Stand: 23.06.2019 10:00 Uhr

Im Dorf leben die Käuze

So viele Hähne, so nah beim Haus
von Maarten 't Hart, aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Maarten 't Hart wird in diesem Jahr 75. Ein Alter, in dem es Autoren bevorzugen, kurze Erzählformate zu schreiben.

Maarten 't Hart ist einer der beliebtesten Autoren der Niederlande. Der freundliche, milde diese verrückte Welt anlächelnde und ansonsten ziemlich schweigsame Schriftsteller aus dem Dorf Warmond bei Leiden wird in diesem Jahr 75 Jahre alt. Das ist ein Alter, in dem viele Schriftsteller es meiden, sich noch einmal an einen Roman zu wagen und die kürzere Form bevorzugen, die nicht mehr so viel langen Atem erfordert. Nach seinen großen Werken "Das Wüten der ganzen Welt", "Die Netzflickerin" und "Der Schneeflockenbaum" erscheint nun ein Erzählungsband in deutscher Übersetzung: "So viele Hähne, so nah beim Haus".

In der Großstadt leben die Neurotiker, im Dorf aber die Käuze: sehr besonderes, sehr eigenbrötlerisches Federvieh und jedes Exemplar mit ganz eigener Stimme. Maarten 't Hart, der selbst wohl ganz zufrieden damit ist, von seinen Nachbarn als versponnener Schreiberling weitgehend respektiert zu werden, bringt diese Charaktere zum Klingen: das Heulen der Trauernden, das Seufzen der Gottsucher, das Ächzen der Verdrossenen, das Summen der Verliebten. Und natürlich das Singen, Krähen und Knurren der Nachtigallen, Hähne und Hunde.

Geschichten von Menschen und Tieren

Hunde wurden vom Schöpfer recht einfach konstruiert. Sie sind in erster Linie hungrige Mägen auf Pfoten, und daher sollte man immer etwas Futter bei der Hand haben, um sie friedlich zu stimmen. Bösartig sind sie selten, und außerdem knurren sie stets, ehe sie sich auf jemanden stürzen, so dass ein jeder, der Ohren hat, gewarnt sein kann. Vor einem Hund, der nicht knurrt, braucht man sich nicht zu fürchten. Leseprobe

Bevor jetzt aber der Bundesverband inniger Hundeliebhaber eine Protestresolution nach Südholland schickt, sei versichert, dass sich in den Geschichten des Meistererzählers das Offenkundige gern von selbst dekonstruiert. Der Hund Robber - ein gewaltiger Neufundländer - braucht gar keine Mahlzeit, er braucht Musik: je kitschiger die Klänge, desto glänzender die Sabberfäden, die ihm das Maul hinunterlaufen. "Hundemusik" heißt diese kleine Geschichte, eine eigentlich nur dahingeworfene Skizze, die im ganz Kleinen die Größe jedes einzelnen Wesens im Dorf und im Universum zeigt.

Der Autor schreibt, um glücklich zu sein

Er sagt selbst: "Ja, das kommt davon, dass man bemerkt: Wenn man nicht schreibt, wird man doch ein wenig depressiv. Dann hat man die Idee, das Leben verrinnt und es geschieht auch nichts. Man hält nichts fest, darum muss man schreiben! Auch um glücklich zu werden, auch um die Depression zu bekämpfen."

Vielleicht schreibt Maarten 't Hart in den letzten zehn, fünfzehn Jahren, die ihm für das Vollenden seines großen künstlerischen Werks noch bleiben, alles auf, was ihm in den Sinn kommt: ungeordnet, flüchtig, kaum je noch dramaturgisch gestaltet. Alle Geschichten kreisen aber um die großen Themen des Autors: Freundschaft und Verführung, die Magie der Musik, verklemmte Spießermoral und die Gewalt religiöser Dogmen, die Suche nach Gott.

Erzählungen ohne Anfang und Ende

Die allesamt autobiografischen Erzählungen haben keinen Anfang und kein Ende, aber sie wimmeln von Menschen und Tieren, die ihren Namen ins Herz des Lesers einritzen. Zum Beispiel Henk van D. - so stellt er sich an der Haustür vor. Mit einer skurrilen Kaskade an Vorwürfen bewirbt sich der junge Mann darum, das zum Verkauf stehende Haus des Erzählers zu erwerben:

"Was für eine Katastrophe! Unverzeihlich, die Gastherme im Wohnzimmer, wie kommt man darauf? Wer denkt sich so was aus? Soll das eine Küche sein? Was für ein Schuhkarton", sagte er, "die meisten Marderbauten sind komfortabler! Mein Gott, das Haus hat schlechte Fundamente, es versinkt im Schlamm! Unglaublich! Vielen Dank, dass ich mir das baufällige Haus ansehen durfte! Ich hoffe, ich schaffe es noch bis unten, bevor sich diese heruntergekommene Baracke in eine Ruine verwandelt. Jede hässliche Bemerkung hatte mir wehgetan, gerade auch deshalb, weil ich fand, dass Henk van D. ein witziger, netter junger Mann war, jemand, dem ich mein fantastisches Haus durchaus anvertraut hätte." Leseprobe

Ein Kauz, der die Käuze liebt - und ihnen allen großzügig einen Platz in seinem Nest anbietet.

So viele Hähne, so nah beim Haus

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05913-8
Preis:
22,00 €

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