Porträtaufnahme von Charly Hübner. © IMAGO / Rainer Unkel Foto: Rainer Unkel

Charly Hübner: Ein Typ wie ein Ausrufezeichen

Stand: 12.05.2021 11:09 Uhr

Ob Theater, Regie, Comedy oder Film: Charly Hübner ist ein Publikumsliebling. 2021 inszeniert das Multitalent seinen ersten Spielfilm: "Sophia, der Tod und ich".

Charly Hübner ist eine Wucht: 1,92 Meter groß, über 100 Kilo schwer, unrasiert, strubbelige Haare, Bauch. Ein Typ wie ein Ausrufezeichen und einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler. Er verkörpert entgleiste, entrückte und theatralische Figuren auf der Bühne, führt Regie und dreht zahlreiche TV- und Kinofilme (unter anderem "Das Leben der Anderen", "Banklady", "Ohne Dich", "Bornholmer Straße") und brilliert seit 2010 in der Krimireihe "Polizeiruf 110". Nach zwölf Jahren als Kommissar Sascha Bukow wird er die Reiheim kommenden Jahr verlassen.

Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen ist der Schauspieler in all seinen Rollen authentisch - trotz "Genre-Hopping". Belege? Grimme-Preis, Bayerischer Filmpreis, Goldene Kamera, Bambi.

Nun wartet eine neue Herausforderung auf ihn: Bei zwei Dokumentationen hat er bereits Regie geführt, mit dem Roadmovie "Sophia, der Tod und ich" nach Drehbuch von Lena May Graf dreht Hübner im Spätsommer 2021 nun seinen ersten Spielfilm.

Charly Hübner wächst in der DDR auf

Am 4. Dezember 1972 geboren, wächst Hübner in der DDR im Kreis Neustrelitz auf. Die Vorstellung, Schauspieler zu werden, ist für ihn damals illusorisch. Die kleinbürgerlichen Verhältnisse in einer wenig besiedelten Landschaft mit einem sehr eigenen Menschenschlag haben ihn geprägt. Das Sichloslösen von und das Anreden gegen etwas ist ein Relikt seiner Kindheit und Jugend in der DDR.

In der neunten Klasse will Hübner Leistungssportler werden und Sport studieren. Er gewinnt sogar einmal die Russisch-Olympiade. Auf dem Podest stehen und beachtet zu werden, gefällt ihm. Mit 17 platzt der Traum. Ein Arzt im Internat diagnostiziert ihm ein gefährlich großes Herz, das keine Sportler-Karriere aushalten würde.

Vater war in der DDR ein "staatstreuer Diener"

Über einen Freund kommt er zur Schauspielerei. In Neustrelitz spielt er nach seinem Abitur 1991 Theater. "Ich hatte kein Künstlerumfeld, sondern nur staatstreue Diener um mich herum", sagt er heute über die Zeit vor dem Mauerfall.

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Auch sein Vater ist einer dieser "staatstreuen Diener". Das ahnt Charly Hübner, wissen tut er es lange Zeit nicht. Erst ein Jahr vor seinem Tod - zur Premiere des Films "Das Leben der Anderen" 2006, in dem Hübner einen Stasi-Oberfeldwebel spielt - gesteht ihm sein Vater, als informeller Mitarbeiter für die Stasi gearbeitet zu haben. Auf dem Rückweg von der Premiere im Auto sagt er zu Hübner: "Solche Kameras wie in dem Film hatten wir nicht." Viel mehr erfährt er nicht. Die Bombe ist geplatzt.

Sein Vater Hannes Hübner ist zu DDR-Zeiten stellvertretender Bürgermeister, Stadtrat für Kultur und Chef von einem Hotel - ohne SED-Mitgliedschaft und Kooperation mit der Stasi waren solche Positionen undenkbar. Hübner und sein Bruder beantragen nach dem Tod des Vaters Einsicht in die Stasi-Akten. "Es war eine Reise zu einer Vaterfigur, die man nicht kennt", sagte der Schauspieler 2013 im Magazin der "Zeit". Die Nacht des Mauerfalls verpennt Hübner als damals noch knapp 16-Jähriger übrigens betrunken.

Theaterstopp, Sinnkrise, Hautausschlag

Nach dem Mauerfall bricht er aus der kleinbürgerlichen Enge an der Feldberger Seenplatte in Mecklenburg aus. Er geht nach Berlin auf die Ernst-Busch-Schauspielschule. Später spielt Hübner am Theater "Turm in Frankfurt" und im "Schauspiel Köln".

