Hass und Hetze im Netz: Sportler wehren sich

Stand: 06.12.2021 09:10 Uhr

Sportler nutzen das Internet auch für Werbung in eigener Sache. Aber was tun, wenn aus bloßen Beschimpfungen und Beleidigungen gefährliche Drohungen werden? Ein Problem "ganz oben auf der politischen Agenda".

von Andreas Bellinger und Patrick Halatsch

Heute noch der umjubelte Star - morgen schon der Trottel der Nation. Fußballprofis kennen das, aber auch andere Sportstars müssen im Internet Häme und Spott nach einem verpassten Siegtor, einem vergebenen Matchball oder einfach nur einer grottenschlechten Leistung über sich ergehen lassen.

Ein Preis ihrer Popularität, der bisweilen aber jegliche Grenzen sprengt. Beleidigungen und Hass-Tiraden fluten die so gar nicht mehr sozialen Netzwerke. Hässliche Posts wie "Du dreckiger kleiner Hurensohn" paaren sich mit Gewaltszenarien ("ich werde dir die Beine brechen du scheiß Kanake") und bisweilen sogar Morddrohungen.

HSV-Profi Kittel schaltete Instagram-Account ab

Ekelhaft, aber fast tägliche Realität für Sportler, Politiker, normale Menschen. Als Zielscheibe aggressiver, geschmackloser und mitunter sogar gewaltbereiter Tweet-Täter bleiben ihnen wenige Optionen: ein besonders dickes Fell, die Hoffnung auf Strafverfolgung oder - als letztes Mittel - das Abschalten des eigenen Accounts.

Sonny Kittel, Fußballprofi beim Zweitligisten Hamburger SV, hat das in der vergangenen Saison getan. Sein unnötiger Platzverweis gegen Hannover 96 leitete eine Niederlage ein, was eine Flut an Wutkommentaren auslöste. Kittel deaktivierte daraufhin seinen Instagram-Account. Ist es die einzige Chance, sich gegen Hetze im Netz zu wehren?

Straftaten im Netz sollten angezeigt werden

Vor ein paar Tagen erst hat die Polizei wieder einmal in ganz Deutschland Wohnungen durchsucht und Verdächtige vernommen. Insgesamt 90 polizeiliche Maßnahmen habe es gegeben, so das Bundeskriminalamt (BKA). Doch die Strafverfolgung stößt an Grenzen, wenn sich Betroffene nicht wehren und keine Strafanzeige stellen.

Eine Konsequenz, die selbst der langjährige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble scheut. Er wolle persönliche Beleidigungen nicht an sich heranlassen, so ein Sprecher des CDU-Politikers. Dabei können Bedrohungen, Nötigungen oder Volksverhetzungen im Netz als Straftaten mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden.

Hansa-Profi Behrens bekam eine Morddrohung

"Wenn einer seinen Account löscht und keinen Bock mehr hat darauf, kann ich das absolut verstehen", sagt Hanno Behrens vom FC Hansa Rostock in der Sportclub Story des NDR. "Aber grundsätzlich ist es sehr traurig, wenn ein Spieler dazu gezwungen wird." Auch Behrens kennt die Schattenseiten seines Berufs. Er hat als Spieler des 1. FC Nürnberg sogar via Plakat in Stadionnähe eine Morddrohung erhalten. "Sowas kommt nicht aus der Emotion heraus, das ist schon eine andere Dimension", so der 31-Jährige. Völlig verheult habe ihn seine Mutter angerufen: "Das nimmt einen natürlich mit". Trotzdem postet er weiter: auch private Fotos und Videos - und jeder kann es kommentierten.

Eintracht-Präsident Fischer: "Resignation ist Aufgabe"

Morddrohungen gehören für Peter Fischer fast schon zum Tagesgeschäft. Seit der streitbare Präsident von Eintracht Frankfurt AfD-Mitglieder in seinem Verein für unerwünscht erklärt hat und sich für die Angehörigen der Opfer des Anschlags von Hanau einsetzt, haben die Beschimpfungen noch einmal deutlich zugenommen.

Eintracht Frankfurt-Präsident Peter Fischer
Für klare Aussagen bekannt: Peter Fischer.

"Was da an Hass, Missgunst und Beleidigungen ist", sagt er und schlägt die Hände vors Gesicht angesichts des widerlichen Posts: "Peter, alte Türkensack-Ratte … solche Schweine wie dich am Fleischerhaken und den Kadaver hängen lassen, bis die Fetzen fliegen."

Fischer nennt die Schreiber "geistige und seelische Nullnummern". Er kämpft weiter für Diversität, Offenheit und Toleranz. "Ich frustriere nicht, sondern setze den Hass um in Aktivität. Damit merkst du, wie wichtig es ist, sich zu äußern." Sich aus den Netzwerken abzumelden, hält er für das falsche Zeichen. "Resignation ist immer Aufgabe."

Sportler brauchen die Präsenz im Netz

Benjamin Hassan weiß das. Der deutsche Tennis-Meister wird allein schon wegen seiner libanesischen Wurzeln mit Hass-Nachrichten überzogen. So wie die schwarze Amerikanerin Sachia Vickery: "Manchmal bekommen wir Todesdrohungen, und es sind so schlimme Wörter dabei. Es trifft besonders die jungen Spielerinnen, die neu auf der Tour sind und nicht wissen was sie erwartet."

