Die HSV-Profis Miro Muheim, Mario Vuskovic, László Bénes, Ludovit Reis und Jonas Meffert (v.l.) bejubeln einen Treffer. © Witters

Teamcheck HSV: "Gutes Gefühl" mit der Favoritenrolle

Stand: 14.07.2022 14:40 Uhr

Der HSV startet in sein fünftes Zweitligajahr und ist damit viel länger im Unterhaus, als er es sich wohl jemals vorgestellt hat. Nicht nur deshalb gehen die Hamburger mit der klaren Vorgabe "Bundesliga-Aufstieg" in die Saison. Der Teamcheck.

von Lars Pegelow

So lief die vergangene Saison: Platz 4 vermieden, aber…

In den ersten drei Saisons wurde das Team aus dem Volkspark jeweils Vierter und verspielte in unschöner Regelmäßigkeit große Vorsprünge. Anders im Vorjahr: Unter Trainer Tim Walter schienen die "Rothosen" nach einer bitteren 0:1-Auswärtsniederlage bei Holstein Kiel schon am 27. Spieltag aus dem Rennen zu sein. Sieben Punkte Rückstand - Aufstiegswahrscheinlichkeit null Prozent. Dann aber folgte der Schlussspurt, der immerhin auf Relegationsrang drei endete. Der HSV schaffte es, seine Fans wieder zu begeistern und ins Volksparkstadion zurückzuholen.

Tim Walter hielt an seinem Offensiv-Fußball fest, für den er zunächst viel Skepsis geerntet hatte. Die Mannschaft um Top-Torjäger Robert Glatzel (22 Saisontreffer) glaubte aber an das System und stärkte somit auch den Trainer. In der Relegation gewann der HSV auswärts bei Hertha BSC mit 1:0. Mehr als 20.000 Hamburger Fans im Berliner Olympiastadion nahmen die Hoffnung auf die Bundesliga-Rückkehr zurück in die Hansestadt. Das Rückspiel endete allerdings mit 0:2 und der Traum war erneut geplatzt.

Wer kommt, wer geht?

Die wichtigsten Vertragsabschlüsse beim HSV waren keine Neuverpflichtungen. Sport-Vorstand Jonas Boldt ist es gelungen, zwei wichtige Leistungsträger zu halten, die Angebote aus der Bundesliga hatten. Torjäger Glatzel und Innenverteidiger Mario Vuskovic bleiben in Hamburg. Glatzel wird mit seinem Vertrag beim HSV Top-Verdiener (mehr als eine Million Euro pro Jahr), für Vuskovic (bisher ausgeliehen) überweisen die Hamburger 3,5 Millionen Euro an Hajduk Split.

Ansonsten wurde die Mannschaft punktuell verstärkt. Angreifer Ransford Königsdörffer kommt von Dynamo Dresden, der Bundesliga-erfahrene László Bénes fürs Mittelfeld aus Mönchengladbach. Mit Filip Bilbija (FC Ingolstadt) und Ersatz-Keeper Matheo Raab (1. FC Kaiserslautern) kommen zwei große Talente - dazu einige Spieler, die zuletzt verliehen waren.

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László Bénes vom HSV © Witters

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Vagnoman weg, Kittel bleibt

Namhaftester Abgang ist U-21-Nationalspieler Josha Vagnoman, der für etwa vier Millionen Euro in die Bundesliga zum VfB Stuttgart geht. Faride Alidou zieht es zu Eintracht Frankfurt - und mit Jan Gyamerah, Manuel Wintzheimer (beide 1. FC Nürnberg), David Kinsombi (SV Sandhausen) sowie den Leihspielern Giorgi Tschakvetatze und Mikkel Kaufmann verliert der HSV weitere Ergänzungsspieler.

Kurios verlief darüber hinaus der Verbleib von Top-Scorer Sonny Kittel. Der Spielmacher wollte in die Major League Soccer zu D.C. United in die Hauptstadt Washington wechseln. In den USA wurde kolportiert, Kittel sei durch den Medizincheck gefallen wegen seines lädierten Knies. Dafür gibt es aber keine Bestätigung - jedenfalls können sich die HSV-Fans nun weiter auf Tore und Vorlagen des spielstarken Kittel freuen.

