Stand: 09.09.2019 15:25 Uhr

Sind Inlandsflüge von Hamburg verzichtbar?

von Marvin Milatz und Marc-Oliver Rehrmann

Sollten Inlandsflüge künftig wegfallen, um den Klimaschutz voranzutreiben? Diese Frage wird in den zurückliegenden Wochen immer wieder gestellt. NDR.de hat deshalb recherchiert, wie viele Inlands- und Kurzstreckenflüge die Fluggesellschaften am Hamburger Flughafen anbieten - dem größten Airport im Norden. Die Analyse von knapp 40.000 Flugverbindungen von Mitte April bis Ende August zeigt: Jeder dritte Passagierflug ist ein Inlandsflug. Blickt man auf die Verbindungen mit einer Entfernung von höchstens 500 Kilometern, zählt jeder vierte Flug von Hamburg-Fuhlsbüttel dazu. Darin sind auch Ziele im Ausland wie Kopenhagen, Amsterdam und Brüssel enthalten.

Die zwei häufigsten Flugziele liegen in Deutschland

Für den Hamburger Airport gilt: Die beiden beliebtesten Strecken sind Inlandsflüge - nach Frankfurt am Main und München, den beiden wichtigsten deutschen Drehkreuzen für den internationalen Flugverkehr. Auf der Strecke nach Frankfurt reist jeder zweite Passagier aus der Hansestadt weiter ins Ausland, in Richtung München sind 27 Prozent der Passagiere Umsteiger. Die bayerische Landeshauptstadt wird am häufigsten von Hamburg aus angeflogen: 2018 nutzten nach Angaben des Hamburger Flughafens 1.750.000 Passagiere diese Route.

Insgesamt neun deutsche Flughäfen können Reisende von Hamburg aus per Flieger erreichen. Dazu zählen neben Frankfurt und München auch Stuttgart, Düsseldorf, Köln/Bonn, Mannheim, Nürnberg, Saarbrücken und Friedrichshafen am Bodensee. Insgesamt 5,2 Millionen Fluggäste sind im Jahr 2018 innerdeutsch ab Hamburg geflogen.

Inlandsflüge vor allem auf langen Strecken

Ein Flugzeug auf dem Rollfeld mit angeschlossenem Ausstieg. © Picture Alliance Foto: Fotoatelier Berlin

Ist die Bahn eine Alternative zum Flugzeug?

NDR Info - Infoprogramm -

Nach Recherchen von NDR.de handelt es sich bei jedem dritten Flug von Hamburg aus um einen Inlandsflug. Ist die Bahn wirklich eine Alternative? Marc-Oliver Rehrmann berichtet.

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"Innerdeutsche Flüge finden im Wesentlichen nur noch auf längeren Strecken statt, das heißt dort, wo die Reisezeit mit der Bahn es den Geschäftsreisenden nicht ermöglicht, einen Termin an einem Tag wahrzunehmen", teilt der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) mit. Dies belegen auch die Zahlen: 96 Prozent der innerdeutschen Flugreisen sind laut BDL länger als 400 Kilometer.

Keine Linienflüge mehr von Berlin nach Nürnberg

Generell gilt: Wo die Bahn eine attraktive Alternative ist, verzichten Reisende eher auf einen Inlandsflug. Dabei gilt: Die Reisezeit per Bahn darf nicht viel länger als drei Stunden dauern. Das zeigt das jüngste Beispiel für den Wegfall einer Inlandsverbindung: auf der Strecke Nürnberg - Berlin. Nach dem Ausbau der ICE-Strecke zwischen Berlin und München ist Nürnberg nun von der Hauptstadt aus mit dem ICE in 3:15 Stunden zu erreichen. Daraufhin stiegen viele Reisende auf die Bahn um. Folglich lohnte sich das Geschäft nicht mehr und die Verbindung wurde im Juni 2019 aus dem Flugplan genommen. "Auf der Route Berlin-Nürnberg war es möglich, den innerdeutschen Verkehr einzustellen, weil die Reisedauer dort rund drei Stunden beträgt", sagte der BDL-Sprecher Ivo Rzegotta im Gespräch mit NDR.de.

Auf der Strecke Berlin - München funktioniert die Alternative Bahn nicht in gleichem Maße. "Dort ist die Zahl der Flugpassagiere zuletzt sogar um zwei Prozent gestiegen", weiß Rzegotta. "Zwischen Berlin und München ist die Bahnreise mit mehr als vier Stunden für viele Passagiere nach wie vor zu lang."

Ist Düsseldorf ein Streichkandidat?

Wie aber sieht es am Hamburger Flughafen aus? Gibt es aktuell Inlandsflüge, die dort verzichtbar wären? Von Hamburg nach München sind es im günstigsten Fall 6:15 Stunden Reisezeit mit dem ICE - von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof. Die reine Flugzeit beträgt nur etwa 75 Minuten. So ist die Bahn bei Reisezielen im Süden Deutschlands für viele keine attraktive Alternative - vor allem für Geschäftsleute, die sich bei einer Flugbuchung eine Hotel-Übernachtung sparen können. Aber wie steht es um die Flüge ins Rheinland? Auf der Strecke nach Düsseldorf flogen im Jahr 2018 526.000 Passagiere, nach Köln/Bonn immerhin 478.000.

