Der ehemalige Bundesliga-und FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati spricht als Dozent über Stress, Mobbing und Depressionen. (2018) © IMAGO Foto: Noah Wedel

Rafati über Druck, Gewalt und die schönen Seiten als Schiedsrichter

Stand: 19.11.2021 10:45 Uhr

Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga-Schiedsrichter. Er hat hautnah erlebt, wie groß der Druck ist. Doch wie damit umgehen? Welche Maßnahmen empfiehlt er gegen die zunehmende Gewalt im Amateurbereich? Und wie geht es ihm heute?

von Jakob Silvester Schmidt

Am 19. November 2011 war Babak Rafati am Tiefpunkt angelangt. Sah keinen Ausweg mehr. Vor dem Bundesligaspiel zwischen dem 1. FC Köln und Mainz 05 versuchte er, sich das Leben zu nehmen. Seine Assistenten fanden ihn und retteten ihm das Leben.

Der Referee aus Hannover kennt die Vor- und Nachteile eines Schiedsrichters. 25 Jahre stand er insgesamt auf dem Platz, pfiff unter anderem 84 Bundesligaspiele und 102 Zweitligapartien. Heute arbeitet der 51-Jährige als Mentalcoach, hält Vorträge und analysiert für ein Online-Fußballportal strittige Schiedsrichter-Entscheidungen.

"Hat eine Wirkung wie eine Kopfschmerztablette"

Dass sich die Schiedsrichter nach einem Fußball-Spiel immer wieder für ihre Entscheidungen rechtfertigen müssen, ist mittlerweile Normalität - dass sie ausgepfiffen und bepöbelt werden, gehört auch dazu, weiß Rafati.

Doch längst bleibt es nicht mehr ausschließlich bei verbalen Entgleisungen. Der Schiedsrichterausschuss des Landesverbandes hat für das Wochenende alle Referees in Mecklenburg-Vorpommern dazu aufgerufen, die Partien in der 23. Minute zu unterbrechen. Damit soll ein Zeichen gesetzt und auf die zunehmende Gewalt gegen Schiedsrichter im Amateurbereich aufmerksam gemacht werden.

Rafati ist von der Maßnahme in Mecklenburg-Vorpommern allerdings nicht überzeugt: "Das bringt nicht viel. Ganz einfach, weil eine Woche später kein Spieler mehr weiß oder daran denkt, dass die Schiedsrichter aus Protest abgepfiffen haben", so der Ex-Referee. Ein solches Statement habe lediglich "eine Wirkung wie eine Kopfschmerztablette".

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Ein Schiedsrichter zeigt die Rote Karte. © IMAGO / Laci Perenyi

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Alle Unparteiischen sollen am Wochenende ihre Partien in der 23. Minute unterbrechen, um auf die Lage auf den Amateurplätzen aufmerksam zu machen. mehr

Vielmehr sieht der 51-Jährige die Bildungspolitik als ein Feld der Gewaltprävention. "Wir werden nicht geschult in Sachen Empathie oder in Psychologie und Sozialwissenschaften, um einfach den Menschen zu verstehen", sagt Rafati: "Ich stelle mir das so vor, dass du in der Schule diese Fächer vermittelst, damit die Menschen viel mehr reflektieren: Wer bin ich? Was will mein Gegenüber? Vielleicht will der mir gar nichts Böses."

Vor allem Unparteiische könnten sehr davon profitieren, wenn sie auf diesem Gebiet besser ausgebildet wären: "Ich als Schiedsrichter muss zum Beispiel wissen, dass der Spieler, wenn er abwinkt, nicht mich persönlich meint. Denn er ist der eigentlich Unzufriedene. Wir können mit Stresssituationen, mit Druck, mit Konflikten nicht umgehen", glaubt Rafati.

Viel Gewalt im Amateurbereich

Er weiß, wie es ist, als Schiedsrichter im Rampenlicht zu stehen. Zum Sündenbock gemacht zu werden. Von den Spielern wurde er während seiner aktiven Zeit laut "kicker" dreimal zum schlechtesten Schiedsrichter der Bundesliga gewählt.

