Stand: 13.10.2016 19:55 Uhr  - Bücherjournal

Carolin Emcke: Für Freiheit und gegen den Hass

von Sven Waskönig

Sie will es erzählen, so wie es ist. Carolin Emcke schreibt mit der tiefen Überzeugung, dass wir mehr begreifen müssen vom Zustand unserer Welt und auch von den Kriegen, die in ihr geführt werden, engagiert und immer unterwegs im Interesse einer menschlicheren Gesellschaft. Sie ist nachdenklich, hintersinnig, philosophisch, manchmal poetisch, immer politisch. Es geht ihr um Gerechtigkeit, um Demokratie, darum, wie wir zu dem werden, was wir sind. Es geht ihr um Schmerz, brutalen Terror, Sehnsucht, politische Lösungen, große und kleine Gefühle, Hoffnung und Liebe, aber auch um Macht und die dahinter liegenden Strukturen. Fünf Bücher hat sie inzwischen geschrieben: "Stumme Gewalt - Nachdenken über die RAF",  "Weil es sagbar ist - Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit", "Wie wir begehren", "Von den Kriegen - Briefe an Freunde" und "Kollektive Identitäten - Sozialphilosophische Grundlagen". Ihr sechstes, "Gegen den Hass", ist gerade erschienen.

"Es hat so etwas von Murmeln"

Carolin Emcke studierte Philosophie, Politik und Geschichte, unter anderem in London und Harvard. Sie denkt laut nach und bringt uns auf wichtige Gedanken - in Reden, Büchern und Artikeln. Wer ist sie? Reporterin, Philosophin? Wortbastlerin? "Es hat so etwas von Murmeln", beschreibt sie ihr Wirken. Schreiberisches Murmeln. In dem Bemühen darum, einen Sachverhalt oder einen Gedanken oder etwas Erlebtes so präzise wie möglich zu beschreiben, entwickele sich ein Gedanke langsam so, dass er sich für sie selbst auch erst kläre.

Die richtigen Worte und Erklärungen finden

Bekannt und beachtet wurde die Autorin zunächst durch ihre Kriegsreportagen. Sie erkundet unzugängliche Zonen, um teilzuhaben an der Wirklichkeit: In ihrem ersten erfolgreichen Buch "Von den Kriegen" erzählt Carolin Emcke von ihren Reisen nach Pakistan, Afghanistan und in den Irak. Respektvolle Neugier, intensive Recherche - das macht den Sound ihrer Geschichten aus. "Es gibt Journalisten, die denken die ganze Zeit schon in Texten. Die denken nicht über die Welt nach, sondern die denken über Texte nach. Und ich bin eigentlich erst einmal sehr lange nur damit beschäftigt, zu versuchen, etwas zu verstehen und es möglichst genau zu verstehen."

"Diese unfassbar entgrenzte Schäbigkeit"

Sie findet Beschreibungen und stellt Fragen. "Wir glauben gern daran, dass es uns möglich ist, Gefahren zu entschärfen, wenn wir ihnen einen Namen geben können", sagt sie: "Rumpelstilzchen verliert seine Macht, wenn wir erraten, wie es heißt. Doch manchmal tobt und wütet Rumpelstilzchen selbst wenn wir wissen, wie es heißt."

Dabei hat sie auch das Geschehen direkt vor der Haustür immer im Blick. Am 13. August hält sie die Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale 2016 in Bochum und fragt dort: "Wie lässt sich dieses Klima der öffentlichen Verrohung erklären, diese unfassbar entgrenzte Schäbigkeit, mit der hier, in unserer Demokratie, aber auch an anderen Orten in Europa, gehetzt und agitiert wird?"

Engagiert gegen rechts

Das ständige virtuelle Miterleben aller Krisen empfindet sie als Qual - und als unerträglich die Verschiebung des öffentlichen Diskurses nach rechts: "Ich wundere mich immer ein bisschen, dass man das Selbstverständliche begründen muss - und die Unverschämtheit nicht begründen muss", beklagt Emcke. Engagierte Bürger und Bürgerinnen, die sich für Flüchtlinge eingesetzt haben, müssten sich rechtfertigen für das, was sie tun - während die anderen, die Geflüchtete angreifen oder deren Häuser anzünden, sich nicht rechtfertigen müssten.

Musik als Wegweiser

Zu erzählen, wie sie wurde, was sie ist - auch das gehört zu ihren Stärken: "Es war Musik, die mir den Weg zu meinem Begehren gewiesen hat - nicht Literatur, nicht Film", sagt Emcke. "In einer Zeit, in der von Homosexualität, Bisexualität, von anderen Arten des Begehrens nicht gesprochen wurde, war es die Musik, deren Sprache mir all das eröffnete, was ich später erotisch erleben sollte."

Auch in ihrem Bekenntnis zur eigenen Homosexualität hat sie sich schreibend auf die Suche begeben. Ihr Buch "Wie wir begehren" ist eine Liebeserklärung an die lesbische Lust und die freie Entfaltung der Persönlichkeit: "Wie ich liebe und wie ich begehre, ist etwas, was mich so glücklich macht wie Menschen, die anderes begehren, eben auch", bekennt Emcke. Zum Lieben gehöre dazu, dass man anderen davon mitteilen, dass man seine Liebe zeigen möchte: "Nicht, um es anderen aufzuoktroyieren, nicht um zu missionieren, sondern einfach, weil es zum Empfinden des Glückes gehört", sagt sie.

Werte oder nur noch Worthülsen?

Gleichheit? Freiheit? Brüderlichkeit? Der infrage gestellte Dreiklang der Aufklärung bildet in Bochum das Motto der diesjährigen Ruhrtriennale. Sind das nur noch Worthülsen oder Werte, für die wir einstehen? Wer könnte darüber besser nachdenken als Carolin Emcke.

Johan Simons, Intendant der Ruhrtriennale, weiß, warum er der streitbaren Publizistin vertraut: "Was ich mit ihr verbinde, ist Menschlichkeit. Weil es ihr gelingt, die Dinge, die große Politik, von der Makro-Ebene auf ein sehr menschliches, persönliches Niveau zu bringen."

Und so stellt Carolin Emcke in Bochum fest: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - das sind reflexhafte Appelle geworden, magische Namen, die unsere Angst verhüllen sollen, Angst vor der Gewalt, Angst vor dem Terror. Angst vor dem, was es am meisten braucht: nämlich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit."

Die Welt und sich selbst schreibend verstehen - dafür erhält Carolin Emcke am 23. Oktober in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

NDR Info Spezial überträgt den Festakt ab 10.45 Uhr direkt auf DAB+.

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Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 19.10.2016 | 00:00 Uhr

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