfried Rothermel

Sophie Scholl: Das Vermächtnis ihres Kampfs gegen die Nazis

Am 9. Mai 2021 wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden - sie wurde nur 21. Ein Essay des Historikers Magnus Brechtken. mehr