Was bewirken die neuen Erkenntnisse zum "Estonia"-Untergang?

Stand: 10.10.2020 06:00 Uhr

Am Wrack der 1994 gesunkenen Ostsee-Fähre "Estonia" ist ein bislang unbekanntes Loch in der Bordwand entdeckt worden. Entstand es durch eine Kollision mit einem U-Boot?

von Christian Wolf

Die Luft ist frisch und erst vor Kurzem ist über dem Friedhof in Süderbrarup (Kreis Schleswig-Flensburg) ein leichter Regenschauer niedergegangen. Ende September beginnt für Georg Sörnsen immer die schwerste Zeit des Jahres. Er hat den Untergang der Ostsee-Fähre "Estonia" überlebt, dabei aber einen seiner besten Freunde verloren. "Ich telefoniere jedes Jahr immer zum Zeitpunkt des Untergangs mit meinem Retter aus Schweden. Er hat mich damals aus dem Wasser auf eine Rettungsinsel gezogen und mich stundenlang am Leben gehalten", erzählt Sörnsen am Grab seines gestorbenen Freundes.

Irmgard Augustin und Georg Sörensen besuchen eine Grabstelle. © NDR
Georg Sörnsen überlebte das Unglück, verlor aber einen guten Freund.

Dass nach 26 Jahren am Wrack der Fähre "Estonia" ein bisher unbekanntes Loch entdeckt wurde, macht ihn fassungslos: "Dass die das damals bei den ganzen Untersuchungen nicht gesehen haben, verstehe ich nicht." Ein schwedischer Journalist und dessen Team hatten bei einem Tauchgang am Wrack Aufnahmen von dem Loch gemacht.

Ursache für Unglück bis heute nicht geklärt

Die Ursache für das Unglück bei schwerer See, bei dem 852 Menschen ihr Leben verloren, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es gibt viele Verschwörungstheorien. Im Jahr 2008 untersuchte die Technische Universität Hamburg (TUHH) gemeinsam mit der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt (HSVA) den Untergang der "Estonia" im Auftrag der schwedischen Regierung.

Die Fähre sank in weniger als einer Stunde

Mathematisch und physikalisch sollte geklärt werden, warum die Fähre in weniger als einer Stunde sank. Professor Stefan Krüger leitete damals die Untersuchung. Das neue Loch in der Bordwand hat auch ihn zuerst überrascht: "Wir haben uns natürlich sofort überlegt: Was bedeutet das für den Untergang des Schiffes und würde das irgendetwas ändern?"

TUHH-Professor schließt Loch als Ursache aus

Stefan Krüger im Portrait. © NDR
Schließt das entdeckte Loch als Unfallursache "komplett aus": Professor Stefan Krüger von der TUHH.

Der anerkannte Schiffsbau-Experte geht davon aus, dass das Loch mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Bugvisier des Schiffes verursacht wurde. Die "Estonia" hatte die rund 80 Tonnen schwere Stahlkonstruktion im Sturm verloren. "Das Loch muss als primäre Unfallursache komplett ausscheiden, auch weil es im Wesentlichen über der Wasserlinie liegt", erklärt Krüger.

Ex-U-Boot-Kommandant: Schadensbild passt

Viele skandinavische Experten schließen dagegen aus, dass das entdeckte Loch durch das Bugvisier entstanden ist. Sie gehen von einem Zusammenstoß mit einem U-Boot aus - und bekommen nun Unterstützung aus Deutschland: Matthias Faermann war jahrelang U-Boot-Kommandant, leitete später die Ausbildung und war Kommandant des U-Boot-Geschwaders in Eckernförde. Er geht ebenfalls von der Kollision mit einem U-Boot aus: "Ich hab' mir die Bilder sehr genau angeschaut. Und vom Schadensbild kann es sehr wohl ein U-Boot gewesen sein."

"Damals war Navigation eine spannende Sache"

Doch wie kann ein getauchtes Boot mit einer fast 160 Meter langen Fähre zusammenstoßen? "Das kann bei einem Sturm schon mal passieren. Wenn das Schiff an der Oberfläche einen bestimmten Winkel einnimmt, deckt es seinen eigenen Schall zu mir ab", erklärt der ehemalige Kommandant. Mit einem Passiv-Sonar ist es damit unsichtbar.

Matthias Faehrmann im Portrait. © NDR
Ex-U-Boot-Kommandant Matthias Faermann hält es für möglich, dass ein U-Boot im Sturm auftauchte und es zur Kollision kam.

"Zu der damaligen Zeit war die Navigation noch eine sehr spannende Sache. Es war häufiger notwendig, auf Seerohrtiefe zu gehen oder sogar im Sturm aufzutauchen, um seine Position zu bestimmen", sagt Faermann. Dabei ist es aus seiner Sicht zu dem möglichen fatalen Zusammenprall gekommen.

Estland kündigt neue Untersuchung an

In einem Punkt sind sich die Experten einig - nur durch eine neue Untersuchung lässt sich klären, wie das Loch entstanden ist. Diese hat Estland nun angekündigt. "Wir möchten so schnell wie möglich weitere Untersuchungen durchführen, um Antworten auf alle Fragen zu geben, die sich mit den neuen Informationen ergeben haben", erklärte Anfang der Woche der estnische Regierungschef Jüri Ratas.

Ratas' Meinung nach sollte die Priorität darin bestehen, die Position des Schiffswracks und des Meeresbodens drumherum zu untersuchen, um die Schäden am Rumpf sowie die Art und den Zeitrahmen des Auftretens und seine möglichen Verbindungen zum Untergang des Schiffes zu ermitteln.

Opferverbände sollen einbezogen werden

Die Vorbereitungen laufen bereits an. In Zusammenarbeit mit den Ministerien für Inneres, Wirtschaft und Kommunikation, Finanzen, Außenpolitik und Justiz bereitet das Regierungsbüro die neue Untersuchung vor, bis ein estnischer Projektleiter gefunden ist, heißt es in einer Regierungserklärung. Außerdem sollen auch die Opferverbände bei der neuen Untersuchung einbezogen werden.

Georg Sörnsen aus Süderbrarup hofft, dass damit alle Zweifel aus der Welt geschaffen werden und er mit dem Kapitel "Estonia" endlich abschließen kann. "Bisher wussten wir ja nur, dass die Bugklappe im Sturm abgerissen ist", erklärt er. Sollte das Schiffsunglück doch andere Ursachen haben, müssten diese aus seiner Sicht Konsequenzen haben und die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden.

Weitere Informationen
Die MS "Estonia"

Der Untergang der "Estonia"

Vor 25 Jahren sinkt die Ostseefähre "Estonia" mit fast 1.000 Menschen an Bord vor der südwestlichen Küste Finnlands. Nur 137 überleben. Die Unglücksursache ist bis heute nicht geklärt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 10.10.2020 | 08:00 Uhr

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