Stand: 07.06.2016 07:10 Uhr  - NDR 90,3  | Archiv

Na klar gibt es schwarze Feen!

Mehrere kleine Mädchen in einer Kita spielen "Elfen" und "Feen". Ein Kind afrodeutscher Eltern kommt hinzu und will mitmachen. Darauf entgegnen die anderen: "Nee, das geht nicht - es gibt doch keine schwarzen Feen!"

Wie bitte? Wie kommen Kindergartenkinder zu einer solch ausgrenzenden Ansicht? Für Sina Hätti und Anna Cardinal vom Hamburger Verband binationaler Familien und Partnerschaften ist die Antwort klar: "Leider sind die meisten Spielfiguren und Bilderbuchcharaktere immer noch weiß, trotz der Vielfalt von Menschen in unserer Gesellschaft", sagt Cardinal. Von Szenen wie der anfangs beschriebenen können die beiden zuhauf erzählen. Damit sich das ändert, haben sie eine sogenannte Spielzeugpositivliste erstellt. "Dort sind Spielsachen aufgeführt, mit denen sich auch nicht-weiße Kinder identifizieren können", erklärt Hätti. Zum Beispiel eine schwarze Fee.

Suche nach Spielzeug für nicht-weiße Kinder extrem schwierig

Die beiden Hamburgerinnen sind selbst Mütter von Kindern mit dunklerer Hautfarbe. "Deshalb sind wir überhaupt auf das Thema gekommen", sagt Hätti. Vor Geburts- und Feiertagen sei die Suche nach passenden Geschenken für die Kleinen stets extrem schwierig gewesen. Nach schwarzen Spielzeugfiguren befragt, zuckten die Verkäufer in den örtlichen Geschäften, teils peinlich berührt, mit den Schultern. Manche holten Klischee-Figuren aus dem Regal. "Zum Beispiel einen Krieger mit Lendenschurz und Knochen in der Nase", stöhnt Hätti. Auch an Fair-Trade-Läden seien sie verwiesen worden. "Doch auch da gab es nichts, was der Lebensrealität unserer Kinder entspricht."

Auch die Suche im Internet war alles andere als einfach. "Auf der Suche nach Begriffen wie 'schwarze Fee' landeten wir beispielsweise ständig auf irgendwelchen Gothic- oder Pornoseiten", erzählt Hätti. Am Ende hätten sie im Ausland bestellt, etwa in Amerika, Schweden oder Frankreich. "Bis die Sachen bei uns waren, dauerte es aber oft mehrere Wochen", berichtet Cardinal.

Hersteller reagieren positiv

Von derartigem Aufwand genervt, hätten sie die angefangen, bei den Spielwarenherstellern nachzufragen, warum das Angebot nicht-weißer, positiv besetzter Figuren in Deutschland derart schmal sei. "Gerade durch Zuwanderung von Menschen aus verschiedenen Ländern wird unsere Gesellschaft doch immer heterogener - das sollte sich doch eigentlich auch auf dem Spielzeugmarkt widerspiegeln", findet Cardinal. Die Produzenten hätten auf ihre Anfrage meist sehr positiv reagiert, einige hätten tatsächlich ihr Programm erweitert. "Und dann haben wir uns überlegt, die guten Ergebnisse zu bündeln."

Schulungen zum Thema

Hunderte Stunden haben die beiden Hamburgerinnen ehrenamtlich für ihre Spielzeugliste recherchiert, die laufend aktualisiert wird und derzeit 24 Din-A-4-Seiten umfasst. Sie ist beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften kostenlos erhältlich und als Empfehlung für Eltern und Bildungseinrichtungen gedacht. Zudem bieten Cardinal und Hätti auf Anfrage auch Schulungen zum Thema an.

Stifte in zwölf Hautfarben

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Zwölf Stifte in "Hautfarben": So wird beim Malen kein Kind ausgegrenzt.

"Gerade in den Kitas werden die Grundlagen für das gesellschaftliche Miteinander gelegt, dort werden wesentliche Normen und Werte vermittelt", sagt Cardinal. Manchmal geschehe Ausgrenzung ganz subtil, "wenn beispielsweise nur Hellbeige als 'Hautfarbe' bezeichnet wird". Als Alternative habe ein Stifte-Hersteller die Sammlung "Skin Tones" im Programm - zwölf Buntstifte in Farben, "die den zwölf häufigsten Hautfarben der Menschen unserer Welt entsprechen", wie es in der Beschreibung heißt.

Figuren im Rollstuhl und mit Rollator

Dass Spielzeug gesellschaftliche Vielfalt abbildet, ist nicht nur im Hinblick auf nicht-weiße Kinder wichtig, sondern sollte auch für Menschen mit Behinderung und Senioren gelten, meinen Cardinal und Hätti. Entsprechend finden sich auf der Liste zum Beispiel auch Figuren, die im Rollstuhl sitzen oder einen Rollator vor sich herschieben. "In Schweden sind die Kitas dazu verpflichtet, den Kindern solch diversifiziertes Spielzeug zur Verfügung zu stellen", berichtet sie. Derartiges wünsche sie sich auch für Deutschland. "Doch davon sind wir leider noch weit entfernt."

"Da sieht ja gar keiner aus wie ich"

Wie wichtig es für Kinder sei, sich mit Spielzeug zu identifizieren, habe sie bei einer Geburtstagsfeier ihres Sohnes nachdrücklich erfahren: Abgesehen von ihm und Cardinals Tochter seien nur weiße Kinder zu Besuch gewesen. Sie habe mit der Geburtstagsgesellschaft dann eine Art Memory-Spiel begonnen, auf dessen Karten fast ausschließlich nicht-weiße Familien abgebildet gewesen seien. Das habe die kleinen Gäste verstört. "Ein Mädchen fing sogar fast an zu weinen und sagte: da sieht ja gar keiner aus wie ich", berichtet Hätti. Das habe ihr sehr Leid getan. "Andererseits ist dies ein Gefühl, mit dem unsere Kinder aufwachsen - obwohl sie hier geboren sind."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 07.06.2016 | 11:20 Uhr

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