Martin Kind: Aufstieg für 96 wichtiger als Derby-Sieg

Stand: 01.10.2020 12:16 Uhr

Im NDR Interview spricht Geschäftsführer Martin Kind über den Umbruch bei Hannover 96, das Niedersachsen-Derby gegen Braunschweig und betont, dass sich Trainer Kocak und er beim Thema Aufstieg eigentlich einig sind.

Herr Kind, freuen Sie sich eigentlich, dass Eintracht Braunschweig aufgestiegen ist?

Martin Kind: Ja, ohne Wenn und Aber. Ich habe natürlich auch schriftlich gratuliert, das ist für mich selbstverständlich. Und die Braunschweiger haben sich freundlich bedankt. Braunschweig ist eine tolle Stadt, ich habe sehr viele Freunde dort. Was ich damit sagen will: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis und freuen uns auf das Spiel hier in Hannover.

Wie wichtig ist es für die Strahlkraft von Hannover 96, auch bundesweit, dass es das Niedersachsen-Derby wieder gibt?

Kind: Ich glaube nicht, dass es bundesweit eine starke Wirkung hat. Es ist doch eher ein regionales Thema. Im Norden ist das Derby ein Spiel mit hohem Stellenwert für die Region, für Braunschweig und Hannover 96.

Martin Kind, Geschäftsführer bei Hannover 96 © imago images/Joachim Sielski

AUDIO: NDR 2 Bundesligashow-Podcast: Martin Kind über das Derby (36 Min)

Die Rivalität geht ja bis aufs Mittelalter zurück.

Kind: Angeblich. Man hört vielfältige Storys. Damit beschäftige ich mich nicht ernsthaft. Ich freue mich einfach, dass wieder Fußball gespielt wird, das ist das Allerwichtigste. Ich freue mich auf das Derby.

Sie haben schon viele Niedersachsen-Derbys erlebt und oft hat es zwischen den Fans gekracht. Wie nehmen Sie die Stimmung bei den Fans in der Derby-Woche wahr?

Kind: Es gibt gewisse Indikatoren, die auf eine gewisse Unruhe in den Szenen hindeuten. Aber insgesamt wird die Freude auf dieses Spiel deutlich. Wir sollten uns auf den Fußball reduzieren und nicht immer auf irgendwelche Nebenkriegsschauplätze schauen. Sie helfen dem Fußball wenig, vielfach schaden sie ihm.

9.800 Zuschauer sind zugelassen ...

Kind: Wir freuen uns, dass wir überhaupt mit Zuschauern spielen dürfen. Und ich hoffe, dass es dabei bleibt. Wenn es mit 9.800 Zuschauern in Anführungszeichen ausverkauft wäre, wäre es super. Wenn es weniger sind, ist es auch okay.

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Wie stellen Sie sicher, dass im Stadion nichts passiert was das Infektionsgeschehen betrifft?

Kind: Wir beachten bei der Platzverteilung die Empfehlungen der DFL und werden sicherstellen, dass dies hoffentlich vollumfänglich eingehalten wird. Das Risiko ist kalkulierbar und begrenzt.

Es ist ja eine Testphase. Aus der Politik kommen vorsichtig gesagt Signale, dass es mit den Zuschauern in den Stadien auch schnell wieder vorbei sein kann. Wie nehmen Sie das wahr?

Kind: Hier in Hannover gibt es im Moment noch keinerlei Signale, aber die bundesweite Diskussion verfolgen wir natürlich. Es wird im Wesentlichen davon abhängen, ob wir alles so umsetzen können, wie wir es geplant haben und wie sich das Infektionsgeschehen insgesamt entwickelt. Das heißt, dass am Freitag noch der Besuch von Zuschauern abgesagt werden kann. Dieses Risiko müssen wir einkalkulieren. Ich bin aber hoffnungsvoll, dass wir dieses Spiel mit Zuschauern umsetzen können.

Würde Hannover 96 eine Saison mit Geisterspielen denn überstehen?

Kind: Ja, aber die wirtschaftlichen Auswirkungen wären deutlich. Wie andere Vereine auch haben wir verschiedene Szenarien durchgespielt: den best case mit vollem Stadion, den wir vergessen können, den normal case mit begrenzter Anzahl an Zuschauern und den worst case ganz ohne. Für uns ist das Normal-case-Szenario wirtschaftlich problemfrei zu handeln, weil sich die 96-Gesellschafter bereiterklärt haben, die Finanzierung des Haushaltes und möglicher Transfers zu übernehmen. Auch im Worst-case-Szenario wird Hannover 96 weiter leben. Aber die Auswirkungen wären natürlich dramatisch. Ausgehend vom normal case würde das noch einmal ungefähr zehn Milllionen Euro weniger Einnahmen bedeuten.

Sportlich besteht auch ein gewisses Risiko. Durch die Niederlage in Osnabrück hat Hannover 96 Druck. Wie groß ist Ihre Sorge, dass das Derby schon am dritten Spieltag zum Stimmungskiller werden könnte?

