Stand: 11.06.2019 11:50 Uhr

Jugendamt bremst Pflegekinder finanziell aus

von Michael Latz, NDR Info
Bild vergrößern
Sara Hennenberg (links) und ihre Pflegemutter Ulrike finden es ungerecht, dass Pflegekinder so viel ihres selbst verdienten Geldes abgeben müssen.

Ein neues Handy, den Führerschein machen oder Möbel für die erste eigene Wohnung kaufen - die Wunschliste von Jugendlichen ist oft lang und der Start ins eigene Leben teuer. Oft wird gejobbt und gespart. Was für viele Jugendliche selbstverständlich ist, ist für Jugendliche aus Pflegefamilien, betreuten Wohngruppen oder Heimen schwierig, weil das Jugendamt einen Großteil des selbst verdienten Geldes einfordert - so wie bei Sara Hennenberg aus dem niedersächsischen Stelle.

Sie wollte zu Beginn ihrer Ausbildung gerne ausziehen. Bis dahin wollte sie jobben: "Weil ich Zeit habe und gucken wollte, dass ich das meiste Geld ansparen kann, damit ich dann für die Einrichtung genug habe." Doch dieser Plan geht für die 20-Jährige nicht auf. Zum Sparen reicht es nicht, obwohl sie bis zum Ausbildungsbeginn im Sommer jobbt. Denn von ihrem Selbstverdienten muss sie 75 Prozent abgeben. Sie muss sich an den Kosten für die Unterbringung in ihrer Pflegefamilie beteiligen. Gut 1.000 Euro sind das im Monat. "Man fühlt sich auf jeden Fall anders behandelt als alle anderen, gerade im Freundeskreis. Wenn die anderen jobben, können sie alles behalten - und ich muss drei Viertel abgeben."

Sara Hennenberg und ihrer Pflegemutter Ulrike Hennenberg stehen in einem Kleingarten. Beide lächeln. Im Hintergrund ist das Laubenhäuschen zu sehen. © NDR Foto: Michael Latz

Pflege- und Heimkinder müssen zahlen

NDR Info - Aktuell -

Jugendliche aus Pflegefamilien, aus betreuten Wohngruppen oder Heimen stehen beim Start ins eigene Leben vor ganz besonderen Problemen. Das Jugendamt wird zum Bremsklotz.

3,83 bei 6 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Von 400 Euro sollten nur 100 Euro übrig bleiben

Seitdem sie ein Jahr alt ist, lebt Sara bei den Hennenbergs, hat sogar den Nachnamen ihrer Pflegeeltern angenommen. Dass sie nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen konnte, hat Sara sich nicht ausgesucht. Trotzdem bekommt sie dafür nun eine Rechnung. Selbst während ihres Bundesfreiwilligendienstes meldete sich das Jugendamt. Von 400 Euro Aufwandsentschädigung sollten Sara nur 100 Euro bleiben. Dabei können und sollen die Jugendämter bei gemeinnütziger Arbeit Ausnahmen machen. Sara und ihre Pflegemutter Ulrike Hennenberg wehrten sich - mit Erfolg. "Das Ziel dieser Hilfe, auch Pflegefamilie zu sein, ist ja, dass die Kinder selbstständig durchs eigene Leben gehen sollen. Und das wird dadurch mit den Füßen getreten", ordnet Ulrike Hennenberg die Situation aus ihrer Sicht ein.

Freibetrag in Höhe von 50 Euro

Die Beteiligung der Jugendlichen an den Pflegekosten hält der Amtsleiter des Jugendamts im Landkreis Harburg, Thorsten Treybig, aufgrund der Gesetzeslage für richtig. Große Ausnahmen würden zu Problemen mit anderen Behörden führen, argumentiert er. Außerdem gebe es einen Freibetrag von 50 Euro: "Wir arbeiten mit Steuergeldern und müssen die nach den gesetzlichen Grundlagen einsetzen. Da haben wir keine weiteren Spielräume. Und diese 50 Euro, die wir abziehen, das ist schon ein Beitrag, den wir leisten, um zu motivieren, eine Ausbildung, einen Job zu machen oder einen kleineren Ferienjob."

Jugendliche brechen Ausbildung ab

Carmen Thiele vom Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien teilt diese Einschätzung nicht. Ihrer Erfahrung nach sorgen die Jugendämter oft für Frust statt für Motivation: "Uns sind mehrere Fälle bekannt, da haben Jugendliche die Ausbildung abgebrochen. Denn sie sagen sich: 'Warum soll ich mir den Arsch aufreißen, wenn das Jugendamt kommt und die Hand aufmacht?'"

Kommentar

"Schluss mit Pfennigfuchserei der Jugendämter"

Pflegekinder müssen, sobald sie eigenes Geld etwa durch Ferienjobs verdienen, davon 75 Prozent an die Jugendämter zahlen. Das ist ein falsches Signal, kommentiert Michael Latz. mehr

Unklare Gesetzeslage

Glücklich sind auch die Jugendämter nicht mit der bestehenden Gesetzeslage. Zu unklar ist zum Beispiel, wie das Einkommen aus einem Nebenjob oder in einer Ausbildung genau berechnet werden muss und welche Ausnahmen möglich sind. Lorenz Bahr, der die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter leitet, hält die 75-Prozent-Regelung inzwischen für überzogen und hält stattdessen beispielsweise einen Mietbeitrag für denkbar: "Bevor wir aber als Behörden anfangen, das alles auseinanderzurechnen, da würde ich doch sagen, im Sinne einer Gerechtigkeit und der einheitlichen und gleichen Lebensverhältnissen für Jugendlichen: Lassen Sie uns auf die Heranziehung verzichten."

Parteien fordern Neuregelung

Auch auf anderen Ebenen wird das Thema heiß diskutiert. Die Union im Bundestag wollte zuletzt durchsetzen, dass die Jugendlichen nur noch die Hälfte ihres Einkommens abgeben müssen und größere Freibeträge bekommen sollten. SPD, Grüne und Linke wollen die Pflegekinder gar nicht mehr an den Kosten beteiligen. Schließlich müssten ja auch Jugendliche, die bei ihren leiblichen Eltern leben, in der Regel nicht für die Unterkunft oder das Essen bezahlen, argumentiert zum Beispiel Norbert Müller, kinder- und jugendpolitischer Sprecher der Linken: "Vielleicht könnte man sagen: Zumindest bis zur Höhe der Mindestausbildungsvergütung ziehen wir nicht heran."

Traum von eigener Wohnung muss warten

Wie auch immer eine Neuregelung aussehen wird, für Sara wird sie zu spät kommen. Im August beginnt sie ihre Ausbildung bei einer großen Krankenkasse. Von rund 1.100 netto werden ihr voraussichtlich nur 200 bis 300 Euro bleiben. Das reicht für das Busticket und das Handy, für viel mehr nicht. Erst nach ihrem 21. Geburtstag, wenn die Hilfe des Jugendamts ausläuft, kann sie wieder anfangen, größere Pläne zu schmieden: "Das Schönste wäre natürlich, dass ich mir mit der Wohnung den Wunsch erfüllen könnte. Da würde ich einfach viel für sparen."

Dieses Thema im Programm:

Aktuell | 11.06.2019 | 08:50 Uhr