Negativzinsen: Wie kann man sie vermeiden?

Stand: 06.04.2022 17:45 Uhr

Viele Geldinstitute erheben Negativzinsen auf die Guthaben ihrer Kunden, sei es auf Giro- oder Tagesgeldkonten. Grund dafür sind die niedrigen Zinsen. Verbraucherschützer klagen, es gibt erste Urteile.

von Jochen Lambernd

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) gefährdet aus Sicht der Geldinstitute ihr klassisches Geschäftsmodell, bei dem unter anderem mit Kreditzinsen Einnahmen erwirtschaftet werden, und zwingt sie, sogenannte Verwahrentgelte zu berechnen. Denn nur mit der Abwälzung der Kosten auf die Kunden können die Banken gewinnbringend oder zumindest kostendeckend arbeiten - so die Begründung der Institute. Diese Verwahrentgelte sind letztlich nichts anders als Negativzinsen - auch Straf- oder Minuszinsen genannt.

Freibetragsgrenzen werden reduziert

Mehrere Hundert Banken und Sparkassen in Deutschland erheben mittlerweile solche Negativzinsen. Betroffen sind neben Neukunden auch Bestandskunden. Dabei handelt es sich längst nicht mehr um besonders solvente Kunden, sondern immer häufiger auch um Sparer mit kleinerem Budget. Viele Institute böten "nur noch einen Freibetrag von 25.000 Euro oder weniger", sagt Horst Biallo, Gründer und Geschäftsführer des gleichnamigen Verbraucherportals. Einige Banken und Sparkassen langen bereits ab dem ersten Euro zu. Meist beläuft sich das Verwahrentgelt auf 0,5 Prozent pro Jahr. Allerdings gehen einige Geldhäuser darüber hinaus und berechnen zumindest einem Teil ihrer Kunden Verwahrentgelte in Höhe von 0,55 bis 1 Prozent.

Seit Anfang April 2021 räumt die Hypovereinsbank nach individueller Vereinbarung einen Freibetrag von 100.000 Euro auf dem Girokonto ein. 50.000 Euro sind das neue Limit zum Beispiel bei der Direktbank ING, der Sparda-Bank Hannover, der Commerzbank und der Hamburger Sparkasse (Haspa). Bei der Postbank sind es 50.000 Euro auf dem Girokonto und 25.000 auf dem Tagesgeldkonto. In der Regel sollen die Kunden eine entsprechende Vereinbarung unterschreiben. Geschieht dies nicht, können die Institute Konten kündigen.

Investieren in Wertpapiere und Immobilien?

Für die Kundschaft dürfte es eine Herausforderung sein, ihr Geld sinnvoll und vor allem gewinnbringend aufzubewahren. Der Vize-Vorstandschef der Haspa, Frank Brockmann, sagte: "Nicht benötigtes Geld sollte daher derzeit in Wertpapiere investiert werden. Dazu raten wir schon seit Jahren. Nur dort sind - neben der eigenen Immobilie - noch nachhaltige Wertzuwächse zu erzielen. Fondssparen ist aktuell eine gute Alternative."

Verbraucherzentrale warnt vor höheren Risiken

"Die angebotenen Produkte sind aber oft nicht bedarfsgerecht, zu unflexibel, teuer und überdies mit weitaus höheren Risiken verbunden als die bisher sicheren Einlagen", betont Sandra Klug von der Verbraucherzentrale Hamburg. "Gerade für ältere Menschen, die auf flexible Verfügbarkeit angewiesen sind, kann das zum Problem werden."

Entsprechende Anlageempfehlungen könnten die Betroffenen mitunter teuer zu stehen kommen. "Die Geldinstitute nutzen die Drohkulisse Verwahrentgelt und jüngst auch die hohe Inflationsrate, um den Ratsuchenden Anlageprodukte wie zum Beispiel private Rentenversicherungen zu verkaufen, für die sie hohe Provisionen erhalten", so Klug. Dabei seien Rentenversicherungen nicht das richtige Produkt. Auch für Investmentfonds kassieren die Geldinstitute Ausgabeaufschläge und jährliche Bestandsprovisionen. "Wer Negativzinsen ausweichen möchte, landet so schnell in der Provisionsfalle der Banken und Sparkassen", meint die Expertin.

Sparbriefe, Festgelder und ETF als Alternativen

Als sichere Anlagen kämen weiterhin Sparbriefe und Festgelder infrage, auch bei anderen Anbietern als der Hausbank, so Klug im Gespräch mit NDR.de. Wer sich des Risikos bewusst sei, könne sein Geld über sogenannte Exchange Traded Funds (ETF) anlegen. Um diese zu erwerben, muss der Kunde oft selbst aktiv werden.

Ältere Menschen oft überfordert

Immer mehr Menschen fänden sich im Hinblick auf die technischen Entwicklungen nicht gut zurecht, berichtet Sandra Klug. Dabei sei Online-Banking nur der Anfang. Gerade für die Älteren sei es oft schwierig, sich mit den sich bietenden Möglichkeiten auseinanderzusetzen und die Informationen verschiedener Anbieter zu vergleichen. "Ich habe da schon eine gewisse Sorge um diese Menschen", sagt Klug.

Was können Kunden tun?

