Stand: 05.10.2016 22:00 Uhr  | Archiv

"Äpfel werden zum Lifestyleprodukt gemacht"

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Hauptsache rot und makellos. Das sind die Anforderungen an einen Supermarktapfel. Dabei gehen aber innere Werte verloren.

Ein Apfel am Tag soll die Gesundheit erhalten - zumindest laut Sprichwort. Heute geht es bei Äpfeln aber nicht um die "inneren Werte" - sie müssen vor allem makellos aussehen. Zudem sind in unseren Supermärkten nur noch eine Handvoll Sorten im Angebot. Was steckt in Braeburn, Royal Gala oder neueren Apfelsorten wie Pink Lady? Und gibt es überhaupt noch alte Sorten? Mit diesen Fragen hat sich Fernseh-Autor Tim Boehme beschäftigt. Im Interview mit NDR.de berichtet Boehme, was er herausgefunden hat.

Wie sind Sie darauf gekommen, einen Film über Äpfel zu machen?

Tim Boehme: Ich wohne auf dem Land. Wenn ich im Garten sitze, schaue ich direkt auf einen alten Apfelgarten. 60 Bäume aus über 30 Sorten stehen dort. Das sind mehr Sorten, als in jedem Supermarkt zu finden sind. In Deutschland gibt es mehr als 2.000 Apfelsorten, doch im Handel spielen vielleicht noch zehn eine wirtschaftliche Rolle.

Jahrelang lag der alte Garten brach. Für die Äpfel haben sich nur ein paar Pferde interessiert, die dort grasten, sowie hin und wieder ein paar Pfadfinder. Aber dann hat ein Freund von mir den Apfelgarten in Pacht übernommen. Auf seiner letzten Ernteparty fragte ich mich: Wieso finden wir diese alten Apfelsorten eigentlich so gut wie nie im Supermarkt?

Experten sagen, der Kunde achte beim Apfelkauf erstens auf den Preis, zweitens auf den Preis und drittens auf das Aussehen. Warum ist das ein Problem?

Boehme: Meiner Erfahrung nach ist das Aussehen für den Kunden das Wichtigste am Apfel. Im Supermarkt zählen also Form und Farbe. Dann erst kommen Geschmack und Aroma. Bei den Dreharbeiten habe ich einen Kunden beobachtet, der zehn Äpfel einzeln betrachtete, bevor er sich für einen entschied.

"Polyphenole als solche haben einen Gesundheitswert, sie sind nicht nur Antioxidantien, sondern sie haben beispielsweise auch einen blutzuckersenkenden Effekt in höheren Konzentrationen, man hat antimikrobielle Eigenschaften festgestellt und wenn man diese Inhaltsstoffe eben aus dem Apfel rauszüchtet, dann hat man einen Preis dafür bezahlt, denn der Apfel ist eine schöne Hülle dann, aber der Inhalt, der stimmt nicht mehr mit der Hülle überein."

Prof. Reinhold Carle,Lebensmittelchemiker an der Universität Stuttgart

Und weil nur der schöne Schein zählt, werden wichtige sekundäre Pflanzenstoffe, die den Blutzucker senken und gesund sind, nicht beachtet. Manchmal werden sie sogar gezielt weggezüchtet. Polyphenole beispielsweise sind zwar gesund, aber sie verursachen auch das Bräunen des Fruchtfleisches nach dem Aufschneiden. Diese Eigenschaft vermeidet man gern in der Züchtung.

Woher stammen die meisten Äpfel im Supermarkt?

Boehme: Viele der modernen Sorten stammen von der Sorte Golden Delicious ab. Die ist super ertragreich, aber leider auch sehr anfällig für Schädlinge und Apfel-Schorfpilze. Ohne chemische Hilfe ist diese Sorte gar nicht lebensfähig, also wird gespritzt. Aber weil sie eben so fruchtbar ist, ist sie inzwischen in die meisten modernen Sorten hineingezüchtet worden. Bei Jonagold hört man die Verwandtschaft schon im Namen. Aber auch die populäre Pink Lady ist ein Golden-Delicious-Kind.         

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Weiß man denn, wie lange ein Apfel im Supermarkt schon um die Welt gereist ist?

Boehme: Nein. Auf einem Apfelpreisschild im Supermarkt steht nur, wo er herkommt. Weder das Erntedatum noch wie er gelagert wurde, kann man als Kunde erkennen. Er könnte also theoretisch ein Jahr oder älter sein. Aber nach spätestens zwölf Monaten werden die Apfellager ja für die neue Ernte gebraucht. Auch wenn ein gelagerter Apfel im Sommer genauso aussieht wie ein frisch gepflückter, die inneren Werte sind nicht mehr vergleichbar.   

Wie lange halten sich denn eigentlich die gesunden Inhaltsstoffe wie Vitamine, Magnesium und Eisen nach dem Pflücken?

Zum Beispiel: Schon nach zwei bis drei Monaten reduziert sich der Vitamin-C-Gehalt um ca. die Hälfte. Und das Aroma ist nach langer Lagerung oft recht fahl. Die Äpfel werden ja in eine Art "künstliches Koma" versetzt und das tut dem Geschmack oft nicht so gut.

Was hat es mit den sogenannten Clubäpfeln auf sich, die Sie in Ihrem Film zeigen?

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Boehme: Clubsorten sind moderne und oft auch teurere Äpfel, wie zum Beispiel Pink Lady oder Rubens. Eigentlich sind Clubäpfel meistens keine wirkliche Sorten mehr, sondern Markenartikel, wie Coca-Cola oder Mars. Denn sie unterscheiden sich oft nur bei der Vermarktung für eine schon bekannte Sorte. So ist es zum Beispiel auch mit Pink Lady: Cripps Pink ist der ursprüngliche Sortenname. Als Pink Lady haben die Äpfel also lediglich eine besondere Sortierung und Vermarktung genossen, sind in Wirklichkeit aber identisch mit Cripps Pink - nur teurer, dafür mit sexy Namen.

Andere Clubsorten sind aber geschützte Neuzüchtungen, die auf anderen Sorten basieren. Sehr oft steckt da aber auch wieder Golden Delicious drin. Das Angebot an Clubsorten wird knapp gehalten, damit der Preis hoch bleibt. Äpfel sollen so zum Lifestyleprodukt werden, das ist der Trend. Obstbauern, die einen Clubapfel anbauen möchten, müssen übrigens tatsächlich einem Club beitreten.

Würden Sie solche Supermarkt-Äpfel essen?

Boehme: Warum nicht, wenn ich Hunger hätte? Aber aus dem Supermarkt präferiere ich die Sorte Braeburn - keine Clubsorte. Diese Äpfel vertragen nämlich kein "SmartFresh" [ein chemisches Konservierungsprodukt, Anm. d. Red.] und stammen von einem Zufallssämling ab, das finde ich sympathisch.

Durch die Arbeit an dem Film esse ich jetzt aber insgesamt viel bewusster Äpfel. Früher habe ich sie im Sommer einfach so weggegessen. Apfel war halt Apfel und fertig. Jetzt genieße ich im Herbst die vielen unterschiedlichen Geschmacksrichtungen, die es im alten Apfelgarten meines Freundes ja noch gibt. Frisch vom Baum sind sie einfach nicht zu schlagen.   

Das Interview führte Sugárka Sielaff.

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