Stand: 18.03.2020 11:15 Uhr

Corona: Clubs zwischen Zukunftsangst und Kurzarbeit

von Christian Görtzen, NDR.de

Wenn in der Welt, in Deutschland und an der Ostsee alles so gelaufen wäre, wie man es kennt, dann hätten Coach Jens Härtel und seine Spieler vom Fußball-Drittligisten FC Hansa Rostock in diesen Tagen als komplettes Team auf dem Trainingsplatz an der Kopernikusstraße gestanden und sich auf das Nordduell beim SV Meppen am kommenden Sonntag vorbereitet. Vermutlich wäre bei aller Professionalität auch kräftig geflachst worden, schließlich hätten die vergangenen Ergebnisse der Mecklenburger dies hergegeben.

Zwangsurlaub und Kurzarbeit für Hansa-Spieler

Nordmagazin -

Hansa Rostock hofft darauf, im Frühsommer die Saison zu beenden. Mindestens bis zum 30. April pausiert der Spielbetrieb. Der Schaden soll mindestens siebenstellig sein.

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Aber was ist schon normal in diesen Zeiten? Nahezu nichts mehr! Und so rollt kein Ball mehr über das Grün oder erzeugt dieses zischende Geräusch, wenn ein Netz seine Geschwindigkeit bremst. Am Montag trainierten die Profis zuletzt als komplettes Team, mittlerweile geht nichts mehr. Auch beim FCH herrscht Ausnahmezustand wegen des grassierenden Coronavirus, der Trainingsbetrieb ruht.

Hansa Rostock im "Corona-Schlaf"

Robert Marien, Vorstandsvorsitzender des FC Hansa Rostock, schildert den Umgang mit der misslichen Lage auf fast schon poetische Weise. "Neben dem Nachwuchs schicken wir auch unsere Profis ab Mittwoch in den Corona-Schlaf." Dies betreffe auch andere Abteilungen des Vereins.

Stichwort Kurzarbeit - mit NDR Journalist Robert Witt

Bei der Bundesagentur für Arbeit geht ein Antrag auf Kurzarbeit für die Beschäftigten des Clubs ein. Bei der Bearbeitung wird dann unterschieden: wer arbeitet noch und wer ist aktuell komplett ohne Beschäftigung, also Kurzarbeit. Im Falle der Gehälter von Spielern und Trainern wird ein Teil übernommen, aber nicht unbedingt 60 Prozent. Übersteigt das Einkommen eine gewisse Obergrenze, gibt es den dazugehörigen Leistungssatz, darüber hinaus ist dann Schluss. Die Berechnung des Höchstsatzes ist nicht ganz einfach, denn ein Faktor ist die Arbeitszeit. Aber wie wird diese bei einem Fußballer gemessen? Reines Training, Spiele am Wochenende, der Pflichtbesuch bei der Medizinabteilung - hier werden die Mitarbeiter der Bundesagentur dann im Einzelfall prüfen und entscheiden.

Kurzum: Hansa mit seinen knapp 200 Mitarbeitern stellt auf Kurzarbeit um, um wirtschaftlichen Schaden eindämmen und gleichzeitig Kündigungen vermeiden. Ebenso wie Liga-Konkurrent Meppen, der einen entsprechenden Antrag für seine Spieler und Mitarbeiter bis Ende April stellen will. "Die Personalkosten bestimmen einen sehr großen Teil aller Ausgaben. Wir müssen die Ausgaben reduzieren, um damit den fehlenden Einnahmen zu begegnen", erklärte Meppens Finanzvorstand Stefan Gette: "Es geht darum, durch Sparmaßnahmen eine drohende Insolvenz zu vermeiden."

Marien schilderte: "Mitarbeiter, die es können, nutzen das Homeoffice. Es ist eine Art Ruheschlaf." Was nach Entschleunigung klingen könnte, ist das Symptom einer Entwicklung, die auch für den rund 13.800 Mitglieder zählenden Verein in wirtschaftlicher Hinsicht bedrohlich ist. Die Frage ist: Wie robust ist der FC Hansa, der 2012 vor der Insolvenz stand, auf dem Gebiet aufgestellt? Zur Erinnerung: Nur durch den Einstieg des Investors Rolf Elgeti gelang damals die wirtschaftliche Konsolidierung.

"Wirtschaftlicher Schaden garantiert siebenstellig"

Auch Marien verhehlt nicht, dass die jetzige Situation eine Herausforderung ist. "Man sollte sich zurückhalten, den wirtschaftlichen Schaden zu benennen. Niemand weiß, wie hoch dieser am Ende sein wird. Siebenstellig wird er aber garantiert", sagte er. In der Dritten Liga haben die Einnahmen aus dem Ticketing eine weitaus größere Bedeutung als in den ersten beiden Ligen, in denen das TV-Geld das Gros der Erlöse bildet. Beim FCH stehen noch Heimspiele gegen Waldhof Mannheim, 1. FC Magdeburg, Carl Zeiss Jena, 1. FC Kaiserslautern und KFC Uerdingen 05 aus.

