Stand: 17.02.2018 06:00 Uhr

Die Aura verlassener Orte

Silence
von Gabriela Torres Ruiz

Ein Geräusch zu fotografieren, dürfte bereits sehr, sehr schwierig sein. Kein Geräusch zu fotografieren, ist dann wohl noch komplizierter. Die in Mexiko geborene Fotografin Gabriela Torres Ruiz hat sich genau dies zur Aufgabe gemacht: Die Stille zu fotografieren, genauer gesagt Räume, die absolute Stille ausströmen; seien es Innenräume oder Naturräume. Über die Jahre ist eine Vielzahl von eindringlichen Aufnahmen entstanden, die nun ein wahrlich bildschöner Bildband zusammenfasst: "Silence".

Stille sichtbar machen

Der Charme von Verfall und bröckelndem Mörtel

Still ist es an diesem verlassenen Ort, der intensiv Vergangenheit atmet. Das grelle Tageslicht dringt kaum durch die hohen Fenster, die früher wahrscheinlich von bunten Glassteinen geschmückt waren, das leere Ziergerüst in den Fensterbögen wirkt fast wie ein Fliegengitter. Dunkel herrscht unter der hohen geschwungenen Kuppel des verfallenen Kirchenraumes; der Steinboden ist übersät von abgebröckeltem Mörtel und Schuttresten. Die Treppe im Hintergrund, wenig einladend.

An den schmutzig-blau-grauen Wänden sind noch Verzierungen auszumachen, einzelne Schnörkel zuoberst an den Pilastern. Der Blick fällt auf die wuchtig-hölzerne Balustrade an der Empore. Wer hat sich hier wohl vor langer Zeit herübergebeugt, um in den Kirchenraum hinabzuschauen? Wer hat auf dieser Kanzel gestanden, die jetzt starrend vor Schmutz und einsturzgefährdet an der Wand prangt, ohne dass der Weg hinauf ersichtlich ist? Die Gedanken schweifen, wie das Auge auch, durch die Stille.

Nahezu die gleiche Atmosphäre umweht den steilen Geröllhang, der grau, schutt- und steinbeladen vor dem Wanderer liegt. Die Kargheit der Natur weckt ähnliche Fragen: Wo bin ich hier gelandet? Wie komme ich dort hinauf, oder rutsche ich gleich ab? Kein Tier, kein Kraut, ringsumher nur Gestein in Grautönen - bin ich ganz allein?

Ähnlichkeit in der Zusammenstellung

Dem Betrachter des Bildbands fällt sofort die frappierende Ähnlichkeit der Farben und des Lichts der beiden nebeneinanderstehenden Fotografien ins Auge. Die abrutschenden Felsstücke des einen Bilds scheinen gar in die Kirche ins andere Bild gepoltert zu sein. Die Kombination der Fotos auf einer Doppelseite schafft Verbindungen, im Kopf des Betrachters entsteht - Kunst.

"Jede fotografische Arbeit hat ihre eigene Aura und kann für sich selbst interpretiert werden", hat die Künstlerin Gabriela Torres Ruiz einmal in einem Interview mit einem Kunstmagazin erklärt, "aber in Verbindung mit einem zweiten Bild bekommt sie eine andere Bedeutung. Im Kontrast entdeckst du plötzlich neue Qualitäten, die ein einzeln präsentiertes Bild nicht hat."

Das verfallende Gemäuer in Deutschland - linke Buchseite - in dem sich bereits hellgrüne Flechten über die Wände ziehen und die Gras- und Mooslandschaft an dem isländischen Fluss - rechte Buchseite - treten im Nebeneinander des Buches miteinander in Beziehung. Das silberne Aufblitzen der Flussbiegung im rechten Bild spiegelt sich regelrecht links in dem Glas des schief sitzenden, bald abbrechenden Fensterflügels.

Das ruinöse Treppenhaus, in dem der graugrüne Wandanstrich in dicken Placken abblättert, während das morsche Holz der Treppenstufen dringend nach einem Schleifer verlangt, findet seine perfekte Entsprechung in dem danebenstehenden Landschaftsfoto mit grünlichem See und daraus emporragenden abgeschabten dünnen Baumstämmen.

Das Fehlen von Menschen sorgt für Ruhe

Man könnte denken, dass es der in Mexico City geborenen und jetzt in Berlin lebenden Fotografin zuvorderst um Verfall geht, um Vergänglichkeit. Doch zentral für ihre Bildkombinationen ist stets die Stille, die über verlassenen Gebäuden und einsamen Landschaften schwebt.

"In einer Millionenstadt ist man permanent mit Lärm und Chaos konfrontiert und das lässt mich nach Stille und Schweigen suchen. Und zwar an Orten, die eines gemeinsam haben: absolute Ruhe und das Fehlen von Menschen. Heutzutage denkt man bei Stille an ein Fehlen von Tönen, an die Abwesenheit von Klang. Fehlen und Abwesenheit sind ein negativer Zustand. Ich habe dagegen eine innere Dimension der Stille erkannt, eine Art Herzens- und Gedankenstille, und das ist keine Leere, sondern ein reicher, erfüllter Raum", sagt Gabriela Torres Ruiz

Die Fotografin legt einen Bildband vor, mit dem ihr ein kleines Kunststück gelingt: Sie macht Ruhe und Einsamkeit sichtbar, weckt Assoziationen und Gedanken. Betrachter ihrer Kunst finden sich nach einer Weile, vor- und zurückblätternd und über den Bildern fantasierend, in dem glücklichen Zustand der Stille.

Silence

von
Seitenzahl:
112 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Text(e) von Timothy Persons, Deutsch, Englisch, Spanisch, 88 Abb., Leinen, 23,00 x 29,00 cm
Verlag:
Hatje Cantz Verlag
Bestellnummer:
978-3-7757-4318-1
Preis:
40,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 18.02.2018 | 17:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Gabriela-Torres-Ruiz-Silence,silence140.html

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