Stand: 10.12.2018 16:31 Uhr

Sind Frauen auf dem Buchmarkt benachteiligt?

von Kira Gantner
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Autorin Nina George beobachtet schon lange, wie präsent Frauen im Literaturbetrieb sind.

Nina George hat weltweit schon mehr als 1,5 Millionen Bücher verkauft. Doch egal, wie viel Erfolg eine Autorin hat, Nina George hatte das Gefühl, in den Medien gehe es mehr um schreibende Männer. "Ich wollte von einer gefühlten Wahrheit zu einer faktischen Wahrheit kommen", sagt sie. "Ich selbst zähle privat Frauen ja schon seit zehn oder 15 Jahren überall: in Zeitschriften, in Werbeanzeigen, auf dem Podium, als Expertin, als Kritikerin, als Wissenschaftlerin. Wie oft tauchen sie auf? Und ich hatte immer das Gefühl, es gibt so viele tolle, intellektuelle Frauen, nur kommen sie in den Medien nicht vor."

Wie häufig werden Bücher von Frauen rezensiert?

Wie oft werden Autorinnen besprochen? Nina George hat mit anderen Frauen für eine Studie der Universität Rostock nachgezählt - einen Monat lang, in 69 Medien, in Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen. Sie wäre gern überrascht worden, erzählt sie, aber leider wurde sie das nicht. Denn: Nur ein Drittel der Rezensionen befasste sich mit Büchern von Autorinnen. In zwei Drittel der Beiträge ging es um die Werke von Autoren.

Zwei Stapel Bücher mit grafisch eingefügten Prozentzahlen oben auf: 1/3 und 2/3.

Sind Frauen auf dem Buchmarkt benachteiligt?

Kulturjournal -

Welche Bücher schaffen es in die Bestseller-Listen? Das entscheiden auch die Medien durch ihre Rezensionen. Eine Studie hat belegt, dass Männer deutlich bevorzugt werden.

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Die Medienforscherin Elizabeth Prommer hat die Studie ausgewertet. Dass Männer mehr Raum bekämen, erlebe sie oft. "Die Ratio eins zu zwei begegnet uns immer wieder in den verschiedensten Studien", sagt sie. "Und das Interessante ist - und da gibt es auch Studien dazu -, wenn es ein Drittel Frauen oder ein Drittel einer Minorität im Raum gibt, dann hat man das Gefühl, es wäre ausgewogen."

Ist die Mehrheit der Autoren männlich?

In einigen Genres war das Ergebnis besonders unausgewogen. Beim Sachbuch zum Beispiel sind 70 Prozent der Rezensionen über Bücher von Männern. Und beim Krimi werden sogar noch mehr Männer-Bücher besprochen. Ist womöglich einfach die Mehrheit der Autoren männlich? Beim Sachbuch trifft das zu. Bei anderen Genres nicht.

In der Belletristik und im Krimi seien Veröffentlichungszahlen paritätisch, sagt Nina George. "Da sind die Unterschiede, inwieweit Herren besprochen werden, schon erstaunlich. Man muss fragen: Liebe Redaktionen, liebe Männer, wie sucht ihr eigentlich eure Rezensionsexemplare zusammen?" Die Frage ist berechtigt, denn männliche Kritiker berichten in 74 Prozent ihrer Beiträge über Autoren. Und sogar Kritikerinnen besprechen etwas mehr Männer als Frauen.

Kinderfernsehen: "Alle, die uns die Welt erklären, sind Männer"

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Elizabeth Prommer ist Medienforscherin an der Universität Rostock.

Wir alle hätten eben von klein auf gelernt, zu Männern aufzuschauen, erklärt die Medienforscherin Elizabeth Prommer. "Wer erzählt uns die Welt, wer sind die Experten, wer sind die Künstler, die großen Visionäre? Wenn wir groß werden, lesen wir Bücher, in denen Lehrer und Professoren Männer sind. Im Kinderfernsehen - das ist übrigens sehr auffällig - sind alle, die uns die Welt erklären, Männer. Die Checkers, die Will's-Wissen und die Sendung mit der Maus, alles Männer, die uns erklärt haben, wie Wissen funktioniert. Und auch wenn wir in die Kunstgeschichte schauen, sind das immer Männer oder bedeutende Männer gewesen. Das heißt, auch wir Frauen werden mit diesem schiefen Bild groß."

"Wer viel besprochen wird, wird von Jurys eher beachtet"

Aus welchem Blickwinkel die Welt erklärt wird, ist entscheidend. Ebenso die Sichtbarkeit einer Autorin. Nina George gibt Lesungen, sie sind eine wichtige Geldquelle und Werbung für Bücher. Rezensionen beeinflussen, wie oft eine Autorin eingeladen wird und wie viele Preise sie bekommt.

"Wer viel präsent ist, wer besprochen wird, der wird dann auch eher beachtet bei den Jurys", sagt sie. "Autoren gewinnen im Durchschnitt fünfeinhalb Mal mehr diese Preise, die mit Renommee und Geld verbunden sind, und man muss sich fragen, warum? Liegt es daran, dass sie in den richtigen Verlagen veröffentlichen? Liegt es daran, dass sie besser schreiben? Nein, sie schreiben nicht besser, sie sind sichtbarer, und alles was sichtbarer ist, wird als wertvoller wahrgenommen."

Forderung: Redaktionen sollen bewusster auswählen

Nina George und ihre Mitstreiterinnen wollen weiter zählen. Welche Bücher werden in der Schule gelesen? Wie wählen Verlage aus? Und auch weiterhin: Wen besprechen die Medien? Damit erreiche man, dass das Thema überhaupt mal auf den Tisch komme, so Prommer. "Dass einfach mal jede Redaktion für sich zählt: Was haben wir besprochen? Wer kommt zu Wort? Und am Ende des Jahres gucken: Oh, wir sind da unausgewogen, warum ist das so? Weil wir immer nur zu den gleichen greifen, weil da Routinen sind?"

Auch wir haben gezählt. Und ja, auch das Kulturjournal hat in diesem Jahr zu 68 Prozent Autoren besprochen. Und nein, damit hätten wir nicht gerechnet.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 10.12.2018 | 22:45 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Frauen-im-Literaturbetrieb,literatur262.html

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