Stand: 27.09.2018 12:26 Uhr  | Archiv

Kunst, die das Denken verändert

von Annkathrin Bornholdt

Anarchisch und verrucht, unkonventionell und politisch. Die sogenannte Street Art ist ganz fest mit dem Image des Unangepassten verbunden. Weltweit gibt es kaum eine Großstadt, auf deren Mauern und Asphalt nicht spannende Werke von Street-Art-Künstlern zu entdecken sind. In dem Bildband "Street Art" porträtiert die Fotojournalistin Alessandra Mattanza 20 bekannte Künstlerinnen und Künstler.

Politische Botschaften werden zu Poesie

Wer von Street Art spricht, kommt an ihm nicht vorbei: an Banksy, dem geheimnisvollen Undercover-Künstler aus Bristol, dessen Werke weltweit wie aus dem Nichts auftauchen und dessen Fans stets auf der Lauer nach seinen neuesten Coups sind. Ein schwarz gekleideter Vermummter, der statt mit Steinen mit Blumen wirft. Das Gemälde "The Flower Thrower" erschien 2005 an einer Wand in Bethlehem. Oder der asiatische Kindersoldat, dessen Maschinengewehr mit Buntstiften geladen ist: "Crayola Shooter", 2010 in Los Angeles. Eine Magie, die bis ans Ende der Welt reicht, schafft etwas Universelles und verwandelt politische Botschaften in Poesie - und all das trotz aller Gesetze und Kritiken, die Street Art als Vandalismus betrachten.

Banksy und seinen Werken widmet Alessandra Mattanza, die Autorin des Buchs, ein besonders ausführliches Kapitel, das Einblicke in seine Persönlichkeit und Arbeitsweise gibt. Banksy verwendet eine Schablonentechnik, die es ihm ermöglicht, seine Werke vor dem Auftragen genau zu planen: Der Großteil seiner Arbeiten entsteht im Studio, da ihm auf der Straße nur wenig Zeit zur Verfügung steht, um die Arbeit zu vollenden, wenn er im Verborgenen agiert (laut einer urbanen Legende, braucht er nie länger als 15 Minuten). Street Art wird natürlich nicht allein von Banksy repräsentiert.

Eine extrem demokratische Kunstform

Mattanza hat 20 Künstlerinnen und Künstler getroffen und nach ihrer Motivation und Arbeitsweise befragt. Sie erzählt von den Anfängen der Street Art im New York der 70er-Jahre, von Pionieren wie Keith Haring, Basquiat und Blek Le Rat. Sie bringt auf den Punkt, was sie an dieser Kunstform so fasziniert: Sie erreicht jeden Winkel, selbst in den vernachlässigsten und abgelegensten Gegenden der Erde, denn sie spricht die Herzen der Menschen an. Darin liegt ihre wirkliche Macht: Sie erreicht jeden, ohne Diskriminierung, da sie eine extrem demokratische Kunstform ist. Sie ist frei und wild und sinnlich.

Unheimlich filigran und berührend sind zum Beispiel die Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Caledonia Dance Curry, die sich Swoon nennt und mit knapp 20 nach New York kam. "Für mich war die ganze Stadt ein Kunstwerk", erinnert sie sich. Die Graffiti in den Straßen haben sie sofort begeistert. Swoon bringt viele ihrer großformatigen Arbeiten mit Papier und Kleister auf Wände auf: die zwei neugierigen Kinder zum Beispiel, die aussehen, als seien sie mit Bunt- und Bleistift auf eine blaue, mit Ornamenten verzierte Ziegelwand skizziert worden.

Street Art hat sich zu etablierter Kunst entwickelt

Street Art hat sich im Laufe der Jahrzehnte zur anerkannten Kunstform entwickelt. Sie fand anfangs vor allem dort Raum, wo es an Geld und Ressourcen für Repressionen fehlte. Wie etwa in Ost-Berlin nach der Wende, wovon noch heute die sogenannte East Side Gallery zeugt. Wie die etablierte Kunst, ist auch die Street Art nur durch echtes Können und harte Arbeit richtig gut. Zahlreiche der hier vorgestellten Künstler haben studiert und sich spezialisiert. Manche fertigen sogar Auftragsarbeiten für große Museen an.

Slinkachu schafft mit seinen winzigen menschlichen Figuren humorvolle Szenen mitten in der Stadt, Evol verwandelt Stromkästen und Häuserwände in täuschend echt aussehende Plattenbauten und ROA lenkt mit gigantischen Zeichnungen von Giraffen, Nashörnern und Elefanten den Fokus auf das Schicksal bedrohter Tiere.

All diese Künstler sind Teil einer Collage aus Seelen, Ideen und Träumen, ein wunderbarer Spiegel der Menschheit und ihrer zahllosen Facetten. So fasst die Autorin es zusammen. Sie ist überzeugt: Street Art kann unseren Blickwinkel und unser Denken verändern. Dieser mit knapp 30 Euro vergleichsweise preiswerte Bildband ermuntert dazu, die Mühe, die Ideen und das Talent hinter den Werken zu beachten und sich von der Kreativität der Künstler inspirieren zu lassen.

Street Art

von Alessandra Mattanza
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Gebundenes Buch, Pappband, 21,5 x 28,0 cm, 250 farbige Abbildungen
Verlag:
Prestel
Bestellnummer:
978-3-7913-8447-4
Preis:
29,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 30.09.2018 | 17:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Alessandra-Mattanza-Street-Art-,streetart630.html

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