EM-Verschiebung schafft neue Spielräume

Die Dritte Liga ruht laut DFB-Beschluss bis zum 30. April. "In der Liga ist man sich ein Stück weit uneinig, auch wenn ein Abbruch der Liga bei der Tagung relativ schnell vom Tisch war", berichtete Marien.

Geisterspiele wolle er nicht kategorisch ausschließen. Aufgrund der Dynamik könne sich das jeden Tag ändern. Am Dienstagnachmittag war dies ohne Frage so. Dadurch, dass der europäische Verband UEFA die für Juni vorgesehene EM um ein Jahr auf 2021 verschoben hat, ergeben sich für die leidgeplagten Clubs nun Spielräume. So besteht für sie nun die Möglichkeit, bis weit in diesen Sommer hinein die bereits abgesagten Spieltage nachzuholen. Diese Maßnahme stärkt sicherlich die Zuversicht, dass die Saison doch noch zu Ende gespielt werden kann. "Wir hoffen, dass wir das System so früh wie möglich wieder hochfahren können", hatte Marien schon vor der UEFA-Entscheidung gesagt.

Eintracht Braunschweig erwägt Solidarmodell

Anderes Bundesland, anderer Verein - die gleichen Sorgen und Nöte. Bei Eintracht Braunschweig wird überlegt, durch welche Maßnahmen den negativen Entwicklungen des Coronavirus bestmöglich begegnet werden kann. "Wirtschaftlich sind die Folgen insbesondere in der Dritten Liga und natürlich auch für Eintracht Braunschweig durch fehlende Einnahmen und noch nicht im vollen Maße absehbare Auswirkungen erheblich", sagte Geschäftsführer Wolfram Benz in einer Videokonferenz der Drittliga-Manager. "Wir werden versuchen, die finanziellen Verluste so gering wie möglich zu halten. Dies ist nur möglich, wenn wir alle unseren Beitrag leisten."

Benz' letzter Satz könnte ein Hinweis darauf sein, dass beim BTSV auch schon über einen Gehaltsverzicht der Profis und der Mitarbeiter nachgedacht worden ist. Andreas Rettig, ehemaliger Geschäftsführer des FC St. Pauli, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und eine Fan-Initiative hatten am Montag einen Gehaltsverzicht im Profifußball angeregt.

Werder Bremen denkt über Kredite nach

Werder Bremen hält je nach Auswirkungen der Coronavirus-Krise Gespräche über einen Verzicht seiner Spieler für denkbar. "Wenn gar nicht mehr gespielt werden kann, ist das sicherlich auch ein Thema", sagte Geschäftsführer Klaus Filbry dem "Weser-Kurier". Der Bundesligist erwägt zudem, sich von den Banken Geld zu leihen, um die Liquidität zu sichern. "Kredite sind sicherlich kurzfristig ein wichtiges Instrument, wie in jeder anderen Branche jetzt auch in dieser Krise", so Filbry.

Wie lange der abstiegsbedrohte Traditionsclub ohne geregelten Spielbetrieb in der Bundesliga durchhalten könne, lasse sich derzeit "nicht abschätzen". Es seien zu viele Variablen im Spiel. "Wir haben in den letzten Jahren nicht schlecht gewirtschaftet, wir sind zwar gewisse Risiken eingegangen, haben aber auch mehrere Male ein positives Jahresergebnis erwirtschaftet und Eigenkapital aufgebaut." Nun habe man es aber "mit Dimensionen zu tun, die selbst große Vereine nicht lange durchhalten können", sagte der Manager.

Hoffmann: Schaden von bis zu 20 Millionen Euro droht

HSV-Boss Bernd Hoffmann beziffert den möglichen finanziellen Schaden für den Hamburger Zweitligisten in der "Sportbild" auf bis zu 20 Millionen Euro. "Zum einen gingen die Einnahmen der Spieltage verloren, da reden wir über insgesamt fünf bis sieben Millionen Euro. Hinzu käme im schlimmsten Fall, nämlich dass die Saison überhaupt nicht mehr beendet wird, dass wir Verträge mit Partnern möglicherweise nicht vollständig erfüllen könnten. Alles zusammengerechnet hätten wir dann ein Risiko von bis zu 20 Millionen Euro".

Filbry: "Nicht vorhersehbar und nicht versicherbar"

"Was uns als Branche jetzt trifft, war nicht vorhersehbar, nicht planbar und nicht versicherbar." Da hätten auch "keine Rücklagen geholfen, dafür sind die Beträge, um die es jetzt geht, einfach zu hoch", so Filbry: "Wir müssen abwarten, wie sich die Situation grundsätzlich entwickelt. Wenn die Saison zu Ende gespielt werden kann, mit oder ohne Zuschauer, dann kann sich die Situation auch wieder entspannen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 17.03.2020 | 23:03 Uhr

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