Stand: 16.06.2020 09:45 Uhr

Zimmerer: "Die koloniale Amnesie durchbrechen"

von Julia Heyde de López
Demonstranten versenken im Hafen von Bristol bei einem Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt die Statue von Edward Colston. © picture alliance / NurPhoto Foto: Giulia Spadafora
Demonstranten in Bristol werfen aus Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt die Statue von Edward Colston ins Wasser.

In der englischen Stadt Bristol erinnerte bis vor Kurzem eine Statue an einen Sklavenhändler aus dem 17. Jahrhundert. Dann wurde die Figur von Demonstranten gestürzt und ins Hafenbecken geworfen. Und so haben die Proteste gegen Rassismus nun auch eine Diskussion über unser koloniales Erbe entfacht. Gut so. Viel zu lange haben wir versucht, diesen Teil unserer Geschichte einfach zu vergessen, meint Professor Jürgen Zimmerer von der Uni Hamburg: Es brauche eine Durchbrechung dieser kolonialen Amnesie, und das beinhalte nicht nur dran zu denken, dass es auch einen deutschen Kolonialismus gab, sondern auch den verbrecherischen Charakter dieses Kolonialismus anzuerkennen, und nicht nostalgisch zu verklären oder als Nischenthema im Grunde herunterzuspielen.

Zimmerer: "Koloniales Unrecht anerkennen"

Genau das führe dazu, dass die Menschen so zornig protestierten. Ihr Vorwurf: Die privilegierte Mehrheitsgesellschaft erkenne das Unrecht nicht an. "Wir müssen das aber anerkennen, und das ist mir sehr wichtig, nicht weil wir die Geschichte umschreiben, sondern weil wir uns neu positionieren müssen in der Welt für das 21. Jahrhundert", so Zimmerer.

Koloniale Statuen radikal dekonstruieren

Jürgen Zimmerer © UHH/Dingler Foto: UHH/Dingler
Es brauche eine Durchbrechung der kolonialen Amnesie, meint der Historiker Jürgen Zimmerer von der Uni Hamburg.

Jürgen Zimmerer leitet die Forschungsstelle "Hamburgs (Post-) Koloniales Erbe". Als Historiker sei er natürlich dafür, historische Dokumente und Quellen zu erhalten. Und auch Statuen seien derartigen "Quellen", sagt er. Doch sie einfach mit Schrifttafeln einzuordnen, sei zu wenig. Man müsse die Statuen nehmen - und sie radikal dekonstruieren. Das heißt, man müsse sie auf den Kopf stellen, hinlegen, eingraben, um zu sagen, man ahne noch, wo 'ne Statue stand, aber gleichzeitig werde sie so gebrochen, dass ich gar nicht anders könne, als mich damit auseinander zu setzen.

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Demonstranten versenken im Hafen von Bristol bei einem Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt die Statue von Edward Colston. © Ben Birchall/PA Wire/dpa-Bildfunk Foto: Ben Birchall

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Auch Kirche muss koloniale Rolle aufarbeiten

Auch die Kirchen müssen ihre Rolle im Kolonialismus aufarbeiten. 2017 bat die EKD für Kolonialverbrechen in Namibia um Vergebung. Und der Lutherische Weltbund erklärte: "Erst wenn die Wahrheit gesagt und Gerechtigkeit gesucht wird, kann tatsächliche Versöhnung über den Schmerzen der Vergangenheit stattfinden." Jürgen Zimmerer sieht das ähnlich: Versöhnung bedeute, dass auch die Menschen, die privilegiert sind, daran mitarbeiten, rassistische Strukturen abzubauen, sagt er. Nur so wird Zukunft möglich sein.

"Wir brauchen ein neues Denken unserer Position in der Welt hin zu globaler, sozialer Gerechtigkeit, zum Wohlstandsverzicht auf der einen Seite, damit andere Menschen die Chance auf Wohlstandszuwachs haben. Und das geht nur, wenn wir eben sagen, die Welt mit der ungleichen Verteilung, ist historisch geworden in der kolonialen Globalisierung und jetzt müssen wir einen neuen Weg finden für die postkoloniale Globalisierung", resümiert Zimmerer.

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Moment mal | 14.06.2020 | 09:15 Uhr

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