Eine junge Frau hinter einer spiegelnden Scheibe guckt nachdenklich nach unten (Themenbild). © Imago | Westend 61 Foto: Westend 61

Mediziner: Schrittweiser Lockdown schlecht für die Psyche

Stand: 07.12.2020 09:27 Uhr

Professor Stefan Borgwardt ist Direktor der Klinik für Psychatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck, und der Universität zu Kiel. Im Interview beantwortet er Fragen zu den psychologischen Auswirkungen des erneuten Teil-Lockdowns.

Der Teil-Lockdown wird zurzeit scheibchenweise verlängert. Vier Wochen Einschränkungen, dann noch mal drei Wochen - ohne Aussicht auf ein Ende. Was macht das mit uns Menschen?

Stefan Borgwardt: Schrittweise statt einmal - das hat natürlich schon einen Effekt. Wenn man in die Zukunft schauen und sagen könnte: Im nächsten Jahr wird es so oder so aussehen, dann wäre es ein Stück weit planbar. Egal wie stark die Einschränkungen wären: Man könnte sich darauf einstellen. Der Mensch ist anpassungsfähig und würde Wege finden. Dieses "schrittweise" führt natürlich dazu, dass bei jedem neuen Schritt neuer Stress ausgelöst wird. Man kann nichts mitsteuern, nichts mitbeeinflussen, man ist ausgeliefert. Wenn man das ein, zwei Mal macht, geht es gut, aber sich immer wieder neu einzustellen, das fällt vielen Menschen schwer. Es schränkt das Wohlbefinden ein und führt mitunter zu drei wesentlichen Problemen: Schlafstörungen, Ängsten und depressiven Symptomen.

Wie unterscheidet sich der Frühjahrs-Lockdown in ihrer Klinik vom jetzigen Winter-Teil-Lockdown?

Borgwardt: Der erste Lockdown war ein Knalleffekt - wie eine Schocksituation. Da war viel weniger los bei uns, die Patientinnen und Patienten haben sich nicht ins Krankenhaus getraut. Wir hatten zwischenzeitlich nur noch etwas mehr als die Hälfte der Patienten, die wir sonst haben. Das hielt Wochen an, und das kam für die Psychatrie recht überraschend. Jetzt ist es ganz anders, jetzt kommen diejenigen, die sonst auch schon in Behandlung waren und dazu zusätzliche Patienten, die mit neu aufgetretenen Ängsten oder Schlafstörungen zu tun haben.

Das heißt, es ist richtig voll bei Ihnen? Haben Sie Vergleichszahlen zum Vorjahr?

Borgwardt: Wir haben zurzeit fast eine Vollbelegung im stationären und auch im ambulanten Bereich. Wir haben hier in Lübeck am UKSH zusammen mit der Psychosomatik etwa 130 Betten und 40 tagesklinische Behandlungsplätze sowie eine große Ambulanz. Mehr geht nicht. Hätten wir mehr Platz, würden wahrscheinlich noch mehr Menschen kommen. Wir sehen natürlich nur einen Teil der Betroffenen. Ich gehe davon aus, dass viele Symptome jetzt in der breiten Bevölkerung auftreten. Menschen, die nicht gut schlafen können, die zu viel Alkohol trinken, einen zu hohen Medienkonsum haben. Das alles ist eine Kompensation auf den Stress, den man hat.

Wer kommt mit welchen Problemen und welche Altersgruppen und Geschlechter sind besonders gefährdet?

Portrait von Stefan Borgwardt
Professor Stefan Borgwardt ist Direktor der Klinik für Psychatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck, und der Universität zu Kiel.

Borgwardt: Vorweg gesagt: Ich kann nichts über Kinder sagen, denn zu uns kommen nur Erwachsene oder Jugendliche ab 17, 18 Jahren. Tatsächlich kommen beide Geschlechter aus allen Bildungsschichten. Ältere Menschen leiden häufig unter Einsamkeit - noch mehr als vor Corona. Menschen mittleren Alters haben andere Probleme: Schlafstörungen, Ängste. Sie nutzen wie gesagt Kompensationsmechanismen, wie mehr Alkohol, mehr Zigaretten.

Was passiert eigentlich im Körper, wenn ein Mensch psychisch krank wird?

Borgwardt: Wenn man chronischen Stress erlebt, dann führt das unter anderem zu einer erhöhten Ausschüttung von bestimmten Hormonen, die insgesamt zu einer Wechselwirkung von Zentralnervensystem, Psyche und Immunsystem führen. Dies verändert das Erleben, die Gefühle und das Verhalten insgesamt und kann auch die Gehirnaktivierung verändern. Das führt wiederum zu negativen Gefühlen. Wer unter Stress und Abgeschlagenheit leidet, der ändert sein Verhalten, zieht sich zurück, schläft nicht mehr, trinkt zu viel Alkohol und so weiter.

Wann muss man negative Gefühle ernst nehmen und sich vielleicht in ärztliche Behandlung geben?

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Borgwardt: Ein Marker ist, wenn andere einen darauf aufmerksam machen, dass man sich anders verhält als sonst. Wenn der Antrieb nicht mehr funktioniert, wenn die Stimmung vermindert ist, wenn man sich nicht überwinden kann, etwas zu tun - dann sollte man Hilfe suchen. Mal beim Hausarzt oder bei uns in der Ambulanz klären, ob es da Unterstützung geben kann. Und: Besser früher anrufen als zu lange leiden.

Haben Sie Tipps, wie man den Corona-Winter jetzt am besten übersteht?

Borgwardt: Unsere Empfehlung ist, Kontakte zu halten und sich nicht zurückzuziehen. Man kann sich nicht mit vielen Leuten treffen, aber vielleicht sind Online-Meetings oder Telefongespräche möglich. Man sollte ganz aktiv gegen die Vereinsamung angehen. Gesunde Ernährung ist wichtig, Sport, gesunder Schlaf und geregelte Tagesstrukturen.

Es gibt negative Gefühle, die sind einfach da. Es ist eine weltweite Pandemie, da kann man nicht permanent fröhlich durch die Gegend spazieren. Man muss die negativen Gefühle akzeptieren, sich dann aber auf andere positive Sachen konzentrieren. Ich suche mir ganz gezielt Dinge, die mir Freude machen - oder die mir früher mal Freude gemacht haben. Pläne machen: Wie sieht das nächste Jahr aus, wo fahre ich in den Urlaub hin? Aktiv bleiben und positiv denken - das ist wichtig. Nichts anderes versuche ich auch.

Das Interview führte Andrea Schmidt

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 07.12.2020 | 12:00 Uhr

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