Stand: 21.05.2019 11:26 Uhr

Noch ein Jahr Zweite Liga: Die allerletzte HSV-Chance

von Daniel Jovanov, NDR.de

Beim HSV steht nach dem verpassten Wiederaufstieg der x-te Neuanfang an. Der Trainer wird wieder einmal ausgetauscht, der Kader komplett umgekrempelt - bei sinkenden Einnahmen. Dennoch plant der Zweitligist mit einem ähnlichen Etat wie zuletzt - wenn möglich ohne die Hilfe von Investor Klaus-Michael Kühne. Und über allem thront die Frage: Wer übernimmt für dieses Desaster eigentlich die Verantwortung?

Bereits vor dem letzten Saisonspiel gegen Duisburg war die Analyse von Clubchef Bernd Hoffmann deutlich ausgefallen. "Unser gesamtes Sportsystem ist irgendwann im Winter kollabiert und nicht wieder in Gang gekommen. Das hat auch mit einzelnen Personen zu tun, aber eben nicht nur, das geht insgesamt tiefer", sagte der Vorstandsvorsitzende. Die Konsequenz daraus? "Wir sind seit Jahren im permanenten sportlichen Krisenmodus, der dann üblicherweise im Austausch einzelner Personen endet. Das macht es dann kurzzeitig besser, hat aber dauerhaft eindeutig keinen Effekt gehabt." Was Hoffmann meint: Der HSV hat kein personelles, sondern ein strukturelles Problem, das irgendwann jeden Verantwortlichen oder Spieler restlos zermürbt.

Es traf den Trainer - wieder einmal

Was tat der HSV? Er schmiss schon wieder seinen Trainer raus. Gründe für den Zermürbungsprozess ausfindig zu machen und entsprechend gegenzusteuern, ist Hoffmann und seinem Sportvorstand Ralf Becker jedoch nicht gelungen. Sie müssen sich ankreiden lassen, die selbst zitierte "Wohlfühloase" beim HSV nicht aufgebrochen zu haben. Vielleicht ist es zu viel verlangt, innerhalb eines Jahres auf alles die richtige Lösung parat zu haben. Die Fans monieren, dass man es nicht wirklich versucht hat.

Hauptsponsor vor dem Absprung

Die Folgen der Saison sind aus heutiger Sicht kaum abzuschätzen und stellen den HSV auch vor wirtschaftliche Herausforderungen. Kann er seinen guten Zuschauerschnitt von knapp 50.000 Besuchern pro Spiel halten? Wie viele Dauerkarten, Logen und Business Seats wird er los? Und wie reagieren die Sponsoren? Beim Hauptsponsor Fly Emirates stehen die Zeichen inzwischen auf Abschied. Die internationale Fluggesellschaft sieht keinen Sinn mehr in einer Verlängerung der Partnerschaft. Zu unterschiedlich verlief die Entwicklung beider Unternehmen, seit sie 2006 zueinander gefunden haben. Der HSV hat seinen Glanz längst verloren, wirkt mit seinem polternden Investor im Hintergrund zunehmend provinziell und sorgt regelmäßig für Negativ-Schlagzeilen.

Druck aufs junge Team wird zunehmen

Auch bei der Suche nach neuen Geldgebern werden die Rothosen die Konsequenzen erst nach und nach zu spüren bekommen. Die Aussicht auf viele Jahre Zweitklassigkeit wirken alles andere als anziehend. "Es bedarf es jetzt einer knallharten Analyse in allen Bereichen, um uns zu verbessern und das Ziel Aufstieg in der nächsten Saison zu erreichen. Denn das Letzte, was beim HSV passieren wird, ist, dass wir uns mit der Zweiten Liga abfinden und sie als normal hinnehmen", erklärte Hoffmann. Das Problem daran: Der große Druck, der die junge Mannschaft offensichtlich gelähmt hat, wird in der zweiten Saison noch einmal deutlich größer werden. Vor allem aber für die Verantwortlichen. Es ist wahrscheinlich die letzte Chance des HSV, den Turnaround irgendwie herbeizuführen.

"In der Lage sein, einen der Top-zwei oder Top-drei-Kader zu stellen"

Entsprechend ambitioniert ist die finanzielle Planung der kommenden Saison. "Wir werden in der Lage sein, einen der Top-zwei oder Top-drei-Kader zu stellen", kündigte Hoffmann an. Der Spieleretat von etwa 27 Millionen Euro soll gehalten werden, dürfte sich nach dem Abgang einiger Großverdiener aber gerechter innerhalb des Teams aufteilen und für mehr Flexibilität sorgen. Zudem rechnen die Verantwortlichen mit Einnahmen auf dem Transfermarkt. Allein Linksverteidiger Douglas Santos soll zwischen zehn und 15 Millionen Euro bringen.

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Anzahl der Becker-Kritiker nimmt zu

Die Zusammenstellung einer runderneuerten Mannschaft - bis zu zehn Kaderplätze sind neu zu besetzen - soll in Zukunft auch ohne die Hilfe des Logistik-Milliardärs möglich sein. Offen ist nur noch, wem diese Aufgabe zugetraut wird. Im Aufsichtsrat nimmt die Anzahl der Kritiker von Manager Becker zu. Sowohl bei der Auswahl neuer Spieler als auch im Umgang mit dem Trainer hat sich der gebürtige Schwabe massiv verschätzt. Dem Aufsichtsrat muss er nun erklären, warum das Saisonziel Wiederaufstieg verpasst wurde. Seine Kritiker trauen ihm nicht zu, eine konkurrenzfähige Mannschaft zu formen. Auch innerhalb des Vorstandes kam es zwischen Becker und Hoffmann zu heftigen Reibereien. Das Verhältnis gilt nach der Kommunikationspanne rund um die "vielleicht"-Entlassung von Hannes Wolf als gestört.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 19.05.2019 | 22:30 Uhr

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