Stand: 04.06.2018 16:00 Uhr  | Archiv

Nach Stromausfall: Welche Rechte haben Fluggäste?

Ein Stromausfall am Flughafen hat am Sonntag die Pläne von Tausenden Reisenden durchkreuzt, die von oder nach Hamburg fliegen wollten. Der Airport musste seinen Betrieb komplett einstellen. Von den Ausfällen betroffen waren rund 30.000 Passagiere. Erst am Montag lief der Betrieb wieder an. Die Leidtragenden fragen sich natürlich: Bekomme ich mein Geld zurück oder sogar eine Entschädigung?

Flüge können kostenlos umgebucht oder storniert werden

Grundsätzlich gilt: Reisende dürfen bei Ausfällen ihren Flug kostenlos umbuchen - oder absagen und das Geld zurückfordern von der Fluggesellschaft. Wird ein Flug annulliert oder verspätet sich um mehr als drei Stunden, steht Passagieren laut EU-Fluggastrechteverordnung eigentlich auch eine Entschädigung zu - je nach Flugdistanz sind das 250 bis 600 Euro.

Stromausfall ein "außergewöhnlicher Umstand"?

Die Fluglinien müssen laut Gesetz allerdings nicht entschädigen, wenn Flüge wegen "außergewöhnlicher Umstände" gestrichen werden müssen. Dazu gehören beispielsweise Streiks, außerordentlich schlechtes Wetter, Sicherheitsrisiken und politische Instabilität. Ob ein Stromausfall am Flughafen auch dazu gehört, müsste laut André Schulze-Wethmar vom Europäischen Verbraucherzentrum Deutschland (EVZ) gerichtlich geklärt werden. Es sei unklar, ob die Fluggesellschaften für die Flugausfälle haftbar seien, sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

Moritz Diekmann, Anwalt für Fluggastrecht, sagte dagegen im Interview mit NDR Aktuell: "Der Stromausfall wird sehr wahrscheinlich ein 'außergewöhnlicher Umstand' sein." Daher werde es wohl auch keine Entschädigungen geben. Diese Einschätzung teilt auch Reiserechtsexperte Paul Degott aus Hannover.

Fluggesellschaften erster Ansprechpartner

Erster Ansprechpartner für die Betroffenen des Vorfalls in Hamburg, die ihre Ansprüche geltend machen wollen, seien aber auf jeden Fall erstmal die Airlines, betonte Diekmann. "Grundsätzlich gilt: Die Fluggesellschaft muss den Fluggast zum Zielort befördern." Wenn Reisende aufgrund einer Annulierung ihren Flug umbuchen oder in einem Hotel übernachten müssten, so müssten sie zunächst Kontakt mit der Fluggesellschaft aufnehmen. Wenn die Airline dem Fluggast dann nicht weiterhilft, kann er einen Flug oder eine Übernachtung im Hotel buchen und die Kosten nachträglich einfordern, so der Anwalt.

Reisende müssen betreut werden

Unabhängig davon, wer die Flugstreichungen zu verantworten hat, haben Reisende laut EVZ Anspruch, von ihrer Gesellschaft betreut zu werden. "Sie muss Lebensmittel, Getränke und Unterkunft stellen", sagte Schulze-Wethmar. "Wer eine Pauschalreise gebucht hat, hat einen Minderungsanspruch gegen den Reiseveranstalter", sagte der Jurist. Auch die Kosten für das Hotel am Urlaubsort müsse der Reiseveranstalter tragen. Wer Flug und Unterkunft hingegen separat buchte, hat im Fall außergewöhnlicher Umstände keinen Entschädigungsanspruch. Bei einer Pauschalreise ist der Reiseveranstalter in der Pflicht, die Urlauber auf alternativen Wegen ans Ziel zu bringen.

Klagen oder schlichten lassen?

Kommt der Reiseveranstalter dieser Pflicht nicht nach, können Betroffene klagen. Ohne Rechtsschutzversicherung können Klägern jedoch hohe Prozesskosten drohen. Es gibt auch Unternehmen, die Passagieren das Prozessrisiko abnehmen. Die Firmen boxen Fälle vor Gericht durch und kassieren dafür beispielsweise 25 Prozent der erstrittenen Entschädigung. Verlieren sie das Verfahren, kostet es den Kunden nichts.

Viele deutschen und internationale Flugunternehmen sind der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP) beigetreten, die im Streitfall nach einer einvernehmlichen außergerichtlichen Lösung sucht. Das Schlichtungsverfahren ist für die Passagiere kostenfrei. Weitere Informationen zum Thema finden sich auch auf der Internetseiten des Luftfahrt-Bundesamts.

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Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 04.06.2018 | 16:00 Uhr

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