Stand: 05.04.2018 20:13 Uhr

Weißer-Ring-Affäre: Warnungen 2012 nicht beachtet?

Hätte der Weiße Ring schon früher reagieren müssen? Hat es schon im Jahr 2012 Hinweise auf mögliches Fehlverhalten des ehemaligen Lübecker Außenstellenleiters des Vereins gegeben? In der Affäre um sexuelle Nötigung hat sich nun der ehemalige Landesvorsitzende Uwe Döring zu Wort gemeldet und die Kritik zurückgewiesen, schon früher etwas von den Vorwürfen gegen Detlef H. gewusst zu haben. Döring ließ über seine Anwältin schriftlich mitteilen, dass bei Gesprächen zwischen ihm und dem ehemaligen Lübecker Polizeidirektor Heiko Hüttmann nie das Thema sexuelle Belästigung im Raum gestanden habe.

Beschwerden über unangebrachtes Verhalten

Hüttmann jedoch hatte zuvor dem NDR Schleswig-Holstein Magazin gesagt, er habe mit Döring 2012 gesprochen. Es sei um "Belästigung" und "unprofessionelles Verhalten" gegangen. Hüttmann zufolge haben ihn 2012 zwei Polizistinnen über mehrere Vorfälle informiert. Sie hätten mehrere Beschwerden aufgenommen. Demnach soll sich Detlef H. mit drei Frauen getroffen haben, die in der Opferbetreuung des Weißen Rings waren. Der Außenstellenleiter soll aber nicht nur deswegen bei den Frauen gewesen sein, sondern auch aus persönlichem Interesse. Die Frauen hätten das als unangebracht empfunden.

Hüttmann hat dann nach eigenen Aussagen den Beschuldigten und Landeschef Döring zur Rede gestellt - die beiden sollten dafür sorgen, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Keine Standpauke damals?

Der 73-jährige Beschuldigte räumte das Treffen mit dem ehemaligen Lübecker Polizeichef Hüttmann zwar ein, schilderte es jedoch anders. In einer Mail an andere Opferberater, die dem NDR Schleswig-Holstein vorliegt, habe er geschrieben, dass er nicht wirklich gemaßregelt worden sei. Sein Anwalt sagte, sein Mandant erinnere sich außerdem, dass die Beschwerde nicht von einer Hilfesuchenden des Weißen Rings, sondern allein von einer Polizistin ausgegangen sei.

Staatsanwaltschaft ermittelt

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Laut Oberstaatsanwältin Ulla Hingst gibt es zurzeit 18 Vorgänge, die strafrechtlich geprüft werden.

Unterdessen beschäftigt der Fall weiter die Justiz. Dem ehemaligen Mitarbeiter des Weißen Rings wird vorgeworfen, Frauen in Beratungsgesprächen sexuell belästigt zu haben. In sieben Fällen bestehe der Anfangsverdacht einer Straftat, sagte die Lübecker Oberstaatsanwältin Ulla Hingst. Insgesamt liegen 18 Anzeigen gegen den Mann vor.

Mitte März war bekannt geworden, dass der frühere Mitarbeiter Frauen sexuell belästigt haben soll. Seit November 2017 ist der pensionierte Polizeihauptkommissar nicht mehr für den Weißen Ring tätig. Er weist die Vorwürfe gegen seine Person zurück. Der Rechtsanwalt des Beschuldigten kritisierte, dass er noch keine Akteneinsicht bekommen hat. Er könne deshalb den Sachverhalt nicht prüfen.

Landesregierung setzt weiter auf Weißen Ring

Für die Landesregierung in Kiel ist der Weiße Ring weiterhin ein wichtiger Partner bei der Betreuung von Kriminalitätsopfern. Dies machten die Staatssekretäre Torsten Geerdts (Inneres) und Wilfried Hoops (Justiz) am Mittwoch nach einem Gespräch mit der Bundesvorsitzenden der Opferschutzorganisation, Roswitha Müller-Piepenkötter, in Hamburg klar. Das Fehlverhalten eines Einzelnen dürfe die gute Arbeit des Weißen Rings nicht in Frage stellen, hieß es. Müller-Piepenkötter betonte, dass sie Aufklärung will und alle wichtigen Informationen der Staatsanwaltschaft weiterleitet. Sie kündigte eine Satzungsänderung an. Diese solle der Bundesebene erlauben, in vergleichbaren Fällen direkt in die Betreuungsstellen einzugreifen.

Organisation will Vertrauen zurückgewinnen

Unterdessen sorgt sich die Hilfsorganisation wegen der Belästigungsvorwürfe der früheren Mitarbeiter um ihr Ansehen. Um verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen, rufen alle landesweiten Außenstellenleiter Kriminalitätsopfer dazu auf, weiterhin Hilfe beim Weißen Ring zu suchen. Gleichzeitig distanzierten sich die Leiter von ihrem ehemaligen Lübecker Kollegen.

"Der dunkle Schatten, den die Geschehnisse auf die wertvolle Arbeit der Mitarbeiter des Weißen Rings in Lübeck werfen, wirkt sich auch weit über die Hansestadt hinaus aus", erklärten sie am Dienstag. Die Arbeit für die Kriminalitätsopfer dürfe weder in Lübeck noch andernorts unter den Folgen der mutmaßlichen Taten des ehemaligen Außenstellenleiters leiden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.04.2018 | 17:00 Uhr

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