Stand: 27.08.2019 11:17 Uhr

Wie viel Gentechnik steckt in Lebensmitteln?

von Wiebke Neelsen, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Knusprige Brotkruste oder die cremige Konsistenz bei Eiscreme - häufig sind sie das Resultat von Lebensmittelenzymen. Viele dieser Bio-Katalysatoren werden mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt. Zu erkennen ist davon beim Einkaufen aber nichts.

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Enzyme in der Wurst sollen für eine höhere Festigkeit sorgen.

Enzyme sind sogenannte Verarbeitungshilfsstoffe, sie sorgen zum Beispiel für längere Haltbarkeit von Ei-Produkten, eine hohe Festigkeit bei Fleisch und Wurst oder eine gleichmäßige Dichte bei Brot und Backwaren. Wenn diese Enzyme aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt werden, ist das ein Anwendungsbereich der sogenannten Weißen Gentechnik.

Natürliches Labferment kann zu Infektionen führen

Alfred Pühler ist emeritierter Professor für Genetik an der Universität Bielefeld. Er beschäftigt sich seit 45 Jahren mit Gentechnik und deren Vorteilen: "Das Labferment bei Käse beispielsweise wird aus Kälbermägen gewonnen, was unter Umständen zu Infektionen führen kann. Man kann das Labferment aber auch gentechnisch herstellen. Das ist dann zu 100 Prozent sauber - und hat die gleiche Funktion."

Experte sieht keine Gesundheitsgefahr

Auch Vitamine oder Aromen können mittels gentechnisch veränderter Mikroorganismen erzeugt werden. Nach Angaben des Forums Bio- und Gentechnologie wurden vor drei Jahren bereits 40 Prozent aller Lebensmittelenzyme mithilfe von gentechnisch veränderten Organismen hergestellt. Eine Gesundheitsgefahr sieht Pühler nicht, denn die Enzyme sind die gleichen, sie sind lediglich in einem anderen Prozess gewonnen, eben mittels gentechnisch veränderter und nicht natürlicher Mikroorganismen.

Junge Frau betrachtet eine Verpackung im Supermarkt © colourbox Foto: Dimitri Maruta

Enzyme: Die heimlichen Helfer aus dem Genlabor

NDR Info - Wirtschaft -

Lebensmittel wie Brot, Käse oder Süßigkeiten werden oft mit gentechnisch veränderten Mikro-Organismen hergestellt. Viele Verbraucher wissen davon allerdings nichts.

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Keine Kennzeichnungspflicht

Gekennzeichnet werden müssten solche Enzyme nicht, sagt die Referentin für Gentechnik-Politik beim BUND, Daniela Wannemacher: "Das sind ja alles technische Hilfsstoffe, die gar nicht als Lebensmittel gelten, weil sie eigentlich gar nicht im Lebensmittel verbleiben sollen. Es wurden eben nur gentechnisch veränderte Organismen oder Nährböden genutzt, um ein bestimmtes Enzym oder eine bestimmte Zutat herzustellen."

Kontaminationsgefahr offenbar gering

Bei dieser Art der Gentechnik, die in geschlossenen Systemen genutzt wird, sei die Gefahr der Kontamination viel geringer - im Gegensatz zu Gentechnik auf dem Acker, der sogenannten Grünen Gentechnik: wenn ganze Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen wie Raps, Mais oder Soja bepflanzt sind und dann durch Insekten-Bestäubung und Pollenflug auch auf natürlich angebaute Pflanzen auskreuzen.

Drei Viertel der weltweiten Soja-Produktion genetisch verändert

Nach Angaben der Verbraucherzentrale Düsseldorf sind bereits drei Viertel der weltweiten Soja-Produktion gentechnisch verändert, auch in der EU betrifft das zahlreiche daraus gewonnene Futtermittel. Hier gilt: Gekennzeichnet werden muss, wenn Lebensmittel Bestandteile von gentechnisch veränderten Pflanzen enthalten - zum Beispiel Sojamehl aus Gen-Soja, Maltodextrin aus gentechnisch verändertem Mais oder Rapsöl aus gentechnisch verändertem Raps.

Wannemacher kritisiert, dass es jedoch eine Kennzeichnungslücke gibt: "Tierische Produkte, für die die Tiere mit Futtermitteln aus gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert wurden, müssen im Moment nicht gekennzeichnet werden. Ich glaube, das geht total gegen das Verbraucherinteresse, weil Verbraucher zu 80 Prozent Gentechnik ablehnen."

Mit Siegel "Ohne Gentechnik" auf Nummer sicher

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Das von der Bundesregierung 2009 eingeführte Siegel "Ohne Gentechnik" belegt: "Es kamen keine gentechnisch veränderten Pflanzen in den Futtertrog und es sind keine genetisch veränderten Pflanzen enthalten."

Außerdem gilt: Erst wenn der gentechnisch veränderte Anteil in einem Lebensmittel 0,9 Prozent übersteigt, muss das Produkt als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden. Wer auf Nummer sicher gehen wolle, so Wannemacher, der kaufe Bio-Produkte oder solche mit dem "Ohne Gentechnik"-Siegel.

Impfstoffe der Zukunft?

Die Bedeutung der Gentechnik wird, so sagt es der Genetiker Pühler, insbesondere in der Medizin in Zukunft zunehmen, etwa bei Impfstoffen, die anderweitig nicht zu gewinnen seien. Das ist der Bereich der sogenannten Roten Gentechnik: "Da kann man sich fragen: 'Will ich mich mit einem gentechnisch veränderten Impfstoff impfen lassen?' Oder verschmähe ich den und setze mich den Infektionen aus?"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 27.08.2019 | 12:41 Uhr

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