Stand: 25.02.2019 10:00 Uhr

Fesselndes Werk über eine Zeit des Umbruchs

1919
von Herbert Kapfer
Vorgestellt von Joachim Gaertner
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Herbert Kapfers Buch "1919" liest sich wie ein Roman.

"1919". So knapp hat der Autor und Publizist Herbert Kapfer sein neues Buch betitelt. Es ist ein faszinierender Blick zurück - hinweg über hundert Jahre Geschichte - in das Jahr 1919. Kapfer hat das Buch aus unzähligen fiktiven und dokumentarischen Texten montiert. Er hat aus fotografischen, literarischen, politischen und privaten Quellen geschöpft und das Material zu einem Erzählstrom von 123 Kapiteln zusammenfügt.

"Die Welt ist zerbrochen"

"1919" liest sich wie ein Roman, der die Zeit des Umbruchs nach dem Ersten Weltkrieg lebendig werden lässt. Zu Wort kommen Soldaten und Kriegsheimkehrer, Revolutionäre und Anarchisten, Matrosen, Minister und Monarchisten, Schüler, Verliebte und eine Zeitungsverkäuferin. In ihren Geschichten spiegeln sich die Probleme der Zeit, Not und Elend, Ängste und Unsicherheiten, Sehnsüchte und Visionen. "Die Menschen sind völlig bestimmt vom Gefühl der katastrophalen Niederlage", sagt Herbert Kapfer. "Die Welt ist zerbrochen. Das Deutsche Reich gibt es nicht mehr. Der Kaiser ist geflohen. Es gibt Revolutionen. Frei agierende Truppen sind unterwegs, Vagabunden. Menschen, die alle in Bewegung sind, die suchen: Wer sind wir? Was machen wir? Was soll aus uns werden? Was soll aus Deutschland werden?"

Ungeheure Kräfte, die sich gegenseitig bekämpfen

Ungeheure Kräfte sind am Werk, die sich widerstreiten und gegenseitig bekämpfen - linke, kommunistische, anarchistische, revolutionäre ebenso wie völkische, antisemitische, rechtsradikale. Inmitten des Chaos wird die Sehnsucht nach Erlösung laut: "Einer der besonders faszinierenden Texte ist Joseph Delmonts Science-Fiction-Roman 'Die Stadt unter dem Meere'. Unter dem Meeresspiegel in einer Felsenhöhle arbeitet ein U-Boot-Verband an Wunderwaffen, die das in Not geratene deutsche Vaterland retten und einer neuen deutschen Führerfigur zum Sieg verhelfen. Da heißt es dann: 'Es fehlt dem Deutschen Reiche eines: Der große, neue Mann! Wo bleibt der deutsche Führer?'"

Überraschende Parallelen zur Gegenwart

Das Buch fesselt von der ersten bis zur letzten Seite, weil es mit historischen Möglichkeiten spielt und die Widersprüche der Weimarer Republik zuspitzt. Überraschend sind die Parallelen zur Gegenwart. Auch wenn die aktuelle Situation eine andere ist als vor 100 Jahren, sind manche Ähnlichkeiten verblüffend: Wie damals fühlen sich auch heute viele Menschen verunsichert, sie fürchten sich vor der Zukunft und suchen nach Orientierung. "Ursprünglich hatte das Schreiben des Buches gar nichts mit Dingen zu tun, die heute in der Gegenwart passieren", so Herbert Kapfer. "Aber tatsächlich habe ich bei der Arbeit gemerkt, dass es heute viele Phänomene gibt, die an die damalige Zeit erinnern: Ein Hang zu autoritären Lösungen, Sehnsucht nach einer starken Hand, völkisches Denken, radikaler Nationalismus und Antisemitismus."

1919

von
Seitenzahl:
424 Seiten
Genre:
Fiktion
Verlag:
Antje Kunstmann
Bestellnummer:
978-3-95614-283-3
Preis:
25 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 27.02.2019 | 00:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Herbert-Kapfers-Buch-1919,kapfer112.html

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