Rafati sieht allerdings einen großen Unterschied zwischen dem Profi- und dem Amateurbereich: "Im Amateurbereich ist es viel schwieriger für die Schiedsrichter, denn sie sind die ganze Zeit angreifbar. Man kann ihnen jederzeit Kopf an Kopf begegnen und mit ihnen machen, was man will."

Bei den Amateuren sei die Scheu, die oft noch jungen Referees anzugehen, deutlich gesunken. Rafati fordert deshalb entschiedenes Handeln: "Wir müssen an der Gesetzgebung etwas ändern. Es kann nicht sein, dass ein Schiedsrichter geschlagen wird, dann gibt es eine Sportgerichtsverhandlung und der Spieler kriegt zwei Monate Sperre. Ich bin der Meinung, wenn jemand zuschlägt, dann muss er als Fußballer lebenslang gesperrt werden."

Als Schiedsrichter kann man eine Menge lernen

Der zunehmende Hass spreche sich rum: "Natürlich hat ein Schiedsrichter Angst, wenn er zu einem Verein fährt und weiß: Letzte Woche gab es mit Spieler X von Verein Y, wo ich heute pfeife, Probleme", so der 51-Jährige.

Zu spüren bekomme das vor allem der Nachwuchs. "Jeder junge Mensch sagt sich doch: Bevor ich mich auf dem Platz für 12,80 Euro anpöbeln lasse, gehe ich lieber in die Disko oder in die Kneipe oder spiele Tennis."

Dabei sei die Arbeit als Schiedsrichter eigentlich eine spannende Aufgabe, sagt Rafati: "Der Schiedsrichter-Job ist ein klasse Job. Du lernst so viele Dinge, die du so komprimiert auf vielen Seminaren gar nicht lernen kannst: Konfliktmanagement, Verantwortungsbewusstsein, Führung."

Rafati geht es heute gut

Rafati war leidenschaftlich gern Schiedsrichter. Doch der Druck, ständig in der Öffentlichkeit zu stehen, wurde irgendwann zu groß. Der gebürtige Hannoveraner litt unter Depressionen, die durch den Job als Schiedsrichter noch verstärkt wurden.

Die Kritik von Medien und Zuschauern wurde zur Last: "Das geht ans Selbstvertrauen: Ich fühle mich nicht gut, ich werde nicht verstanden, ich mache alles falsch, ich werde kritisiert, die Fans hauen drauf. Ich glaube, da kann sich jeder vorstellen, dass das nicht angenehm ist."

Ein Profi-Fußballspiel leitete Rafati nach seinem Suizidversuch vor zehn Jahren nicht mehr. Er ging in Behandlung - nach eineinhalb Jahren war "wieder alles okay. Ich denke gerne an diesen Tag zurück, ganz einfach, weil ich diesen Teil, diesen beschissenen Teil, weggeworfen habe, diese grässlichen Gedanken - und dafür, die andere Seite gefunden habe", sagt Rafati.

Neulich sei er gefragt worden: War dieser Suizidfall ein Glücksfall? "Nein, natürlich nicht. Der Glücksfall ist, was wir daraus gemacht haben, meine Frau und ich."

Depression: Hilfe für Betroffene

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung rund um die Uhr, Tel. (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222
  • Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": kostenlose Beratung, Tel. 116 111. Elterntelefon: (0800) 111 05 50
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: Tel. (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet einen Selbsttest sowie eine Übersicht zu regionalen Angeboten.
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst der Krankenkassen: 116 117.
  • Ambulanz der psychiatrischen Abteilung einer Klinik vor Ort - in jedem Fall bei Suizidgedanken.

 

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Babak Rafati im Einsatz beim Bundesligaspiel Stuttgart - Hoffenheim (15.10.2011) © picture alliance / Augenklick / Pressefoto Baumann Foto: Alexander Keppler

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 19.11.2021 | 11:25 Uhr

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