Stand: 28.11.2019 14:21 Uhr

Ein ungebetener Gast mit schlechtem Benehmen

von Claudia Cosmo
Philipp Tingler: "Rate, wer zum Essen bleibt" © Kein & Aber Verlag
In Tinglers neuem Roman gerät ein sorgfältig geplantes Abendessen aus den Fugen.

Philipp Tingler ist gebürtiger Berliner, lebt aber seit vielen Jahren in der Schweiz - und hat es in dieser Zeit geschafft, sich den Schweizern einigermaßen bekannt zu machen: als Kolumnist für den Zürcher "Tagesanzeiger" und als temperamentvoller Bücherdiskutierer im "Literaturclub" des Schweizer Fernsehens. Obendrein schreibt der 49-Jährige selbst, dafür ist er 2008 mit dem Förderpreis des "Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor" ausgezeichnet worden. Nun legt Philipp Tingler einen neuen Roman vor: "Rate mal, wer zum Essen bleibt".

Philipp Tingler ist ein Experte für bissige Dialoge und urkomische Handlungssituationen, in denen es seinen Figuren an den existentiellen Kragen geht. Manch ein Kritiker sagt "der schreibt ja fast wie Thomas Mann", vielleicht wegen seiner Vorliebe für Relativsätze oder weil er seine Dissertation über Thomas Mann verfasst hat.

Parallelen zu Thomas Mann und Jasmin Reza

Das trifft es aber nicht ganz. Vielmehr könnte man Parallelen zu den Theaterstücken Jasmin Rezas finden. Zumal es Philipp Tingler liebt, das äußere Erscheinungsbild seiner Figuren mit inneren Gestimmtheiten zu vergleichen. So schreibt er über eine bieder gekleidete Romanfigur, sie sähe aus wie ein "sterbendes viktorianisches Kind".

In seinem neuen Roman "Rate, wer zum Essen bleibt" gerät ein strategisch geplantes Abendessen aus den Fugen. Philipp Tingler inszeniert den Text wie ein Kammerstück, das in der Wohnung von Franziska und Felix spielt. Die Soziologin Franziska hat ihren Dekan und seine Frau eingeladen. Mit jedem verspeisten Gang möchte sie ihrem Traum von der neuen Stelle an der Uni ein wenig näher kommen. Doch wer kommt, ist Conni, eine alte Freundin von Felix. Conni steht nicht nur plötzlich auf der Matte, sondern sitzt sofort mit am Tisch, redet ohne Rücksichtnahme und versalzt den Abend.

Conni verprellt die anderen Gäste

"Was bringt Sie eigentlich nach Europa?", erkundigte sich nun Frau Schulz. "Im Moment nicht viel", antwortete Conni, weitgehend ungeniert, "meine Tage sind grau … diorgrau." Dann lachte sie. "Das hört sich nicht sehr lustig an", konstatierte Frau Schulz. Kussmund. Die Augen blitzten dazu wie geschliffene Perlen aus Pechkohle. "Und womit füllen Sie Ihre Tage, meine Liebe?", erkundigte sich nun Conni bei Frau Schulz. "Ich arbeite therapeutisch mit Pferden. Und ich leite eine offene Abendgruppe für Frauen im Ruhestandsübergang. Wir praktizieren gemäßigtes Dinkelfasten nach -" "Darf ich Sie kurz unterbrechen." "Womit?" "Nichts. Mein Interesse war bloß erschöpft." Leseprobe

Conni ist anders als die anderen. Eine Eigenschaft, die sich Franziskas Mann Felix - ein bekannter Schriftsteller und TV- Literaturkritiker- auch selbst gerne auf die Fahne schreibt. Aus taktischen Gründen verbirgt er sie jedoch lieber unter dem Deckmantel der Angepasstheit.

Das Spiel mit Täuschung

Felix stellte fest, dass er mit seinem handpikierten italienischen Anzug, den englischen Schuhen und der tiefseetauglichen Armbanduhr vom Genfer See alle Insignien jener Kaste ausstellte. In seinem Falle zusätzlich versüßt durch die innere Gewissheit, eben durchaus nicht dazuzugehören. Es liegt ein eigener Reiz darin, äußerlich in die Gesellschaft zu passen, aber innerlich doch ganz woanders zu stehen, dachte Felix, und dann dachte er: Ich muss mir das aufschreiben. Leseprobe

In Felix findet der Autor Philipp Tingler eine Art literarischen Cameo- Auftritt. Denn Tingler selbst ist Kritiker im Schweizer Fernsehen und camoufliert seine intellektuelle Seite im Körper eines durchtrainierten Muckibudenbesuchers. Diametral sozusagen zu Felix, der nach außen schick erscheint und tief im Inneren ein unangepasster Haudegen ist.

Tinglers Romanfigur hat viel mit ihm selbst zu tun

Dieses Spiel mit Täuschung, Identität, Selbst- und Fremdbild macht den Roman zu einem äußerst amüsanten Text, bei dem man an mancher Stelle einfach laut loslachen muss. Mithilfe seiner Figur Felix unterbreitet Philipp Tingler seinen Lesern aber auch einen Vorschlag, was unter Literatur zu verstehen sei.

Abstand. Darum ging es Felix beim Schreiben nicht zuletzt. Für ihn galt: Wenn man über eine Sache schrieb, konnte man sie danach vergessen. Erledigt. Innerlich und äußerlich. Schreiben war für Felix der Spaziergang in eine bessere Welt, nicht so sehr eine Flucht vor den Zumutungen der Existenz, sondern eine Methode, besagte Zumutungen mit dem Lasso heranzuziehen und ihnen in die Visage zu starren, bis sie kapitulierten. Leseprobe

Franziska und Felix samt Dekan und Gattin kapitulieren vor der ungebremsten Connie, die alle an die Wand redet und laut Franziska den "Charme und das Einfühlungsvermögen eines russischen Gymnastiktrainers" hat. Connie erkrankt am selben Abend noch an Feldfieber und nistet sich fünf Tage in Franziskas Wohnung ein.

Auch alle anderen Protagonisten fangen sich das Feldfieber ein. Doch nur im übertragenen Sinne. Philipp Tinglers Figuren schwitzen ihre Ängste und alte Vorstellungen von sich selbst aus. Mit "Rate, wer zum Essen bleibt" ist Philipp Tingler ein hintergründiger Roman gelungen, lustig und literarisch doppelbödig.

Rate, wer zum Essen bleibt

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kein & Aber
Bestellnummer:
978-3-0369-5814-9
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.11.2019 | 12:40 Uhr

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