Stand: 03.08.2018 06:41 Uhr  | Archiv

Organic Fashion - Wie nachhaltig ist Öko-Mode?

von Michael Latz, NDR 2
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Der Anbau von Baumwolle belastet die Umwelt.

Die Regeln im Kleiderschrank sind knallhart: Oben auf den Stapeln direkt in Griffweite liegen die Shirts und Hosen, die wir am liebsten anziehen. Was weiter nach unten in den Stapel wandert, gerät nach und nach in Vergessenheit. Und was womöglich in die zweite Reihe rutscht, ist für lange Zeit verloren. Nach Schätzungen von Greenpeace tragen wir 40 Prozent unserer Kleidung in der Regel überhaupt nicht, sondern horten sie im Schrank. Und trotzdem kauft jeder Deutsche im Schnitt jedes Jahr 60 neue Kleidungsstücke. "Mode ist zum Wegwerfartikel geworden", beklagt Textil-Expertin Kirsten Brodde von Greenpeace. Und das, obwohl die Branche wie nur wenige andere die Umwelt belastet. Für die Produktion eines einzelnen Shirts sind zum Beispiel 1.700 Liter Wasser nötig. Zum Färben und Bedrucken gibt es etwa 3.000 Chemikalien. Hinzu kommen schlechte Arbeitsbedingungen und Sicherheitsmängel in vielen Herstellungsländern.

Öko-Label garantieren Umwelt- und Sozialstandards

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Recolution-Gründer Jan Thelen verspricht nachhaltige Mode.

"Mode an sich ist einfach nach der Ölindustrie das dreckigste Business auf der Welt", fasst es Jan Thelen zusammen. Er und seine Partner wollten es besser machen. 2010 gründeten sie in Hamburg das Öko-Label Recolution. "Als wir gestartet sind, musste ich noch erklären, dass wir keine Jute-Säcke machen", erinnert sich Thelen. Heute ist das Label einer von vielen kleinen Anbietern, die auf faire und nachhaltige Mode setzen. An die 200 Stores für Organic Fashion gibt es inzwischen in Deutschland. Sie alle versprechen, vom Feld bis zum Verkauf Umwelt- und Sozialstandards einzuhalten. Bei Recolution heißt das konkret, dass die Shirts, Pullis und Hosen aus Bio-Baumwolle hergestellt werden. Auf den Feldern werden keine chemischen Pestizide verspritzt. "Wir pflanzen Sonnenblumen, um Schädlinge von der Baumwolle abzulenken“, erklärt Thelen. Für das Färben kommen nur bestimmte Chemikalien zu Einsatz, Abwässer werden geklärt und produziert wird in Portugal und der Türkei.

Textil-Siegel verschaffen Überblick

Die Auflagen sind Teil des "Global Organic Textil Standards" – kurz GOTS. Alle Beteiligten der Produktionskette müssen sie erfüllen. Hinter GOTS steht eine gemeinnützige Organisation, die die Einhaltung der Umwelt- und Sozialvorschriften einmal im Jahr überprüft. Und nur wenn die Bedingungen erfüllt wurden, darf ein fertiges T-Shirt das Pappschildchen mit dem GOTS-Siegel tragen. Siegel mit ähnlich strengem Regelwerk sind zum Beispiel das "IVN Best" oder "Made in Green". Sie sind für Verbraucher eine Orientierung im Mode-Dschungel.

Textil-Ketten entdecken nachhaltige Mode

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Auch Textil-Riese H&M setzt auf Bio-Baumwolle.

Nachhaltige Mode ist aber längst nicht mehr nur ein Nischenthema. Auch große Ketten haben sich inzwischen verpflichtet, auf besonders schädliche Chemikalien bei der Herstellung zu verzichten. Einige von ihnen setzen zunehmend auch auf nachhaltig hergestellte Fasern. Bei H&M zum Beispiel ist inzwischen mehr als ein Drittel der Waren daraus gefertigt. Bis 2030 soll das gesamte Sortiment umgestellt werden. "Außerdem setzen wir recycelte Fasern ein. Kunden können alte Kleidung in unseren Filialen abgeben. Und was nicht mehr getragen werden kann, verarbeiten wir in neuen Produkten", erklärt H&M-Sprecherin Laura Engels. Auch der große Modekonzern hält bei der Produktion der Bio-Baumwolle die Kriterien der Bio-Zertifizierung ein. Allerdigns gilt das nur für den Rohstoff, nicht aber für die gesamte Produktionskette der Textilien, wie es z.B. bei Standards wie GOTS verlangt wird. Stattdessen hat sich H&M eigene Öko-Standards gesetzt. Eine unabhängige Kontrolle gibt es dabei aber nicht. Daher trägt die fertige Öko-Mode bei H&M am Ende nicht das GOTS-Siegel, sondern das firmeneigene, grüne Öko-Schild. Kunden gibt das zunächst wenig Orientierung. Allerdings veröffentlicht H&M im Netz zum Beispiel die Liste seiner Zulieferer und seinen Nachhaltigkeitsbericht.

Greenpeace wirbt für Slow Fashion

Um Verbrauchern den Überblick zu erleichtern, hat Greenpeace die verschiedenen Textil-Siegel überprüft. Textil-Expertin Kirsten Brodde wünscht sich aber eine Harmonisierung: "Wir haben eine Reihe von Siegeln, die glaubwürdig sind. Und die Frage ist, ob aus diesen am Ende ein Siegel wird, das aber gesetzlich geschützt ist. Im Verbraucherinteresse wäre das sicher."

So groß das Interesse an nachhaltiger Mode im Moment ist, so skeptisch ist Kirsten Brodde bei der Frage, ob die gesamte Modebranche nachhaltig arbeiten könnte. Dazu müsste sich die Branche auf den Slow-Fashion-Gedanken einlassen: "Ich kann mir nicht vorstellen, die gleiche Menge Textilien, die wir jetzt produzieren, in öko und fair herzustellen. Ich glaube aber, dass Öko-Mode dazu anregt, über den eigenen Konsum nachzudenken und vielleicht ein Teil weniger zu kaufen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 03.08.2018 | 07:20 Uhr

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