Zeitweise hatte auch sie ihren Social-Media-Account deaktiviert. Dabei pflegt sie wie viele andere Profis über diverse Kanäle ihr Image, hält Kontakt zu ihren Fans, macht sich sichtbar für mögliche Geldgeber. Gerade diejenigen, die sich nicht regelmäßig im Fernsehen zeigen können, brauchen die Präsenz im Netz.

Voss-Tecklenburg: Junge Spielerinnen schulen

Auch die Fußball- Nationalspielerinnen kämpfen um mediale Aufmerksamkeit, wollen sich präsentieren und ihren Sport voranbringen. "Für Vereine und Spieler ist es ein probates Mittel, sich zu vermarkten und potenzielle Sponsoren anzusprechen", sagt die Wolfsburger Nationalspielerin Svenja Huth. "Aber man muss auch wissen, wie man sich Online zu verhalten hat."

Weitere Informationen
Hände tippen etwas auf einer Computertastatur. © photocase.de Foto: PolaRocket

Die Story im Ersten: Hass im Netz

Ein Jahr lang hat Klaus Scherer Strafverfolger begleitet, die das Gesetz gegen Hasskriminalität durchsetzen sollen. extern

Vor allem jüngere Spielerinnen aus den Nachwuchsmannschaften müssten geschult werden, sagt Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg. "Was kann es bedeuten, wenn es nicht mehr nur schön ist, sondern hässliche Dinge kommen, die unter die Gürtellinie gehen. Kann ich damit umgehen, lese ich das überhaupt und setze mich damit auseinander? Darüber müssen wir wirklich reden."

Instagram-Manager: Millionen Hass-Posts entfernt

Dabei vor allem auf die Plattformbetreiber zu setzen, ist wahrscheinlich keine gute Idee. Obwohl Instagram-Manager Alexander Kleist sagt: "Wir sind im Austausch, wir stellen uns der Verantwortung und werden auch weiterhin alles daran setzen, Spieler und Spielerinnen, aber auch alle anderen vor Hass und Hassreden zu schützen." Tatsächlich seien "im letzten Quartal 6,6 Millionen Hassposts entfernt" worden. Betroffene könnten die Absender solcher Nachrichten auch blockieren. Fraglich aber, ob das nachhaltig wirkt, wenn ein neuer Account leicht erstellt werden kann und die widerliche Hetze von neuem beginnt.

Ausweispflicht für Social-Media-Accounts?

Rodney Rapson veranstaltet Tennis-Turniere und hat schon einiges versucht, um Hass und Hetze im Netz einzudämmen. Mit mäßigem Erfolg, wie er in der Sportclub Story ernüchtert feststellt. Er schlägt eine Ausweispflicht für Social-Media-Accounts vor, erntet aber sogleich Ablehnung von Kleist: "Das sehen wir sehr, sehr kritisch." Rapson hat inzwischen die Schweizer Firma Sportradar kontaktiert, die nach dem Wettskandal um den deutschen Schiedsrichter Robert Hoyzer gegründet wurde und primär in Sachen Wettmanipulation ermittelt. Zum Team der Experten gehören ehemalige Militärs, Polizisten, aber auch investigative Journalisten.

Krannich von Sportradar: Suche nach zwei Sandkörnern in der Sahara

"Was meine Mitarbeiter hier machen, ist, alle Informationen, die öffentlich frei verfügbar sind, zu recherchieren und zu analysieren", sagt Andreas Krannich, der schon für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) tätig war, bevor er 2008 zu Sportradar kam. Die Nadel im Heuhaufen werde bestenfalls gefunden; meistens suche Sportradar aber eher nach zwei Sandkörnern in der Sahara, beschreibt er die Sisyphusarbeit. "Wir bereiten die Informationen auf, stellen sie dem Opfer zur Verfügung - und dann wird es bei uns direkt wieder gelöscht." Datenschutz! "Deshalb arbeiten wir hier der Polizei sehr viel zu - und so verstehen wir uns auch."

Schwere Hass-Delikte müssen ans BKA gemeldet werden

Dass sich die Sportminister der Bundesländer Anfang November darauf verständigt haben, verbale Gewalt und Hasskriminalität im Internet noch konsequenter zu verfolgen und hart zu bestrafen, sieht Hamburgs Innensenator Andy Grote als gutes Zeichen. Wenngleich "wir noch nicht wissen, wie die gerade geschaffenen Instrumente greifen werden".

Dazu zählt vom kommenden Februar an auch die gesetzliche Verpflichtung für alle sozialen Netzwerke, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen sowie andere schwere Hass-Delikte nicht nur zu löschen, sondern dem Bundeskriminalamt (BKA) zu melden. Die jüngste bundesweite Polizeiaktion sollte ein Zeichen dafür sein, dass der Kampf gegen Hetze und Gewaltandrohung im Netz, wie Grote betont, "ganz oben auf der politischen Agenda steht".

Video
Hände tippen etwas einem Smartphone. © photocase.de Foto: SMG

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Was, wenn man mit Hassbotschaften aus dem Netz konfrontiert ist? Hamburger Expertinnen und Experten zeigen Strategien, sich zu wehren. mehr

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 05.12.2021 | 23:35 Uhr

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