Stand: 20.04.2020 09:00 Uhr

(Fast) vergessene Vereine: HSV Barmbek-Uhlenhorst

von Hanno Bode, NDR.de
Andreas Brehme, hier vor einem Testspiel von BU 1967 gegen den HSV mit Uwe Seeler, ist der berühmteste Sohn des Hamburger Clubs.

Der HSV Barmbek-Uhlenhorst brachte den späteren Fußball-Weltmeister Andreas Brehme hervor, spielte eine Saison lang in der Zweiten Liga und stürzte dann zwischenzeitlich bis in die Bezirksliga ab. Von seinen früheren Erfolgen ist der Hamburger Club auch heute noch weit entfernt. Aus unserer Serie "(Fast) vergessene Vereine".

Es war ein gewohntes Bild in den 1960er-Jahren auf dem Wilhelm-Rupprecht-Platz. Sobald bei den Heimspielen des HSV Barmbek-Uhlenhorst der Pausenpfiff ertönt war, stürmte ein Steppke mit blonden Haaren auf das Feld und zog die häufig vielen Tausend Fußball-Fans in seinen Bann. Sein Name: Andreas Brehme. "In der Halbzeit ist keiner Würstchen essen gegangen oder Bier trinken, weil der kleine Knirps unter dem Jubel der Zuschauer auf den Platz gelaufen ist und mit den Ball jonglierend auf das Tor des Clubhauses zugegangen ist. Es wurde lauter gebrüllt als bei jedem BU-Tor, wenn er den dicken, großen Lederball ins Tor geschmettert hat", erinnert sich Dieter Matz, Ex-Spieler des Hamburger Traditionsclubs, an die Anfänge des späteren Weltmeisters zurück.

Kurzer Ausflug auf die große Bühne

Brehme - deutscher Siegtorschütze des WM-Finals 1990 in Italien gegen Argentinien (1:0) - ist der berühmteste Sohn des Vereins aus dem Arbeiterquartier Barmbek, der in der Saison 1974/1975 sogar in der Zweiten Bundesliga spielte. Der Ausflug auf die große Fußball-Bühne endete allerdings beinahe in der Insolvenz. Seitdem kämpft BU, wie der Club von allen Fans nur gerufen wird, lediglich noch auf Amateur-Ebene um Punkte - derzeit in der fünftklassigen Oberliga Hamburg.

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"Barmbek Anfield" seit fünf Jahren Geschichte

Vieles hat sich seit den erfolgreichsten Jahren des Vereins in den 1960er- und 1970er-Jahren verändert. So ist der 1925 eingeweihte Wilhelm-Rupprecht-Platz - vom Anhang wegen seines Liverpool-artigen Flairs "Barmbek Anfield" getauft - seit fast fünf Jahren nicht mehr die Heimat des früheren Zweitligisten. Auf dem Grund der altehrwürdigen Anlage, "wo man Fußball noch atmen kann", wie es Ex-Coach Peter Martens (von 2003 bis 2009) einst pathetisch ausdrückte, sind Genossenschaftswohnungen entstanden. Nur einen Katzensprung von der ehemaligen Heimstätte entfernt in der Dieselstraße hat BU seine neue Bleibe. Das Stadion mit einer großen überdachten Tribüne und seinen Stehtraversen, auf denen die treuesten Fans stehen - ist fraglos eines der schönsten im Hamburger Amateurfußball. Statt auf Naturrasen kämpfen die Barmbeker nun auf Plastikgrün um Punkte.

Ein wenig Vergangenheit in der Gegenwart

Ein wenig Vergangenheit schwingt jedoch auch in der Gegenwart stets noch mit. So erklingt wenige Minuten vor jedem Heimspiel der Schunkelsong "Mein letztes Geld geb' ich für Fußball aus" von einem gewissen Tony aus den Lautsprechern. Der Song stammt von der im Jahr 1975 veröffentlichten Benefiz-LP "Stars singen für BU". Der Erlös der Schallplatte trug seinerzeit dazu bei, den Club nach dem missglückten Zweitliga-Abenteuer vor der Pleite zu retten.

Dritte Kraft hinter dem HSV und St. Pauli

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Bernd Brehme stieg mit BU 1975 ab und bekam hautnah mit, wie der Club danach gerettet wurde.

500.000 DM Schulden hatten die Barmbeker damals angehäuft und konnten nur dank der großen Spendenbereitschaft der Bürger sowie des Ernst-Deutsch-Theaters und besagter Schallplatte überleben. "Barmbek ohne Barmbek-Uhlenhorst, das geht gar nicht. Und da haben alle mitgeholfen, dass dieser Verein nicht untergeht", erzählt Bernd Brehme, Vater von Andreas Brehme und früherer BU-Spieler. Mit der Beinahe-Insolvenz und dem Abstieg endeten sportlich bewegte Jahre, in denen der Stadtteilclub zwischenzeitlich sogar an das Tor zur Bundesliga geklopft hatte. Seinen Anfang nahm die Erfolgsgeschichte 1963 mit dem erstmaligen Aufstieg in die fünfgleisige Regionalliga. Die Staffeln waren seinerzeit der Bundesliga-Unterbau.

BU stieg zwar sofort wieder ab. Doch zwei Jahre später gelang die Rückkehr in die Zweitklassigkeit. Fortan etablierten sich die Barmbeker hinter dem HSV sowie dem FC St. Pauli als dritte Kraft im Hamburger Fußball und durften in der Saison 1970/1971 sogar eine Zeit lang vom Erstliga-Aufstieg träumen. Am Ende belegte BU Rang fünf.