Trainer Walter hat die Stimmung gedreht

Trainingsstart am Hamburger Volkspark vor einigen Wochen. Tim Walter kommt auf den Platz, geht lächelnd an ein paar Fans vorbei. "Na, das seid Ihr nicht gewohnt, dass derselbe Trainer zwei Jahre in Folge in die Vorbereitung startet!" Gelächter, Applaus - voll auf den Punkt formuliert. Tim Walter ist tatsächlich jetzt schon der Zweitliga-Trainer des HSV mit der längsten Amtszeit. Und er scheint im Moment unangefochten zu sein. Nach anfänglicher Zurückhaltung fliegen Walter im Moment die Sympathien zu.

Der Verein hat bereits 23.000 Dauerkarten verkauft - die meisten schreiben diesen Vertrauensvorschuss dem Coach zu. "Hier ist etwas entstanden", hat Walter selbst beobachtet. Sein Credo, ein junges Team zu formen, das sich entwickelt, hat der HSV mittlerweile verstanden.

Robert Glatzel im Volksparkstadion des HSV © Witters Foto: Valeria Witters
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Im Trainingslager in der Steiermark hat Walter das Erfolgsgeheimnis der vergangenen Saison, die trotz Nicht-Aufstieg in einem viel positiveren Licht erscheint als die Vorjahre, weiter voran getrieben. "So schwierig ist das auch gar nicht", sagt Walter selbst. Längst hat sich der Vorstand auf die Fahne geschrieben, den bis 2023 laufenden Vertrag mit dem Coach vorzeitig zu verlängern. Weitgehende Einigkeit gibt es darüber mit Sport-Vorstand Boldt. Fraglich ist nur, ob der Verein dafür die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen kann.

Diesmal soll es mit dem Aufstieg klappen

Im Vorjahr wurde das Saisonziel an Alster und Elbe noch defensiv formuliert - nun nicht mehr. Aufstieg in die Bundesliga - mit dieser Vorgabe geht der HSV in die Saison. Nachdem die großen Namen Schalke und Werder sich bereits in die Bundesliga verabschiedet haben, sieht sich der HSV nun selbst in der Favoritenrolle. Die Ergebnisse aus der Vorbereitung unterfüttern diese Selbsteinschätzung. Gegen Hajduk Split (2:2), Aris Thessaloniki (4:3) und vor allem bei der Generalprobe gegen den Schweizer Vizemeister FC Basel (5:1) zeigten sich die Hamburger in Spiellaune. Robert Glatzel sagte daraufhin, er habe "ein richtig gutes Gefühl".

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Der HSV setzt auf die eingespielte Einheit, in der sich Königsdörffer und Bénes als Verstärkungen entpuppen können. Kapitän Sebastian Schonlau hat Teile der Vorbereitung verpasst, was sich allerdings nachteilig auf die Stabilität in der Defensive auswirken könnte.

Störgeräusche abseits des Platzes

Die eigentliche Gefahr für den HSV schlummert - mal wieder - in der Vereins-Politik. Die Sommerpause verlief außerordentlich unruhig. Probleme mit den Finanzen, insbesondere bei der dringend nötigen Sanierung des Stadions für die Europameisterschaft 2024, bestimmten die Schlagzeilen. Der HSV ist wirtschaftlich auf Kante genäht - weitere Corona-Zuschauerbeschränkungen würden den Club hart treffen.

Das Verhältnis der Vorstände Jonas Boldt, der auf Einigkeit setzt, und Thomas Wüstefeld, der die Geschäftsstelle umstrukturieren möchte, ist angespannt. Beide warten zudem auf ein Signal des Aufsichtsrates bezüglich ihrer jeweiligen Vertragsverlängerungen. Dazu kommt der Rauswurf von Sportdirektor Michael Mutzel. Nur wenn der HSV diese Baustellen schließen kann, ist der Aufstieg realistisch. Sportlich muss sich die Mannschaft vor keinem anderen Team in der Liga verstecken.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 16.07.2022 | 19:30 Uhr

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