Bernd Rauschenbach: "Arno Schmidts Zettel's Traum" © Suhrkamp

Bernd Rauschenbach: "Arno Schmidts Zettel's Traum"

Stand: 15.12.2020 14:32 Uhr

Das Skandalwerk ist extrem lang, unwahrscheinlich groß, sehr teuer und unglaublich schwer zu lesen. Trotzdem wurde es seit 1970 schon rund 30.000 Mal verkauft.

von Matthias Schümann

Es gab Nachauflagen und jetzt ist zum 50. Jubiläum des Erscheinens sogar ein Lesebuch erschienen, das Auszüge aus dem monumentalen Roman enthält.

Rauschenbachs Lesebuch soll den Zugang zu diesem Werk erleichtern

Rein äußerlich ist dieser Roman überschaubar: Vier Personen stehen im Mittelpunkt, das Übersetzer-Ehepaar Wilma und Paul Jacoby nebst ihrer 16-jährigen Tochter Franziska, sowie Gastgeber Daniel, genannt Dän, Pagenstecher. Der Handlungszeitraum umfasst gerade mal einen Tag, und auch der Ort in der Lüneburger Heide, wo das Buch spielt, ist eher klein.

Das Feuerwerk, das Arno Schmidt vor diesem Hintergrund abfackelt, ist alles andere als überschaubar. Als "Zettel's Traum" 1970 erschien, war die Auflage schnell vergriffen. Was aber nicht unbedingt heißt, dass das Buch auch gelesen wurde, mutmaßt Bernd Rauschenbach, der Leiter des Arno-Schmidt-Hauses in Bargfeld bei Celle.

Rauschenbach glaubt: "Zettel's Traum" hat ja auch ein bisschen einen Kult-Charakter, und man kauft das manchmal auch, ohne vorzuhaben, es zu lesen. Vor allem, wenn man drin geblättert hat und gemerkt hat, dass es nicht so einfach ist. 

Den Zugang zum Roman soll nun das "Zettel’s Traum"-Lesebuch erleichtern, ein handliches Paperback, herausgegeben von Bernd Rauschenbach, der erklärt: "Wir sind auf die Idee gekommen, schöne Stellen, um das mal ganz plakativ zu sagen, schöne Stellen aus dem Buch herauszusuchen und als einzelnes Buch herauszubringen."

Das Buch konzentriert sich auf die romanhaften Passagen

"Schöne Stellen", das heißt vor allem romanhafte Stellen. Arno Schmidts ausufernde Untersuchungen zu Edgar Allen Poe, die die Romanhandlung fast erdrücken, bleiben außen vor, übrig bleiben Passagen, die den Autor in Höchstform zeigen. Mit einem allwissenden Erzähler-Ich, mit scharf beobachteten Details, mit Anleihen bei Shakespeare zum Beispiel oder Jacques Offenbach, voller Geschichten von geschmähten oder sogar erschlagenen Dichtern.

Es mögen nun wohl rund an die 120 Jahre her sein, dass Bauern, (aufgehetzt und angeschürt vom Pastor Loci), hier - demonstrierend mit dem Finger ans Holz getippt - hier einen Dichter verscharrt haben, der sie öfters beschrieb. An dem Faktum selbst ist nicht zu zweifeln. Ich zeige euch dann, wenn ihr durchaus wollt, die herrlich einschlägigen 'Steckbriefe' im "AmtsBlatt für das Königreich Hannover". Leseprobe

Arno Schmidt hat unermüdlich an dem Werk gearbeitet

Das Lesebuch dokumentiert auch die Entstehung des Romans. 1962 begann Arno Schmidt mit der Materialsammlung, 1965 fing er an, das Buch zu schreiben, vier Jahre später war er fertig. Ein Kraftakt, wie der Autor in einem NDR-Interview bemerkte.

"Es war natürlich keine 40-Stunden-Woche, ein Ausdruck, den ich bald nicht mehr hören kann, meine Woche hat, wenn ich Glück habe, 100. Ich stehe sehr zeitig auf, um drei Uhr muss ich, vor drei darf ich, und die Nebenarbeiten waren ungeheuerlich, obwohl ich ja selber ein alter Bücherfresser und -verschlinger bin", erzählt Arno Schmidt.

In "Zettel’s Traum" brachte Arno Schmidt seine Etym-Theorie zur vollen Blüte, das heißt: Worte überlagern sich und bekommen durch bewusst falsche oder abgeänderte Schreibung mehrfache Bedeutungen. Ein Weg durch dieses Wortgestrüpp könnte lautes Lesen sein, weil sich dabei der fast schon umgangssprachliche Stil Arno Schmidts offenbart.

Die Lesebuch-Ausgabe erleichtert dies, weil Bernd Rauschenbach den ursprünglich in drei Spalten gesetzten Text radikal auf eine Spalte reduziert hat. Was dazu wohl der Autor gesagt hätte? Auf so eine Frage antwortet Bernd Rauschenbach eigentlich nicht: "...aber wenn Sie unbedingt eine Antwort haben wollen: Schmidt hat immer sehr drauf geachtet, dass die Bücher so gesetzt werden, wie er das will, und das war nicht immer ganz einfach. Andererseits hat er von seinen Büchern leben müssen und wollte natürlich, dass seine Bücher verkauft werden. Da irgendwo zwischen wird seine Antwort sein. Von: 'Ihr habt wohl einen Knall!' bis 'Na schön, wenn sich dadurch 1.000 Bücher mehr verkaufen, soll es mir recht sein'.

Das Lesebuch macht ein Sprachkunstwerk zugänglich, das sperrig ist und von überschießender Gelehrsamkeit, das aber auch voller Humor steckt und einen ganz intimen Blick auf die Bundesrepublik der 1960er-Jahre eröffnet. In dieser abgespeckten Variante dürfte das Lesebuch dafür sorgen, dass "Zettel's Traum" nicht nur gekauft, sondern auch gelesen wird.

Arno Schmidts Zettel's Traum

von Bernd Rauschenbach
Seitenzahl:
232 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-80450-6
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.12.2020 | 12:40 Uhr

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