Mäzen Sanne macht Erfolgsgeschichte möglich

Der Erfolg des Vereins basierte auf ausgezeichneter Jugendarbeit - BU hatte in den 1960er-Jahren die zweitgrößte Jugendabteilung in Deutschland - sowie der Unterstützung des Unternehmers Hermann Sanne. "Er hatte eine sehr herzliche Art. Er war ein typischer Hamburger, der den Club so geführt hat, als wäre er eine Familie. Wir haben uns hier wohlgefühlt. Wir waren auch seine Jungs", sagt Ex-Keeper Klaus-Hinrich Müller über den Mäzen, der BU zur zweiten Kraft hinter dem HSV in der Hansestadt machen wollte. Dafür griff der Altpapier-Baron tief in die Tasche und verpflichtete 1973 sogar den früheren Nationalspieler Gert "Charly" Dörfel.

"Da hat sich ganz Barmbek gefreut. Und 'Charly' hat auch noch Gas gegeben", erinnert sich Matz. Der aus seinem fußballerischen Exil in Südafrika zurückgeholte Ex-HSV-Star erhielt 20.000 Euro Handgeld und ein üppiges Salär. Aber die Rechnung ging auf. "Ich habe wohl 5.000 bis 6.000 Zuschauer ins Stadion gelockt", sagt der ehemalige Linksaußen.

Mit "Charly" Dörfel zum Aufstieg

Mit Dörfel gelang 1974 die Qualifikation für die neu geschaffene Zweite Bundesliga Nord. Ein Riesenerfolg für den Verein, dessen Strukturen mit dem sportlichen Erfolg nicht mitgewachsen waren.

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Und nun stand BU vor vielen Problemen. So erfüllte das eigene Stadion nicht die Auflagen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Die Barmbeker entschieden sich zähneknirschend zu einem Umzug ins HSV-Stadion am Rothenbaum. Dafür wurden sie vom Hamburger Platzhirsch zur Kasse gebeten - eine erhebliche Belastung für den ohnehin nicht sonderlich großen Etat. Und Geld, das für den Kader fehlte.

"Als die ersten Gespräche geführt wurden, hat sich die Mannschaft im Grunde genommen gesagt: Das machen wir nicht. Da war uns das, was wir vom Club als Geld für diese Klasse bekommen sollten, viel zu wenig. Dann ist der Club uns nachher ein Stück entgegengekommen. Aber ist nicht so gewesen, dass man alle Spieler davon überzeugen konnte. Wir haben uns dann darauf verlassen, dass adäquate neue Spieler kommen. Die kamen aber nicht", berichtet Ex-Keeper Müller.

In der Zweiten Liga nicht konkurrenzfähig

Ohne Dörfel, der nach Südafrika zurückkehrte, und ausreichend Verstärkungen startete BU in das Zweitliga-Abenteuer - und erlebte in jeder Hinsicht ein böses Erwachen. "Die anderen Mannschaften waren uns einfach um ein Hochhaus voraus", sagt Bernd Brehme. Neben der mangelnden sportlichen Qualität beklagte der Aufsteiger auch stark rückläufige Zuschauerzahlen. Mit dem Stadion am Rothenbaum wurden viele BU-Fans nicht warm. Die finanzielle Situation spitzte sich schnell zu. Mäzen Sanne war nicht bereit, die Lücken zu schließen. Und so konnte der Verein im Frühjahr 1975 die Gehälter nicht mehr zahlen. Einige Spieler verließen die Barmbeker daraufhin. Als Tabellenletzter stieg der Club ab und stand vor einem riesigen Scherbenhaufen.

BU zwischenzeitlich nur noch Bezirksligist

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BU hat bewegte Jahre hinter sich. Seit 2012 spielt der Club in der Oberliga.

Das Schreckensszenario Insolvenz konnte dank besagter Spenden zwar abgewendet werden. Doch weil hernach mit Weitsicht und Vernunft gewirtschaftet wurde, konnte BU an seine sportlichen Erfolge nicht mehr anknüpfen. Seinen Tiefpunkt erreichte der Club in den 1980-er-Jahren mit dem Abstieg in die damals sechstklassige Bezirksliga. Die Barmbeker rappelten sich zwar wieder auf und gehören längst zum Inventar der Oberliga Hamburg. Höher hinaus wird es für den einstigen Zweitligisten in naher Zukunft aber wohl nicht gehen.

Derzeit offenbar keine Aufstiegsambitionen

Jüngst hat Trainer Marco Stier seinen Abschied zum Saisonende angekündigt, obwohl er den Verein mit tollen Offensiv-Fußball auf Rang drei geführt hat. Der Ex-Profi beklagte sich öffentlich bitterlich, dass die BU-Verantwortlichen trotz angeblichen Versprechens ihm gegenüber nun nicht bereit seien, der Mannschaft perspektivisch den Aufstieg zu ermöglichen. Der kritisierte Vorstand schwieg zunächst, um dann via Facebook seine Sicht der Dinge darzustellen. Wenig überraschend stimmte die Version der Chefetage über die getroffenen Vereinbarungen nicht mit der Stiers überein. Und so werden sich beide Seiten mit einigen Nebengeräuschen trennen. Dabei hatte der sehr emotionale und stets geradlinige Stier doch eigentlich so gut zu BU und dem Stadtteil gepasst, über den Edelfan Lotto King Karl in seinem Lied "Mitten in Barmbek" singt: "Keine Heimat, für die ich mich schäme - denn aus Barmbek kommt auch Andy Brehme."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 01.03.2020 | 23:35 Uhr