Joachim Dicks, Ulla Lenze und Daniel Schreiber sitzen auf Stühlen auf einer Bühne und lachen sich an. © Literaturhaus Hildesheim

Daniel Schreiber und Ulla Lenze schreiben und sprechen über das Trauern

Stand: 23.06.2024 11:17 Uhr

Kaum etwas ist so prägend im Leben eines Menschen wie die Phase des Trauerns. Daniel Schreiber und Ulla Lenze sprechen darüber, was mit uns geschieht, wenn wir einen geliebten Menschen verloren haben.

Trauern lernen - geht das?

Ulla Lenze: Spontan würde ich sagen: nein. Aber auch wiederum: ja. Das Trauern ist etwas sehr Individuelles. Es hängt ab von der Art des Todes, den eigenen Lebensumständen, davon, wie gefestigt man ist, und welche Beziehung man zum Verstorbenen hatte. So kann Trauer in manchen Fällen leichter und friedlicher vonstattengehen und in anderen Fällen auch traumatisch sein und sich lange hinziehen. 

Daniel Schreiber: Für mich klingt das nach einer Frage, deren Ziel die Trauervermeidung ist. Sie impliziert, dass es so etwas wie einen Fünf-Punkte-Plan gibt für das Trauern. Dann lernen wir es und können und müssen uns diesem schwierigen Zustand nicht mehr aussetzen. Trauern heißt aber, sich genau diesem Zustand auszusetzen. Trauern heißt, sich genau in diese Phase einer fehlenden psychischen Intaktheit zu begeben, in der man nicht mehr - oder nur noch punktuell - man selbst ist, in der die Welt, die man kannte, und das Leben, das man kannte, nicht mehr existieren oder nur noch entfernt - wie hinter einem Vorhang. Wir müssen durch diese Phase durch, um zu trauern. Deswegen gibt es keinen Fünf-Punkte-Plan. Alle Ratschläge, die man lesen kann, sind relativ nutzlos. Aber was wir lernen können, ist tatsächlich, darüber zu reden. Ich glaube, unsere Bücher sind dazu da, dieses Gespräch anzustoßen.

Lenze: "Lernen" impliziert etwas Aktives. Aber Trauern ist etwas ganz Passives. Es bedeutet: zulassen können, was ist. Diese verlorenen Gewissheiten, die verlorene Sicherheit: das aushalten lernen. Ja, jetzt habe ich auch das Wort "lernen" benutzt, aber es ist eher etwas, was man geschehen lassen können muss. 

Weitere Informationen
Buch-Cover: Daniel Schreiber - Die Zeit der Verluste © Hanser Verlag

Roman "Die Zeit der Verluste": Trauerbewältigung ohne Tiefe

Daniel Schreibers Text hat durchaus poetische Passagen - und doch wirkt "Die Zeit der Verluste" konstruiert. mehr

Vielleicht noch nicht einmal "muss". Mit diesem Verb wird auch schon ein gewisser Druck formuliert. Vielleicht passt es auch nicht zur Trauer: Sie kommt einfach, auch wenn wir versuchen, sie zu verdrängen. Das erzählen Sie auch in Ihren Büchern: Verdrängung ist offenbar keine Option.

Schreiber: Verdrängen ist unsere allererste Reaktion auf schwerwiegende Verluste. Es ist eine wichtige psychische Reaktion, denn wenn wir wirklich die Tragweite der Verluste, die wir erfahren, begreifen würden, dann wären wir nicht in der Lage, morgens aufzustehen. Das betrifft nicht nur private, sondern auch kollektive gesellschaftliche Verluste. Wir erleben das ganz stark im Moment, wenn man an den Klimawandel denkt oder an die ganz langsame Aushöhlung demokratischer Strukturen und Werte. Wir verdrängen das ganz intuitiv. Wenn wir wirklich verstünden, was diese Entwicklungen bedeuten und wohin sie führen, könnten wir unseren Alltag nicht mehr leben. Aber irgendwann merkt man: Das Verdrängte geht nicht weg.

