Meppens Sarah Schulte: Fußball zwischen Profitum und Studium

Stand: 08.03.2021 10:00 Uhr

In der Frauen-Bundesliga regiert die Ungleichheit: In Wolfsburg oder München können die Spielerinnen vom Fußball leben - bei Aufsteiger Meppen dagegen stehen reine Amateure auf dem Rasen.

von Andreas Bellinger

Wenn sie einen Wunsch frei hätte - zum Beispiel am Weltfrauentag -, dann würde sich Sarah Schulte "mehr Respekt, Aufmerksamkeit und Wertschätzung" für ihren Sport wünschen. Aber die Realität bei Bundesliga-Aufsteiger SV Meppen und im deutschen Frauenfußball ist eine andere. Nicht nur, dass die kickenden Männer finanziell auf einem anderen Planeten spielen und auch den medialen Rahm abschöpfen. Die zwölf Frauen-Teams sind nicht einmal innerhalb ihrer Eliteliga in puncto Chancen und Voraussetzungen auch nur annähernd vergleichbar. 

Schulte: "Gibt ein Leben nach dem Fußball"

Sarah Schulte (l.) vom SV Meppen © picture alliance / foto2press | foto2press/Oliver Baumgart
Sarah Schulte (l.) kämpft mit dem SV Meppen in der Bundesliga gegen den Abstieg.

Während die Spielerinnen vom wohlhabenden Serienmeister VfL Wolfsburg durch die Bank Vollprofis sind, arbeiten die Kolleginnen aus Meppen Tag für Tag in ihrem Job oder fürs Studium und trainieren erst am Abend, nicht selten erst, wenn das Flutlicht schon an ist. Durch Fußball reich werden kann im Emsland niemand.

Aber das stehe auch nicht an erster Stelle, sagt Kapitänin Schulte im NDR Sportclub: "Ich mag den familiären Charakter hier im Verein und die Möglichkeit, neben dem Fußball eine Ausbildung zu machen. Es gibt schließlich ein Leben nach dem Fußball." Nicht zu vergessen: die über die Jahre gewachsenen Freundschaften. 

Anfänge im Schalke-Trikot

Dafür verzichtet die angehende Sportwissenschaftlerin, die gerade ihren Master-Abschluss macht, auf solche Annehmlichkeiten, wie sie die Branchenführer aus München oder Wolfsburg offerieren können. Als Vierjährige war sie mit ihrem Vater, dem Trainer, zu den Bambinis gekommen. "Das Talent war mir wohl in die Wiege gelegt worden", sagt die 25-Jährige aus einer fußball-affinen Familie aus dem 40 Kilometer vom Stadion entfernten Dersum.

Eher unscheinbar sei Sarah Schulte damals gewesen, erzählt Maria Reisinger, die heute sportliche Leiterin der Meppener Fußballerinnen ist, und erinnert sich an das kleine Mädchen mit der viel zu großen Sporthose und dem viel zu großen Trikot mit dem Logo des FC Schalke 04. 

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Popp: "Brauchen in der Bundesliga reines Profitum"

Die Treue zum Verein und ihre Bodenständigkeit bereue sie nicht einem Moment, sagt Schulte. Obwohl ihr als Jugend-Nationalspielerin einst die Türen wohl offen gestanden hätten für einen Wechsel zu einem größeren Club. Aber ihr Lächeln verrät, wie ernst ihr das Bekenntnis zur Heimat, zum Emsland und dem Team des SV Meppen ist.

Dass mehr Chancengleichheit in der Liga vonnöten wäre, ändert daran freilich nichts. "Wir brauchen in der ganzen Bundesliga ein reines Profitum", sagt Alexandra Popp, die beim Wolfsburger Volkswagen-Club gut von ihrem Sport leben kann und nicht mehr als staatlich geprüfte Tierpflegerin arbeitet. 

Schulte: "In der Liga konkurrenzfähig"

"Vom ersten bis zum letzten Platz müsste das möglich sein. Aber das ist nicht gegeben", prangert die Nationalspielerin an. Standesgemäß nennt sich dann wohl der 4:0-Sieg des VfL am Sonntag in Meppen. Im Titelrennen hat Wolfsburg aber nach wie vor fünf Punkte Rückstand auf den FC Bayern. "Natürlich sind sie athletisch und von der Physis her klar besser als wir", räumt Schulte ein. "Aber in der Liga sind wir trotzdem konkurrenzfähig." Das Lob von Popp ("Meppen spielt als Aufsteiger wirklich einen guten Ball") unterstreicht diese Einschätzung.

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Fußball und Tabelle © picture-alliance/ dpa, NDR.de/Screenshot Foto: Patrick Bernard

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Lohle: "Wollen über dem Strich stehen"

Es ist sicher ein zweischneidiges Schwert, die Sache mit der Professionalität für alle. Spielerinnen wie Sarah Schulte, die ihren Weg als Akademikerin machen will, dürften es in einer Profiliga schwer haben. Will die Frauen-Bundesliga aber an Gewicht, Popularität und Bedeutung gewinnen, gibt es vermutlich keine Alternative.

"Wir wollen am Ende des Tages über dem Strich stehen", so Meppens kaufmännischer Leiter Frauenfußball, Markus Lohle, zu den sportlichen Ambitionen. Der Anspruch könne nicht sein, mit Wolfsburg oder München zu konkurrieren. Wohl aber, "die Konkurrenzfähigkeit innerhalb der Liga herzustellen. Und da sind wir auf einem guten Weg". Zehnter und damit Drittletzter der Zwölferliga ist Meppen momentan. Die beiden letzten Teams steigen ab.

DFB-Kernteam plant für Frauen-Bundesliga 

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) plant langfristig bis ins Jahr 2027, wie die ARD-Sportschau jüngst berichtete. Ein Kernteam Frauen-Bundesliga beschäftigt sich unter Leitung der früheren Nationalspielerin und Nationalmannschafts-Managerin Doris Fitschen darum, die höchste Frauen-Spielklasse bei TV-Präsenz, Marketing, Zuschauergewinnung und Beliebtheit fit für die Herausforderungen zu machen.

Auch die Taskforce "Zukunft Profifußball" der Deutschen Fußball Liga (DFL) hat sich der Perspektive des Frauenfußballs angenommen. Mehr als die Ankündigung der 36 Clubs der Männer-Bundesligen, ein Konzept erarbeiten zu lassen, kam dabei bislang nicht heraus.

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Sportclub | 07.03.2021 | 22:50 Uhr

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