Stand: 25.01.2018 18:19 Uhr

Von Litauen bis zum Orient - eine fremde Welt

Entlang den Gräben
von Navid Kermani
Vorgestellt von Katja Weise
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Navid Kermani ist von seiner Heimatstadt Köln durch den Osten Europas bis nach Isfahan, die Heimat seiner Eltern, gereist.

Im Auftrag des "Spiegel" hat Navid Kermani Tausende Kilometer zurückgelegt: Quer durch das östliche Europa ist der für seine journalistischen und literarischen Arbeiten vielfach ausgezeichnete Autor bis nach Isfahan gereist, in die Heimat seiner Eltern. Einige der dabei entstandenen Reportagen wurden bereits in dem Magazin veröffentlicht, nun erscheint ein Buch, in dem alle versammelt sind: "Entlang den Gräben".

Navid Kermani sucht Grenzen, Gräben und Brüchen

Begonnen hat Navid Kermani seine Reise in Schwerin, in einer Sonntagsschule für syrische Flüchtlingskinder. Danach besuchte er eine Veranstaltung der AfD. Schon das zeigt, dass er sich für viele "Gräben" interessiert, nicht nur für die, die Kriege in Europa aufgerissen haben und von denen es viele gibt gerade im östlichen Europa.

Interview
NDR Kultur

Navid Kermani reist "entlang den Gräben"

26.01.2018 19:00 Uhr
NDR Kultur

Navid Kermani spricht über seine Reise, die ihn von seiner Heimatstadt Köln bis ins iranische Isfahan geführt hat. mehr

Er sucht gezielt auch "die Gräben, die quer durch einzelne Gesellschaften laufen, auch in Deutschland, aber auch Gräben ganz konkret im Sinne Erde, die umgegraben worden ist, also um Massengräber, die vielen Massengräber, an denen man vorbeikommt oder auch in Tschernobyl, um Tschernobyl herum - weitflächig, ein Fünftel von Weißrussland, das immer noch kontaminiert ist, wo die Erde umgegraben oder brachliegt, also es ist vom ganz konkreten bis hin zum übertragenen Sinne eine Reise entlang und auch durch Gräben hindurch", erklärt der Autor.

Geschichten und Legenden von früher

Tag für Tag beschreibt Kermani seine Eindrücke, 54 Tage lang. Er nimmt seine Leser mit nach Litauen, Weißrussland, in die Ukraine, nach Georgien, Aserbaidschan, Armenien, in den Iran. Gleichzeitig ordnet er das Gesehene und Erlebte historisch und politisch ein, erzählt Geschichten und Legenden von früher. Ein Buch so prall und bewegend, dass es gut ist, sich dafür 54 Tage Zeit zu nehmen, also Tag für Tag wieder in eine neue Welt einzutauchen.

Am Bahnhof ergattere ich den letzten Platz nach Minsk. Im Waggon verstehe ich, warum die litauische Bahn den Sitz erst verkauft, wenn selbst die Klappstühle im Gang vergeben sind. Die Reihen sind schon eng genug, aber unter unseren Füßen steht auch noch ein Elektrokasten, sodass mein Nachbar und ich mit angezogenen Knien nach Weißrussland fahren. Leseprobe

Machtmissbrauch, Korruption, Unterdrückung

1897 waren dort nach einer Volkszählung 57 Prozent der Bevölkerung in den urbanen Gebieten Juden: "Der eigentliche Krieg tobte im Osten und wenn man wie ich in meiner Generation in Deutschland aufgewachsen ist, in Westdeutschland, da war der Blick eben immer nach Westen gerichtet. Wir wussten von Frankreich, von England, von Amerika viel mehr, als vom Osten des eigenen Landes, geschweige denn von Polen, von Russland, von Weißrussland, von der Ukraine. Stellen Sie sich dort eine Stadt vor mit diesen sogenannten Stolpersteinen, da wäre die ganze Stadt golden", erzählt Kermani.

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Navid Kermani lebt als freier Schriftsteller in Köln. Für seine Romane, Essays und Reportagen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.

Trotzdem wird an vielen Orten der Opfer nicht gedacht, Politiker und Oligarchen wollen ihre eigene Geschichte schreiben. So heißt das nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl verseuchte Gebiet "radioökologisches Schutzgebiet". Der Biologe, der den Gast aus Deutschland dorthin führt, hat damit kein Problem und erzählt, sie würden regelmäßig untersucht.

Und was passiert, wenn bei einem Mitarbeiter die Höchstwerte überschritten sind? Dann wird er suspendiert oder sogar entlassen, je nachdem, da sind wir sehr streng. (..) Er muss schließlich einen Fehler gemacht haben. Leseprobe

Der Autor trifft auf Lügen und Schweigen

Kermani ist Lügen und Schweigen begegnet und oft Menschen, die nur bereit waren, sich offen zu äußern, wenn er ihnen Anonymität zusicherte. Immer wieder will man zweifeln, denn unvorstellbar scheint vieles von dem, was Kermani auf seiner Reise entdeckt: Machtmissbrauch, Korruption, Unterdrückung. Zwar schildert er auch das bunte Leben in Tiflis, das Glück in einer Moschee in Isfahan - aber das Grauen des Krieges prägt: Tiefe Gräben ziehen sich durch alle Länder.

Kermani liefert bestechende Analysen der Konflikte. Es ist spannend, ihm dabei über die Schulter zu gucken, dem in Köln geborenen Sohn iranischer Einwanderer, dem deutschen Moslem. Denn für ihn war diese Reise auch eine persönliche Standortsuche mit überraschenden Erkenntnissen. Beispielsweise, als er sich bei der Führung durch Auschwitz für eine Sprache entscheiden musste: "Einen Moment, in dem ich mich deutscher gefühlt habe als in diesem Moment, wo der Button 'Deutsch' in Auschwitz auf meine Brust kam, den hat es in meinem Leben nicht gegeben."

Entlang den Gräben

von
Seitenzahl:
442 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-71402-3
Preis:
24,95 €

Dieses Thema im Programm:

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