Ungewöhnliche Allianzen auf Corona-Demos: Gemeinsam marschieren

Stand: 19.05.2021 17:36 Uhr

Auf Demos von Gegnern der Corona-Schutzmaßnahmen laufen auch in Schleswig-Holstein immer mehr Menschen aller politischen Richtungen mit. Die Kielerin Kirsten Kock erklärt, warum sie sich nicht davon abschrecken lässt, dass auch Menschen mit extremen Meinungen teilnehmen.

von Carsten Janz und Christian Schepsmeier

Typisches Schmuddelwetter am Exerzierplatz im Kieler Zentrum. In einer roten Regenjacke trifft sich Kirsten Kock hier mit gut 30 Mitstreiterinnen und Mitstreitern, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. "Die sind unverhältnismäßig und sollen sofort zurück genommen werden", fordert die Kielerin, die schon seit Monaten gegen die politischen Entscheidungen auf die Straße geht. An diesem Tag nicht, aber oft gibt es Gegendemonstrationen, bei denen Kock nicht selten als "Rechte", "Nazi" oder "Verschwörungsideologin" verunglimpft wird. Doch das stört sie nicht wirklich: "Ich weiß ja, wofür ich stehe. Ich habe meinen politischen Kompass nicht verloren."

Nach Atomkraft und Volkszählung nun Corona

Die Kielerin Kock hat Erfahrung im Demonstrieren. Schon seit den 1980er-Jahren ist sie in Protestbewegungen aktiv: gegen Atomkraft nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl, für bessere Kieler Radwege, gegen die Volkszählung und für den Weltfrieden. "Das bewegte sich damals alles im links-ökologischen Milieu", erzählt Kock, "ein bunter Protest!" Und sie stehe nach wie vor dahinter, sagt sie, nur seien eben durch Corona weitere Themen hinzugekommen - und damit auch eine andere Zusammensetzung der Demonstrationsteilnehmer.

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Seite an Seite mit Klimawandel-Leugnern

So läuft Kock heute mit Menschen, mit denen sie vermutlich früher nicht auf die Straße gegangen wäre. Denn auch Anhänger der AfD, Leugner des menschengemachten Klimawandels und Abtreibungsgegner demonstrieren mit ihr. Dies sei möglich, weil sich die Konfliktlinien verschoben hätten, analysiert der Soziologe Hartmut Rosa, Professor an der Uni in Jena. "Gerade gibt es ein Gefühl der Bedrohung der individuellen Freiheit, und das ist etwas, was links wie rechts verbindet", erklärt Rosa. Er sieht die Gefahr, dass Rechte die Corona-Demos gezielt unterwandern, warnt aber davor, die ganze Gruppe als rechts zu bezeichnen. "Wenn Leute, die sich nie als rechts verstanden haben, jetzt plötzlich von außen als rechts identifiziert werden, dann können sie daraus die Konsequenz ziehen und sagen: Dann bin ich eben rechts“, befürchtet der Soziologe und Politikwissenschaftler.

Soziologe: Wir haben keine Ohren

Dies würde die Menschen noch mehr spalten, so Rosa. "Ich glaube, im Moment leidet die politische Kultur daran, dass wir alle eine Stimme haben wollen, uns hörbar machen wollen - aber wir haben keine Ohren." Kirsten Kock sagt, sie selbst sei durchaus interessiert an einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit Menschen, die eine andere Meinung haben als sie selbst. Doch sie habe die Erfahrung gemacht, dass die Gegendemonstranten häufig ihre Argumente gar nicht hören. Dann stehe Meinung gegen Meinung - und Argumente würden keine Rolle mehr spielen. Und zwar "weil die Gegenseite keine Argumente mehr zulässt." Dabei ist das häufig genau der Vorwurf, der den Kritikern der Corona-Maßnahmen gemacht wird. Und so, sagt der Soziologe Rosa, werde die Gesprächsbereitschaft auf beiden Seiten erschüttert. "Die Haltung zu Corona geht ja mitten durch Familien und Freundschaften - und das trennt", sagt Kock, "bei mir zum Glück noch nicht".

Holocaust-Leugner auf Corona-Demo

Einen Hauptkritikpunkt der Gegendemonstranten sieht Hartmut Rosa als plausibel an: das gemeinsame Maschieren mit Rechtsextremen. "Das eine ist ein wirklich starkes Verschwörungsdenken, nach dem Prinzip: Es gibt da irgendeine Seilschaft, die die Fäden zieht im Hintergrund", so der Wissenschaftler. Und eben nicht immer würden sich die Kritiker der Corona-Maßnahmen klar abgrenzen. So wurde zum Beispiel auf einer der Demos auch ein verurteilter Holocaustleugner und bekannter YouTuber gesichtet.

"Kann nicht in jeden Menschen hineingucken"

Kirsten Kock war selbst auf der besagten Demo und verurteilt im Interview mit NDR Schleswig-Holstein die politische Einstellung des Mannes. Sie wünsche sich auch, dass solche Menschen nicht auf Corona-Demos auftreten, aber für sie sei es kein Grund, diese Demonstrationen nicht mehr zu besuchen. "Ich kann nicht in jeden genau hineingucken!" Doch, mit Leugnern des Klimawandels und auch mit AfD-Anhängern würde sie sich unterhalten. Sie müsse ja nicht einer Meinung mit ihnen sein, erklärt Kock, aber deren Meinung anzuhören sei für sie eine Selbstverständlichkeit.

Ängste und Hoffnungen erkennen

Der Soziologe Professor Hartmut Rosa schlägt vor, wieder mehr Raum für Diskussionen zu schaffen. "Davon lebt eine Demokratie", sagt er und nennt das Resonanzräume. In denen gehe es nicht darum, den anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen, sondern sich gemeinsam zu fragen: Wie würden wir uns unsere Welt denn wünschen? In solch einem konstruktiven Rahmen, so Rosa, könnte man dann plötzlich merken, dass nicht alles falsch ist, was andere sagen. "Man würde auch wieder hinhören und erkennen, was Menschen motiviert - dass es nicht immer die reine Bosheit ist oder die reine Selbstsucht." Stattdessen würde man dann sehen, "dass dahinter auch Ängste stehen und Anliegen - und manchmal auch Hoffnungen".

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