Die Geldinstitute bieten ihren Kunden meist Beratungsgespräche und Informationen an, was zu tun sei, um die Negativzinsen zu umgehen. Dabei empfehlen sie gern ihre eigenen Hausprodukte, die im Vergleich nicht immer die günstigsten sein müssen. Daher sollten sich Sparer, die über Geldsummen oberhalb der jeweiligen Freibeträge verfügen, nach weiteren Alternativen umsehen. Hier ein paar Ratschläge:

  • Reagieren Sie unbedingt auf Negativzins-Ankündigungen Ihres Geldinstituts, suchen Sie das direkte Gespräch. Dann sind individuelle Lösungen leichter. Aber: Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen. Unterschreiben Sie nicht unüberlegt und nichts, das Sie nicht verstehen. Nehmen Sie sich Zeit, einen Anlagevorschlag zu prüfen.
  • Legen Sie sich ein zusätzliches - kostenloses - Girokonto bei einer anderen Bank zu, die höhere Freibeträge anbietet. Verteilen Sie also Ihr Geld.
  • Das Institut ganz zu wechseln, kann eine Möglichkeit sein. Allerdings können auch andere Banken später Strafzinsen erheben.
  • Schichten Sie Ihr Guthaben auf Sparkonten um. Auf diese dürfen Banken und Sparkassen aus Sicht der Verbraucherzentrale Hamburg keine Negativzinsen erheben.
  • Auch manche Tagesgeldkonten bieten sich an, um Guthaben umzuschichten. Fragen Sie aber explizit nach dem Freibetrag.
  • Achten Sie in jedem Fall auf eine Einlagensicherung. Üblich ist, dass 100.000 Euro Spargeld pro Kunde abgesichert sind.
  • Legen Sie Ihr Geld an: in Aktien und Anleihen - zum Beispiel über ETF. Achten Sie auf die Verfügbarkeit Ihres Kapitals! Und: Ein gewisses Risiko ist dabei.
  • Immobilien sind eher sehr langfristige Investitionsobjekte.
  • Lassen Sie sich unabhängig und individuell beraten, was für Sie der beste Weg ist - etwa von der Verbraucherzentrale in ihrer Nähe.

Die Verbraucherzentrale Hamburg bietet am Mittwoch, 13. April 2022, in der Zeit von 12 bis 13 Uhr einen kostenlosen Experten-Chat an.

Wichtig: Wer sich weitere Girokonten zulegt, sollte beachten, dass die jeweiligen Informationen an die Schufa weitergeleitet werden können. Ob sich deshalb die Bewertung ("Score") womöglich verschlechtert, lässt sich pauschal nicht sagen. Es komme auf alle Informationen zu einer Person an, erklärt Anna-Lena Rawe im Gespräch mit NDR.de.

Negativzinsen kann man übrigens steuerlich nicht absetzen. Das Finanzamt stuft sie Stiftung Warentest zufolge als Gebühr ein.

Verbraucherschützer klagen - erste Urteile

Ob die Geldinstitute Verwahrentgelte überhaupt verlangen dürfen, ist gerichtlich noch umstritten. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen möchte die Zulässigkeit grundsätzlich klären lassen und hat deshalb Klagen gegen verschiedene Kreditinstitute erhoben. Das Landgericht Berlin erklärte Mitte November 2021 in erster Instanz entsprechende Klauseln im Preisverzeichnis eines Kreditinstitutes für unzulässig. Die Beanspruchung eines sogenannten Verwahrentgeltes bei Zahlungsdiensteverträgen sei mit wesentlichen Grundgedanken der gesetzlichen Regelung nicht zu vereinbaren, entschied das Gericht mit Blick auf Girokonten. Beim Tagesgeldkonto müsse dem Kunden mindestens der Betrag verbleiben, den er eingezahlt hat. Dies werde jedoch durch das Verwahrentgelt umgangen (Az:16 O 43/21). Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Auch das Landgericht Düsseldorf entschied in einem Verfahren Ende Dezember 2021 für die Sparer. Ein von der Volksbank Rhein-Lippe verlangtes Verwahrentgelt sei rechtswidrig. Dieses sei eine unangemessene Benachteiligung der Kunden. Die Geldverwahrung sei fester Bestandteil eines Girokontos. Die Bank erhalte dafür die Kontoführungsgebühr. Wenn zusätzlich auch noch Negativzinsen berechnet würden, müsse der Kunde eine doppelte Gegenleistung für die Arbeit der Bank erbringen (Az: 12 O 34/21). Die Bank ist gegen dieses Urteil in Berufung gegangen. Bis zu einer endgültigen Entscheidung des Bundesgerichtshofs über Negativzinsen dürfte noch einige Zeit vergehen.

Bankenbranche fordert von EZB Abschaffung der Negativzinsen

Währenddessen scheint in der Bankenbranche ein Umdenken stattzufinden. Sie fordert von der Europäischen Zentralbank die Abschaffung der Negativzinsen. Negative Leitzinsen seien ein Kriseninstrument zur Bekämpfung von Deflationsgefahren, sagte Christian Ossig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken. "Im heutigen Umfeld sind sie ein völlig falsches Instrument, und sie senden auch das völlig falsche Signal von der Geldpolitik," merkte er an. "Die Negativzinspolitik muss noch dieses Jahr ein Ende haben." Die EZB müsse jetzt handeln.

"Sobald die Europäische Zentralbank sich von ihrer Minuszinspolitik verabschiedet, werden wir keine Verwahrentgelte für Privatkunden mehr erheben", kündigte der Vorstandschef der ING Deutschland, Nick Jue, im "Handelsblatt" an. "Das ist ein Versprechen."

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Dieses Thema im Programm:

Markt | 13.09.2021 | 20:15 Uhr

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