Die CO2-Bilanz spricht für die Bahn

Dabei ist Düsseldorf per Zug schon in etwas mehr als dreieinhalb Stunden zu erreichen, Köln in vier Stunden. Rechnet man die Anreise zum Flughafen und die Wartezeit vor dem Boarding mit ein, ist ein Flugreisender nicht unbedingt schneller in Düsseldorf. Zudem zeichnet die Kohlendioxid-Bilanz ein deutliches Bild: Mit der Bahn kommt ein Reisender von Hamburg nach Düsseldorf auf einen Ausstoß von 12 Kilogramm, mit dem Flugzeug sind es rund 126 Kilogramm. Diese Werte gibt der Online-CO2-Rechner EcoPassenger des Heidelberger Instituts für Energie- und Umweltforschung an. Angenommen alle Flugreisenden auf der Strecke Hamburg-Düsseldorf würden auf die Bahn umsteigen, ließen sich demnach rund 60.000 Tonnen an Kohlendioxid-Emissionen vermeiden. Das entspricht nach Angaben des Umweltbundesamtes dem CO2-Ausstoß, den rund 6.000 Menschen in Deutschland im Jahr insgesamt verursachen.

Airport müsste Einbußen hinnehmen

Für den Hamburger Flughafen wäre der Wegfall einer oder mehrerer Kurzstrecken-Verbindungen aus wirtschaftlicher Sicht schmerzlich. "Solch ein Wegfall trifft zahlreiche Beteiligte. Vor allem hat es Auswirkungen auf die Passagiere und damit die Nutzer der Flugverbindungen", sagt Flughafen-Sprecherin Katja Bromm auf Anfrage von NDR.de. "Zum anderen trifft es auch zum Beispiel den Tourismus in Hamburg und den Flughafen selbst, der Einbußen hinnehmen müsste."

Zwei Kurzstrecken-Verbindungen sind am Hamburger Flughafen bereits weggefallen: Nach Berlin gibt es seit 2011 keine Linienflüge mehr, nachdem die ICE-Strecke zwischen der Hansestadt und der Hauptstadt modernisiert worden ist. Die Verbindung Hamburg-Leipzig gehört seit 2006 der Vergangenheit an.

Diese Inlandsflüge sind schon weggefallen


2002: Köln-Stuttgart
2006: Hamburg-Leipzig
2006: Bremen-Berlin
2007: Köln-Nürnberg
2008: Berlin-Dortmund
2011: Hamburg-Berlin
2012: Berlin-Münster
2019: Berlin-Nürnberg

Quelle: BDL

Immer weniger Inlandsflüge

Für viele Deutsche gelten Inlandsflüge als eine Klimasünde ersten Ranges. Dabei macht der inländische Flugverkehr derzeit nur einen Anteil von 0,3 Prozent an den Kohlendioxid-Emissionen in Deutschland aus. Nach Angaben des BDL flogen im Jahr 2018 insgesamt 23,5 Millionen Menschen im Inland. Das sind elf Prozent aller Flugpassagiere Deutschlands. Auch wenn es im internationalen Reiseverkehr immer mehr Flüge gibt, ist die Zahl der deutschen Inlandsflüge in den zurückliegenden 15 Jahren um 22 Prozent gesunken, vor allem weil die Airlines größere Maschinen eingesetzt haben. Die Zahl der Passagiere auf innerdeutschen Strecken ist zuletzt nahezu gleichgeblieben. Ein Drittel von ihnen sind Umsteiger, die weiter ins Ausland fliegen.

Zubringerflüge sind wichtig fürs Geschäft

Gerade diese Zubringerflüge sind aus Sicht der Luftfahrt-Unternehmen wichtig. "Wenn innerdeutsche Zubringerflüge wegfielen, würden die Reisenden nicht zwingend auf die Bahn umsteigen, sondern stattdessen ein Ticket zu einem Drehkreuz im Ausland buchen oder in vielen Fällen auch auf das Auto umsteigen", sagt Ivo Rzegotta vom Branchenverband BDL. Für den Klimaschutz sei so nichts gewonnen.

Zudem gebe es zwei weitere Punkte, die nach Ansicht des BDL für innerdeutsche Zubringerflüge sprechen: Bei einer Anfahrt mit der Bahn könnten Reisende ihr schweres Gepäck bislang nicht am Bahnhof aufgeben, sondern erst am Flughafen. Zudem sei die Frage ungeklärt, wer haftet, wenn Kunden aufgrund einer Zugverspätung ihren gebuchten Flug verpassen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 09.09.2019 | 06:20 Uhr

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