Der ukrainische Schiedsrichter Denys Shurman (M.) mit seinen Assistenten © Denys Shurman

Flucht in den Bunker: Ukrainischer Schiedsrichter Shurman über Fußball im Krieg

Stand: 06.09.2022 08:54 Uhr

Drei Mal Bombenalarm und viereinhalb Stunden Spielzeit: Die Partie Ruch Lwiw gegen Metalist Charkiw in der ukrainischen Fußball-Liga wird Denys Shurman wohl nie vergessen. Mit dem NDR hat der Schiedsrichter über die Rückkehr aus Hamburg in seine ukrainische Heimat, den Krieg und die Flucht in den Luftschutzbunker während eines Fußballspiels gesprochen.

von Matthias Heidrich und Hendrik Lückhoff

Als die Sirene ertönten, pfiff Denys Shurman - und die Fußballprofis, seine Schiedsrichter-Kollegen und auch alle anderen wussten, was zu tun ist. "Alle mussten raus aus dem Stadion, in den Bunker, und warten", berichtet der 35-Jährige im NDR Interview. "Es war fürchterlich."

Der erste Luftalarm dauerte eine Stunde, es sollten noch zwei weitere folgen. "Über vier Stunden hat das Spiel deswegen am Ende gedauert. Aber wir haben immer weiter gemacht und es zu Ende gebracht", erzählt der Referee. "Gott sei Dank, es ist gut ausgegangen."

"Wir sitzen alle zusammen im Bunker, sprechen über Fußball, das Leben und wie es für jeden von uns war seit dem Kriegsbeginn. Es ist wie eine große Familie." Schiedsrichter Denys Shurman

Seit Russland die Ukraine überfallen hat und Wladimir Putins Bomben das Land terrorisieren, ist nichts mehr wie es vorher war. Die Menschen in der Ukraine kämpfen ums Überleben und gleichzeitig auch um ein bisschen Normalität. Und sei es durch Fußball.

"Im Osten und Süden ist es fürchterlich"

Im Westen des Landes ist dies eher möglich. "In Kiew ist die Situation fast wie vor dem Krieg, viele Leute kommen zurück, man geht einkaufen oder spazieren. Aber manchmal gibt es Alarm, und jeder muss an einen sicheren Ort gehen", sagt Shurman. "Aber im Osten und Süden ist es fürchterlich. Dort gibt es viele Kämpfe, und es ist eine sehr schwierige Situation da."

Shurmans Frau und sein Sohn sind in Hamburg geblieben, wo sich Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich um sie kümmert. "Es war nicht einfach für unsere Familie, aber wir haben entschieden, dass ich zurückgehen muss", so Shurman. Die Sorgen seiner Frau sind trotzdem groß. "Manchmal ruft sie mich acht oder zehn Mal am Tag an."

"Für mein Land und für den Fußball in meinem Land"

Zu Beginn des Jahres war die Familie nach Deutschland geflohen. "Wir sind wegen meines fünfjährigen Sohnes gekommen. Er benötigt eine spezielle medizinische Behandlung", erklärt Shurman. Aber dem Referee ist es wichtig, "jetzt in der Ukraine zu sein, für mein Land und für den Fußball in meinem Land".

"Wir müssen der ganzen Welt zeigen, dass wir auch in so einer schwierigen Zeit Fußball spielen können." Denys Shurman

Mittlerweile hat die ukrainische Liga mit 16 Mannschaften den dritten Spieltag absolviert. Alle Begegnungen werden aus Sicherheitsgründen in Kiew und Umgebung ausgetragen. Zugelassen sind bei jedem Spiel nur maximal 280 Zuschauer. Ein Bunker in höchstens 500 Meter Entfernung des Stadions ist Pflicht.

Fußball während des Krieges - für Shurman ein Signal

Eine Fußballmeisterschaft auszuspielen, während Freunde oder Familienmitglieder gegen die russische Invasion kämpfen und viele dabei sterben? Das erscheint surreal, ist für Shurman aber ein wichtiges Signal. "Wir müssen der ganzen Welt zeigen, dass wir auch in so einer schwierigen Zeit Fußball spielen können", sagt der FIFA-Schiedsrichter. "Auch für die Soldaten. Jeder unterstützt ein bestimmtes Team, und wenn sie Zeit haben, können sie die Spiele ihrer Lieblingsmannschaft gucken. Das ist doch toll."

Bombenalarm am Unabhängigkeitstag

Die viereinhalbstündige Rekordpartie in Lwiw, bei der Shurman erst um 19.27 Uhr Ortszeit den Schlusspfiff ertönen ließ, wird der 35-Jährige wohl nie vergessen. "Das war eine sehr spezielle Situation. Da war es echt schwierig, sich auf das Spiel zu konzentrieren. Aber wir haben unser Bestes gegeben."

"Das Spiel war am ukrainischen Unabhängigkeitstag. Es war ein harter Tag, weil es viele Provokationen durch das russische Militär gab." Denys Shurman

Wenn es der Krieg zulässt, soll die erste Phase der ukrainischen Fußballmeisterschaft Ende November durch sein. "Danach könnte ich zurück zu meiner Familie nach Hamburg kommen", sagt der Schiedsrichter, der allerdings nicht mehr weit in die Zukunft schauen will. "Seit Kriegsbeginn habe ich keine Pläne. Ich lebe nur von Tag zu Tag."

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 06.09.2022 | 08:25 Uhr

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