Der verhüllte Arc de Triomphe © NDR Foto: Patricia Batlle

Christos verhüllter Triumphbogen - Entstehungsprozess in Bildern

Stand: 01.10.2021 12:41 Uhr

60 Jahre nach ihrer ersten Idee und nach ihrem Tod ist die Vision von Christo und Jeanne-Claude - die Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris - umgesetzt worden. Ein neuer Bildband zeigt, wie es zur Verhüllung des Triumphbogens gekommen ist.

Der verhüllte Arc de Triomphe © NDR Foto: Patricia Batlle
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von Peter Helling

Wer Fotos vom Pariser Champs Élysées sieht, reibt sich die Augen: Der weltbekannte Triumphbogen sieht aus wie eine riesige Bonbonniere, ein Geschenkpaket oder eine Baustelle. Aber nichts davon, hier sieht man Christos und Jeanne-Claudes letztes Meisterwerk. Sie haben ihn, wie schon 1995 das Reichstagsgebäude in Berlin, mit Stoffbahnen verhüllt.

Wind und Licht lassen das Kunstwerk lebendig wirken

In Paris begann ihr gemeinsames Leben: Christo und Jeanne-Claude haben seit 1961 hartnäckig an ihrem Traum gearbeitet, den Triumphbogen zu verhüllen. Und sie haben es - nach ihrem Tod - geschafft. Gerade erst, am 18. September, war die feierliche Eröffnung:

Christo erklärt: "Es wird aussehen wie ein lebendes Objekt, das sich im Wind bewegt und das Licht reflektiert. Der wehende Faltenwurf wird die Oberfläche des Monuments sinnlich erscheinen lassen. Die Leute werden den Triumphbogen berühren wollen", versprach Christo. Mit diesem Buch lässt sich in die Denkwerkstatt des Künstlerpaars eintauchen, denn schon 1962 entstand die erste Fotomontage des verhüllten Monuments - die Idee war geboren."

Das Schöne: Ihre Kunst ist vergänglich. Ob der verhüllte Reichstag 1995 oder der Pont Neuf 1985, die beiden Künstlerpersönlichkeiten wollten diesen einmaligen Moment erschaffen, den Moment kollektiven ästhetischen Genusses. Ein Vergnügen auf Zeit. Im Fall des Triumphbogens 16 Tage lang, bis zum 3. Oktober. Mehr Worte braucht diese Kunst nicht.

Die mühsame Vorarbeit führt zum krönenden Abschluss

Der Effekt ist überwältigend: Die Verhüllung eines Gebäudes, das jeder kennt, lässt seine ursprüngliche Idee aufscheinen. Es wird selbst zur Zeichnung. Als würde es zurückgebaut. Als würde es wieder "unschuldig". Die Idee des Arc de Triomphe: auftrumpfend, die Geste imperialer Macht Frankreichs. Der verhüllende Stoff zähmt, reduziert seine Wucht, macht sie lesbar. Ja, bricht sie auch. Er wird zu einer Skulptur wie unter Eis. Die dynamischen, skizzenhaften Zeichnungen Christos, die man in dem Bildband findet, bereiten die Metamorphose vor.

Bauarbeiter verpacken den Triumphbogen in Frankreich am 13. September - ein Projekt des Künstler-Ehepaars Christo und Jeanne-Claude,
12.09.2021, Frankreich, Paris: Gebäudekletterer haben mit der Verhüllung des Triumphbogens (Arc de Triomphe) begonnen. Bis zum 18. September 2021 soll die Verhüllung vollendet sein · und damit ein Lebenstraum des Künstler-Ehepaars Christo und Jeanne-Claude, dessen Erfüllung beide jedoch nicht mehr miterleben können. Jeanne-Claude starb 2009, Christo am 31. Mai 2020. Foto: Thomas Samson/AFP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ © Thomas Samson/AFP/dpa +++ dpa-Bildfunk Foto: Thomas Samson
AUDIO: Verhüllter Triumphbogen in Paris - "Der Reiz des Unmöglichen" (10 Min)

So sind die mühsame Vorarbeit, die Planung, das langwierige Werben ganz wesentlicher Teil der Kunst von Jeanne-Claude und Christo: Die Verhüllung an sich wirkt da nur noch wie der krönende Abschluss. Einige Fotos zeigen Christo, diesen beharrlichen, grauhaarigen Don Quijote im Hôtel de Marigny beim Verhandeln. Oder in einem Berliner Ingenieursbüro bei der Auswahl von Stoffproben. 25.000 Quadratmeter waren notwendig.  

Christo sagt: "Stoff ist wie eine zweite Haut. Selbst wenn ich den freien Blick auf die Dinge versperre, schaffe ich etwas Einladendes. Die Verwendung von Stoff ist schließlich etwas anderes als die Errichtung einer Mauer, die von Natur aus abweisend ist und ausgrenzt. Stoff ist ein sinnliches Material, das uns dazu anregt herauszufinden, was darunter verborgen liegt."

Zwischen Arbeitsdokumentation und Werkstattbericht

Fotos liefern einen Blick in die Garnwerkstatt in Deutschland, in die Hallen in Lübeck, wo die riesigen Stoffbahnen vernäht werden. Schließlich eine Reihe von taufrischen Fotos, wie die Stahlskelette angebracht werden, um die kraftstrotzenden Figuren-Ensembles zu schützen.

Jeanne-Claude ist 2009 verstorben, Christo hat bis kurz vor seinem Tod im Mai 2020 an dem Projekt gearbeitet. Ein Foto zeigt ihn allein vor dem maßstabgetreuen Modell. Das berührt. Schon ganz am Anfang: zwei Schwarzweiß-Fotos der beiden in Paris, jung, wild, eine Vergangenheit, die jetzt, in diesen Tagen, genau 60 Jahre später, Gegenwart wird. So ist diese Kunst eine Wette auf die Zukunft. Der Bildband macht daraus eine sinnliche Reise ins Offene, hin zu dem, was möglich ist.

Das Buch ist streckenweise nüchterne Arbeitsdokumentation und Werkstattbericht. Manchmal verströmt es die Funktionalität eines Werbeprospekts. Erklärende Texte? So gut wie nicht vorhanden, leider. Auch ein Foto des fertig verhüllten Monuments findet sich hier nicht. Aber das ist nur konsequent. Hier gilt: Der Weg ist das Ziel. Den Rest muss man erleben.

Wolfgang Tillmans - Four Books

von
Seitenzahl:
512 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Hardcover, 15,6 x 21,7 cm, 1,41 kg
Verlag:
Taschen Verlag
Bestellnummer:
978-3-8365-8253-7
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 03.10.2021 | 17:40 Uhr

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