Das vollständige Gespräch hören Sie im Sonntagsstudio. Es führte Joachim Dicks.

Weitere Informationen
Junge Frau mit Smartphone senkt ihren Kopf in die Hände. © Fotolia.com Foto: kei907

Telefonseelsorge Elbe-Weser bildet Ehrenamtliche aus

Gesucht werden Menschen, die gut zuhören können. Sie werden in Gesprächsführung und Krisenintervention geschult. mehr

Der Grabstein einer Gedenkstätte für tot geborene Kinder. © Astrid Wulf Foto: Astrid Wulf

Sternenkinder: Trauerorte wie in Lübeck sollen Eltern helfen

Schwangerschaften enden oft mit dem Tod des ungeborenen Babys. Würdevolle Bestattungen können helfen, den Verlust zu verarbeiten. mehr

Verschiedene bunte Kerzen sind angezündet. © NDR

Wie ein Kieler Verein trauernden Kindern hilft

In kleinen Gruppen bekommen Kinder Hilfe, um mit ihrer Trauer umzugehen. Alle ihre Emotionen haben hier einen Raum. mehr

Cover: Vorsicht, frisch geschieden! / Wir mussten flüchten / Wie Tiere trauern © Klett Kinderbuch / Gabiel Verlag / Jumbo Verlag

Flucht, Trauer, Trennung: Kinder-Sachbücher für schwierige Themen

Sachbücher für Kinder thematisieren die Wirklichkeit, auch mit harten Themen - aber durchaus einfühlsam. mehr

Joachim Dicks, Ulla Lenze und Daniel Schreiber sitzen auf Stühlen auf einer Bühne und lachen sich an. © Literaturhaus Hildesheim

Der Norden liest: Daniel Schreiber und Ulla Lenze

Daniel Schreiber und Ulla Lenze sprechen im Literaturhaus Hildesheim über das Trauern. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Sonntagsstudio | 23.06.2024 | 20:00 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Sachbücher

Romane

Ein Latte Macchiato, eine Brille und eine Kerze liegen auf einem Buch © picture alliance / Zoonar | Oleksandr Latkun

Neue Bücher 2024: Die spannendsten Neuerscheinungen

Unter anderem gibt es Neues von Dana von Suffrin, Michael Köhlmeier und Bernardine Evaristo. mehr

Logo vom NDR Kultur Podcast "eat.READ.sleep" © NDR Foto: Sinje Hasheider

eat.READ.sleep. Bücher für dich

Lieblingsbücher, Neuerscheinungen, Bestseller – wir geben Tipps und Orientierung. Außerdem: Interviews mit Büchermenschen, Fun Facts und eine literarische Vorspeise. mehr

Der Arm einer Frau bedient einen Laptop, der auf einem Tisch in einem Garten steht, während die andere Hand einen Becher hält. © picture alliance / Westend61 | Svetlana Karner

Abonnieren Sie den NDR Kultur Newsletter

NDR Kultur informiert alle Kulturinteressierten mit einem E-Mail-Newsletter über herausragende Sendungen, Veranstaltungen und die Angebote der Kulturpartner. Melden Sie sich hier an! mehr

NDR Kultur App Bewerbung

Die NDR Kultur App - kostenlos im Store!

NDR Kultur können Sie jetzt immer bei sich haben - Livestream, exklusive Gewinnspiele und der direkte Draht ins Studio mit dem Messenger. mehr

Mehr Kultur

Eine Lasershow mit grünen Lichtern vor einem großen Festivalpublikum. © Deichbrand Festival Foto: Robin Schmiedebach

Deichbrand: The Prodigy mit spektakulärer Laser-Show

Totenköpfe, Laser und Sirenen: Die britische Band liefert eine beeindruckende Show, gefolgt von den Techno-Veteranen von Scooter. mehr