Innerhalb von sieben Theaterjahren spielt Charly Hübner große Rollen in fast 40 Stücken. Dann ist er ausgebrannt. Es folgen Theaterstopp, Sinnkrise, Hautausschlag an den Händen und Therapie. Er soll aufschreiben, was er eigentlich will und beginnt Tagebuch zu schreiben. Was stand drin? "Ich fühle mich blöd. Theater ist Scheiße. Habe aufgehört zu rauchen. Habe wieder angefangen zu rauchen", zitiert er 2013 dem "Zeit-Magazin".

Bis heute stellt sich Hübner in seinem Tagebuch alle paar Wochen Fragen, als wäre er eine Figur, der er sich nähern muss: Bin ich gesund? Habe ich Freunde? Bin ich mit der Arbeit zufrieden? Mit der Liebe? Er prüft die Stabilität in seinem Leben. Der Ausschlag an den Händen ist nicht wiedergekommen.

Aus der Krise zum Film

Nach der Sinnkrise ging es zum Film. Der Schauspieler bewirbt sich mit einem 15-minütigem Tatort-Film, in dem er alle Rollen selbst spielt. Es folgen Angebote. Hübner macht Filme im Akkord: Allein 2005 dreht er 17 Filme - heute nennt er das "ein Experiment - alles, was ging". Im Jahr darauf dreht er nur noch, was ihm am Herzen lag. 2009 meldet sich der NDR an - mit einem Angebot.

"Polizeiruf 110": Charly Hübner wird zum Bukow

Als seine Agentin ihm das Angebot für die Rolle im "Polizeiruf 110" am Telefon mitteilt, kann Hübner es kaum fassen. "Jetzt ruf' noch einmal an und sag' genau das Gleiche", soll er laut "Tagesspiegel" 2011 zu ihr gesagt haben. Es klingelt.

Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) © NDR/ Foto: Christine Schroeder
Seit 2010 ermitteln Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau als Kommissarteam im "Polizeiruf 110".

Er soll die Rolle des Ermittlers Alexander Bukow mitgestalten. Hübner schaut sich alle bisher gelaufenen "Polizeiruf"-Folgen an. Er boxt sich sprichwörtlich in die Rolle rein. Er überlegt, was Bukow für Sportarten macht, wie seine Großeltern und Eltern waren, in welchem Umfeld er groß wurde. Wie pflegt der Freundschaften? Was ist sein letzter Gedanke vorm Schlafengehen? Sternzeichen? Hobbys? Wie trägt der seinen Bauch?

Einmal hat Bukow in einem Drehbuch zu viel Text. Hübner streicht radikal. Bukow ist kein Mann, der viele Worte braucht. Hübner lädt seine Figur mit einer solchen Intensität auf, dass selbst die Regisseure oft nicht wissen, was sie am Set erwartet. Auch Hübner ist kein Mann, der Worte "verschwendet". Er ist nicht auf Twitter, schreibt wenig SMS. Lieber Briefe. Er mag Hamburg, die Stadt, in der er seit Jahren lebt. "Da kommst du in den Zeitungskiosk rein und die sagen 'Moin' und der Rest ist schon geklärt", sagt er im Tagesspiegel. Der Satz erinnert auch an Bukow. Nach fast zwölf Jahren als Kommissar Sascha Bukow verlässt Charly Hübner 2022 den Rostocker Polizeiruf.

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v.l.: Kommissar Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) besprechen das weitere Vorgehen. © NDR/Christine Schroeder

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Hübner am Schauspielhaus Hamburg

Seit Anfang 2014 gehört er zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Schon im Schauspiel Köln spielt Hübner unter der Regie von Intendantin Karin Beier. Ebenso wie seine Frau Lina Beckmann - in die er sich übrigens auf der Bühne in Köln verliebte. Erfolgsdruck spürt er nicht. Oder er will ihn nicht spüren. Ziel sei es, "anderen Menschen etwas Nicht-Materielles schenken zu können - ein Lachen, eine Lebensidee, eine Erkenntnis", sagt er im "Hamburger Abendblatt".

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Der Schauspieler Charly Huebner, vor einer weißen Wand bei der MDR-Verleihung des Publikumspreises "Goldene Henne" im Oktober 2020 in Leipzig. © picture alliance / zb Foto: Kirsten Nijhof

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 08.04.2021 | 19:00 Uhr

Charly Hübner liegt auf dem Boden und schaut in die Kamera.

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