Stand: 23.09.2018 10:00 Uhr

Die tausend Gesichter der Romy Schneider

Adieu Romy - Portraits und Filmbilder
Vorgestellt von Lenore Lötsch

80 Jahre wäre sie am 23. September geworden: die Schauspielerin Romy Schneider. Es ist eine Gesetzmäßigkeit der Buchbranche, dass zu solchen Jubiläen und Geburtstagen eine ganze Reihe neuer Titel erscheint. "Ein Geschenk für jeden Romy-Schneider-Fan" - mit dieser Ankündigung wirbt beispielsweise der Verlag Schirmer / Mosel für einen Bildband mit dem Titel "Adieu Romy". Das "Geschenk" ist allerdings eines, das so ähnlich schon einmal verschenkt wurde. Bereits 2002, damals war es der 20. Todestag, erschien ein Band mit dem Titel "Adieu Romy" in der Reihe "Bibliothek der Klassiker". Nun wurde das Buch um 25 auf 115 Fotografien erweitert und bekam ein neues Cover.

Adieu Romy

Nicht süß, sondern eigensinnig

"Ich bin nicht zuckersüß, ich bin ungeduldig, eigensinnig, nervös", hat Romy Schneider einmal gesagt, und es bleibt unerklärlich, warum der Verlag für das Cover des Bildbandes ein Porträt  ausgesucht hat mit pastell-rosa Hintergrund voll klebriger Bonbonsüße. Auch das glatt geschminkte Gesicht der Schneider, ihre nackten Arme, ihr Dekolleté, die strassbesetzten Spaghettiträger ihres Kleides wirken auf diesem Foto wie eine weichgezeichnete Version von Schönheit. Muss man sie denn wirklich im Jahr 2018 darauf reduzieren?

"Es gibt Gesichter, auf denen man lange verweilen kann. Gesichter, in die man träumend versinkt" schreibt die Schauspielerin Hanna Schygulla in einem Begleittext zum Buch "Adieu Romy". "Manche haben von der Musik in diesem Gesicht gesprochen. Für den einen war sie Mozart und für den anderen Verdi oder Mahler, Musik zwischen seliger Gelöstheit, dramatischer Spannung und dem Wissen um die Unlösbarkeit dieser Spannung."

Flirt mit der Kamera

Wer den Bildband - trotz des Covers - aufschlägt, wird genau das sehen: Romy Schneider war eine Verschwenderin, aber auch eine gnadenlose Selbstdarstellerin vor der Kamera. Es war die Bindung in ihrem Leben, die am längsten Bestand hatte. Doch es war nicht nur ein Spiel, ein Flirt zwischen ihr und dem schwarzen Kasten, die Kamera war auch immer ihr Halt. Von der Begeisterung und der ansteckenden Neugierde im Gesicht der vielleicht 10-jährigen Romy am Anfang, bis zum offenen Lächeln der 42-jährigen am Ende des Bildbandes. Private Aufnahmen, vor allem aber Standbilder aus ihren insgesamt 58 Filmen und die berühmten Porträts namhafter Fotografen zeigen eine kokettierende, laszive, dann wieder schüchterne, mitunter auch zweifelnde Romy Schneider. Eine Frau mit tausend Gesichtern, die sich am wohlsten fühlt, wenn ein Fotograf sie einfach machen lässt.

1962 präsentierte sie sich dem Fotografen Douglas Kirkland als von oben hinabblickende Schönheit mit Perlenkette. Bei jeder anderen würde in dieser Pose die Arroganz den Ausdruck bestimmen, bei der Schneider aber ist es die Keckheit, die siegt.

Schnappschüsse und inszenierte Porträts

Ein Jahr vorher hat Roger Fritz sie in Paris fotografiert, ein schwarz-weißer Schnappschuss, Romy Schneider schaut weg von der Kamera, zieht den Kragen ihres Mantels hoch, als wolle sie sich verkriechen, und obwohl ihre Augen ungeschminkt sind und von einer kurzen Nacht erzählen, können sie nicht anders, als scheu zu lächeln. Aber es ist ein ganz anderes Lächeln als auf dem Foto von Philippe Le Tellier. Er fotografierte bei den Dreharbeiten zum Film "Der Swimmingpool". Erstmals nach ihrer Trennung stand die Schauspielerin wieder mit ihrem einstigen Lebenspartner Alain Delon vor der Kamera. Sie lächelt nicht, sie strahlt, alles in ihrem Gesicht ist offen, erzählt von einem Sommertag und Glück.

Doch man kann die Fotos aus vier Jahrzehnten nicht trennen von ihrem Leben und den großen Tragödien, die genauso zur kollektiven Erinnerung an Romy Schneider gehören. Beim Betrachten nagt der Zweifel: War ihr Lächeln am Swimmingpool in der Sonne Südfrankreichs oder mit dem Strohhut in den Ferien an der Côte d'Azur vielleicht doch nur die Inszenierung von Natürlichkeit?

"Mein Leben ist eine Synthese von Film und Leben - zu Ungunsten des Lebens", hatte sie einst gesagt. Der Bildband "Adieu Romy", gerade mal so groß wie ein A5-Taschenkalender, erzählt in einem gelungenen Wechsel von Schwarz-Weiß-Fotos und satten Farbfotografien von der Karriere Romy Schneiders, vom Leben, vor allem aber von einem Gesicht, das spielen konnte und leuchten, wenn der Auslöser gedrückt wurde.

Drei Tage in Kitzbühel

Dieses Gesicht ist auch das, was für den Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg bleibt. "Romy. Porträt eines Gesichts" heißt sein Dokumentarfilm, dem der Verlag Schirmer / Mosel einen zweiten Romy-Bildband widmet: Drei Tage verbringt der Dokumentarfilmer Syberberg mit der Schauspielerin 1966 in Kitzbühel. Und auch ihm öffnet sie sich schonungslos: "Ich bin 27, das ist ja nicht so alt, ich will nicht mehr meine ganze Kraft für diesen Beruf hergeben, es ist mir nicht mehr genug."

Das Buch "Romy in Kitzbühel 1966" erzählt in Bildern und den Interviews mit Romy Schneider aus dem Film und mit Begleittexten des Regisseurs Syberberg von einer intensiven Begegnung und einem grandiosen Scheitern: Der Film durfte nicht erscheinen, Romys späterer Mann Harry Meyen fand die Schauspielerin darin zu melancholisch, zu nachdenklich. Romy Schneider schwieg bei den Verhandlungen, auch als Syberberg entnervt aufgab, seinen Namen nicht für eine geglättete Fassung des Films hergeben wollte. Sie hatte sich ja der Kamera offenbart, der Liebe ihres Lebens.

 

Romy Schneider © F.C. Gundlach Foto: F.C. Gundlach

Feature: Sie mich nicht, wie einsam ich bin

NDR Kultur - Feature -

Romy Schneider war eine der wenigen deutschsprachigen Schauspielerinnen der Nachkriegszeit von internationalem Rang. Das Feature erzählt ihre Geschichte.

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Adieu Romy - Portraits und Filmbilder

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Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit Texten von Klaus-Jürgen Sembach, Hanna Schygulla und Michel Piccoli.
Verlag:
Schirmer/Mosel
Bestellnummer:
978-3-8296-0857-2
Preis:
9,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 23.09.2018 | 17:40 Uhr