Kind: Ein Stimmungskiller wäre es vielleicht temporär. Aber ich gehe erstmal davon aus, dass wir das Spiel erfolgreich gestalten. Ich habe volles Vertrauen in Trainer Kenan Kocak und die Mannschaft. In Osnabrück hat das Team die Basics wie Laufbereitschaft und Zweikampfverhalten nicht angenommen. Aber die Basics müssen in der Zweiten Liga vollumfänglich erfüllt werden. Es geht nicht zu sagen: 'Wir fahren mal hin, spielen Fußball, gewinnen und fahren wieder nach Hause'. Wir haben eine gute Mannschaft, aber wir müssen lernen.

Was ist wichtiger für Hannover 96: Aufstieg oder Derby-Sieg?

Kind: Der Aufstieg, ohne Wenn und Aber. Das Derby ist dann eins oder eben zwei von 34 Spielen. Unser Ziel ist ganz klar der Wiederaufstieg in die Erste Liga, wenn möglich der direkte.

Das haben Sie ja schon zuvor deutlich gesagt. Der Trainer war davon nicht so begeistert. Haben Sie das Thema im Gespräch mit Kenan Kocak schon ausräumen können?

Kind: Das brauchen wir gar nicht (lacht). Wir reden natürlich miteinander. Es ist nur eine unterschiedliche Taktik der Formulierungen. Er sagt: 'Wir gucken von Spiel zu Spiel", aber er will alle drei Partien gewinnen. Ich sage: 'Wir können gleich alle drei Spiele gewinnen'. Das Ergebnis ist das gleiche. Wir sind uns einig, dass wir gewinnen wollen. Und wir sind uns auch einig, dass wir aufsteigen wollen.

Ist die Mannschaft in dieser Zusammensetzung aufstiegsreif, oder müssen Sie noch etwas auf dem Transfermarkt tun?

Kind: Wir sind in der Lage und willens noch eine Transferentscheidung zu treffen. Aber nicht als Alibi-Veranstaltung. Die Position haben wir definiert.

Innenverteidiger?

Kind: Ja, aber natürlich müssen die wirtschaftlichen Rahmendaten vertretbar sein.

Kenan Kocak hat einen großen Umbruch eingeleitet. Die Trennung von Führungsspielern wie Marvin Bakalorz, Ron-Robert Zieler oder auch Edgar Prib birgt ja ein gewisses Risiko. Ist es sinnvoll, sich von den Vorstellungen des Trainers so abhängig zu machen?

Kind: Es war ja nicht nur der Trainer, sondern die gesamte sportliche Leitung, die eine umfassende Analyse der abgelaufenen Saison durchgeführt und Vorschläge gemacht hat. Wir sind dann gemeinsam zu der Entscheidung gekommen, dass wir das umsetzen. Natürlich kann man das nicht jede Saison machen. Aber wir wollten diese Mannschaft neu strukturieren. Und ich glaube, das ist uns gut gelungen.

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Wie groß ist der wirtschaftliche Zwang für Hannover 96, wieder aufsteigen zu müssen?

Kind: Man muss ja immer zwei Dinge bei der Beurteilung sehen. Erstens: Wie viel Zeit braucht der Trainer, um diese neu formierte Mannschaft zusammenzuführen und seine Philosophie zu entwickeln. Zweitens: Wir haben eine der teuren Mannschaften. Und ich glaube, dass man zwischen Haushalt und Leistungsstärke einen Kontext herstellen kann. Daraus leiten sich dann natürlich die Erwartungen ab.

Zum Schluss noch einmal zurück zum Derby: Nach dem 0:3 in Braunschweig 2014 haben sich bei der Rückkehr nach Hannover unschöne Szenen abgespielt. 96-Spieler wurden mit Pyrotechnik beworfen. Was tun Sie, damit sich so etwas nicht wiederholt?

Kind: Das ist eine gute Frage, aber natürlich können wir das nicht wirklich beantworten. Wir können nur dort etwas tun, wo wir auch Herr der Entscheidungen sind. Aber es gibt Bereiche, die außerhalb unserer Verantwortung liegen. Am Sonnabend haben wir die Situation, dass wir ohne Braunschweiger Fans spielen. Das kann zu einer gewissen Entspannung führen. Aber die entscheidende Frage wird sein: Was passiert außerhalb des Stadionbereiches? Da ist nicht nur 96, sondern auch die Polizei gefordert.

Und was passiert, wenn es doch eine Niederlage gibt, wie reagieren dann die eigenen Fans?

Kind: Es kommt darauf, wie man ein Spiel verliert. Wenn man eine tolle Leistung abliefert, dann sollte man respektieren, dass die andere Mannschaft, in dem Fall dann eben Braunschweig, die bessere war. Das ist Sport. Zeigen wir eine desolate Leistung, werden die Fans nicht glücklich sein und das auch äußern. Das ist ja legitim. Und in einem angemessenen Rahmen müssen wir das dann natürlich akzeptieren.

Das Interview führte Martin Roschitz, NDR Hörfunk

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Sportclub | 04.10.2020 | 22:50 Uhr

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