Stand: 14.09.2020 17:01 Uhr

Coronavirus: Was bringen Luftfilter an Schulen?

von Daniel Krull
Schulkinder stehen an den geöffneten Fenstern ihres Klassenraumes © picture alliance/KEYSTONE Foto: ALESSANDRO DELLA VALLE
Noch können die Klassenräume regelmäßig gelüftet werden, doch in der kalten Jahreszeit sieht das anders aus.

Im Kampf gegen das Coronavirus setzen die Schulen bislang neben anderen Hygieneregeln auf regelmäßiges Lüften der Klassenräume. Der Luftaustausch soll die Gefahr verringern, dass infizierte Schüler oder Lehrer die Viren weitertragen. Um auch in der kalten Jahreszeit einen Luftaustausch gewährleisten zu können, fordern immer mehr Lehrer, Experten und Politiker den flächendeckenden Einsatz von Hochleistungs-Luftfilteranlagen.

Universität der Bundeswehr testet Hochleistungs-Luftfilter

VIDEO: Coronaviren: Was bringen Luftfilter an Schulen? (7 Min)

Prof. Christian Kähler untersucht an der Universität der Bundeswehr in München seit Monaten die Tauglichkeit portabler Luftfilteranlagen im Kampf gegen Coronaviren. Sein besonderes Augenmerk gilt ihrem Nutzen in Klassenräumen. Dazu hat er einen im Labor nachgebaut. Feiner Sprühnebel simuliert die Aerosole, die normalerweise beim Ausatmen als Trägerteilchen der Coronaviren dienen. Mit aufwendiger lasergestützter Technik haben er und sein Team gemessen, wie schnell die Hochleistungs-Luftfilteranlage die Raumluft von den Aerosolen befreien kann.

Reinigung der Raumluft auch von Aerosolen

Das Ergebnis ist beeindruckend: Das Gerät schafft es in wenigen Minuten, die Luft eines Klassenraum-großen Labors zu reinigen - das entspricht 3.500 Kubikmeter Raumluft in einer Stunde. In den Schwebestoff-Filtern, den sogenannten Hepafiltern der Klasse 14, bleiben zu 99,99 Prozent Viren und Bakterien hängen. Zusätzlich erhitzt die Anlage den Filter auf etwa 100 Grad, um die gesundheitsgefährdenden Erreger abzutöten. Sechs- bis achtmal pro Tag kann die Luft eines Klassenraums auf diese Weise komplett gereinigt werden. Damit würden indirekte, also durch Aerosole verursachte Infektionen, weitestgehend verhindert. Um eine direkte, also durch Tröpfchen verursachte Ansteckung zu vermeiden, rät Kähler zudem zu Plexiglasscheiben zwischen den Sitzplätzen.

Hohe Anschaffungskosten für die Schulen

Mittlerweile interessieren sich auch Schulen für den Einsatz der Geräte. Die Grundschule Knauerstraße in Hamburg zum Beispiel denkt über die Anschaffung solcher Geräte nach. Doch die sind nicht ganz billig und kosten 3.000 bis 4.000 Euro pro Stück und Klassenzimmer. Hinzu kommen die Plexiglasscheiben mit einigen Hundert Euro. Für die meisten Schulen wäre das ein finanzieller Kraftakt. Deshalb wünscht sich die Schulleiterin Corinna Jorden Unterstützung der Landes- oder Bundesregierung.

Bundesländer beraten über Raumluftkonzept

Markt hat bei den zuständigen Ministerien und Behörden nachgefragt. Doch offenbar sind sich die Länder bisher noch nicht einig, wie das Raumluftkonzept für die kalte Jahreszeit aussehen soll. Angestrebt wird eine einheitliche Linie aller Bundesländer, doch das wird nicht einfach. Während Hamburg den Einsatz von Belüftungsgeräten nicht gänzlich ausschließt, hält Schleswig-Holstein die Geräte für "extrem energieintensiv und so laut, dass sie im Unterricht nicht eingesetzt werden können". Das ist eine Argumentation, die Christian Kähler nicht nachvollziehen kann. Die Geräte seien sehr leise, weil sie speziell für den Einsatz in Büro- oder Klassenräume konzipiert worden sind. Und sie seien im Betrieb deutlich günstiger als das ständige Lüften der Räume und die damit verbundenen Heizkosten.

Gesundheitsexperte Lauterbach: "Wertvolle Investition"

Die flächendeckende Ausstattung aller Klassenräume in Deutschland mit den Luftfilteranlagen würde annähernd 1,5 Milliarden Euro kosten. Das sei deutlich günstiger, als jedes Kind an jedem Schultag mit einem frischen Mundschutz auszustatten, rechnet Professor Kähler vor. Und auch die Behandlung von durch das Stoßlüften krank gewordenen Kindern sei vermutlich wesentlich teurer.

Das sieht auch der SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Karl Lauterbach so. Sollten sich die Untersuchungsergebnisse der Universität München bestätigen, sei eine flächendeckende Ausstattung der Schulen eine "extrem wertvolle Investition", weil ein krankheitsbedingter längerer Ausfall des Schulunterrichts "sowohl ökonomisch als auch menschlich" nicht mehr vertretbar sei.

Hochleistungs-Filter für privaten Gebrauch ungeeignet

Der Markt für Luftfilteranlagen ist groß und unübersichtlich. Bei den von Christian Kähler untersuchten Geräten handelt es sich um Hochleistungs-Filteranlagen, die sehr leise sind. Sie arbeiten mit einem vorgesetzten Grobfilter für Staub und Dreck und einem H14-Filter, der zusätzlich immer wieder bis zu 100 Grad erwärmt wird, um Viren und Bakterien abzutöten. Solche Anlagen sind für den normalen Hausgebrauch, kleine Büros oder Friseursalons überdimensioniert. Ohnehin sieht der Experte keinen Sinn darin, Luftfilteranlagen für zu Hause zu kaufen. Denn innerhalb eines Haushaltes lasse sich wegen des fehlenden Abstands eine Ansteckung ohnehin selten verhindern.

Günstige Geräte nicht immer für Klassenräume geeignet

Günstigere Geräte gibt es schon für unter 100 Euro. Die Technik unterscheidet sich aber oft erheblich. Manche haben nur einen Aktivkohlefilter, der gegen Gerüche und Gase, nicht aber gegen Viren und Bakterien schützt. Andere haben zusätzlich zu Aktivkohle- auch Hepafilter verbaut, die sehr gut gegen Viren und Bakterien und andere Schwebeteilchen wirken. In ihrer Wabenstruktur bleiben kleinste Teilchen hängen. Es gibt sie in verschiedenen Güte- beziehungsweise Durchlässigkeitsklassen.

Es kommt aber nicht nur auf die Filter an. Die Anlagen müssen auch genug Umwälzleistung mitbringen, um die Luft eines entsprechend großen Raumes reinigen zu können. Angaben hierzu schreiben die Hersteller meist auf die Verpackung. Die meisten günstigen Geräte haben nicht genügend Leistung, um die Luft in Klassenräumen oder größeren Büros zu reinigen. Christian Kähler warnt auch davor, dass die Filterkapazität bei diesen Geräten eventuell schnell erschöpft sei und sie dann Viren wieder an die Raumluft abgeben könnten. Hinzu komme, dass die Lüfter gerade der günstigen Produkte recht laut sein könnten.

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Markt | 14.09.2020 | 20:15 Uhr

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