Christina Arpe steht vor einem Sprinter in einem Hinterhof.  Foto: Kevin Bieler

Tafeln in Schleswig-Holstein kämpfen gegen Armut und Corona

Stand: 17.10.2020 05:00 Uhr

Am Sonnabend war der Tag zur Beseitigung der Armut. An diesem Ziel arbeiten auch die Tafeln, die Lebensmittel an Bedürftige ausgeben. Doch die Corona-Pandemie erschwert ihre Arbeit.

von Kevin Bieler

Drei Kastenwagen stehen in einem Hinterhof in Neumünster. Sie sind bis unters Dach beladen mit Lebensmitteln. Es ist fast alles dabei: Joghurt, Brot, Gemüse und Früchte. Ehrenamtliche Helfer sortieren die Waren, die aus umliegenden Supermärkten herantransportiert werden. "Das sind alles Lebensmittel, die abgeschrieben sind, weil sie unansehnlich sind; oder weil eine Dose eine Beule hat", erklärt die Chefin der Neumünsteraner Tafel Christina Arpe. In Schleswig-Holstein und Hamburg werden jährlich 15.000 bis 20.000 Tonnen Lebensmittel gerettet, schätzt die Tafel. Bundesweit sind es rund 265.000 Tonnen - umgerechnet mehr als 9.300 volle Schiffscontainer. Im sogenannten "Tafel Café" in Neumünster können sich Gäste zu individuell vereinbarten Zeiten mit Lebensmitteln eindecken. Für die alleinerziehende Mutter Anna Hänkel ist das Angebot eine wichtige Unterstützung: "Ich gehe zwar arbeiten, aber ich komme trotzdem nicht über die Runden, weil ich halt nicht Vollzeit arbeiten gehen kann. Ich spare fast 300 Euro im Monat dadurch."

Die Warteliste wächst - durch Corona

Tafel-Chefin Arpe merkt aber auch die steigende Altersarmut: "Viele Renter finden die Tafel toll, weil sie dann noch ein bisschen sparen können, um den Enkelkindern etwas schenken zu können", sagt sie. Knapp 3.000 Abholer hat die Tafel in Neumünster in der Woche. Etwa 70 Familien stehen aber noch auf einer Warteliste, die seit Beginn der Corona-Pandemie stark wächst, erzählt Arpe. Besonders Menschen, die in Bereichen arbeiten, die von der Corona-Krise hart getroffen wurden, stoßen zu den Tafeln. Nach den Erfahrungen des Vorsitzende der Tafeln in Deutschland, Jochen Brühl gehören dazu beispielsweise Solo-Selbstständige und Minijobber aus der Gastronomie.

"Dass Leute in Armut leben, ist beschämend"

Schaufenster des Tafel Cafés in Neumünster.  Foto: Kevin Bieler
Im "Tafel Café" in Neumünster können sich die Gäste mit Lebensmitteln eindecken.

Allerdings ist der Andrang auf die Tafeln in Deutschland regional sehr unterschiedlich, auch in Schleswig-Holstein. So hat der Schatzmeister des Landesverbands der Tafeln, Karsten Wessels, in Heide noch keinen Ansturm auf die Tafeln erlebt. Von der Politik fordert Brühl, nicht nur die Tafeln zu unterstützen, sondern mehr: "Dass Leute in Armut sind in einem reichen Land wie Deutschland, das finde ich für die Gesellschaft und die Politik beschämend. Und daran müssen wir arbeiten, dass wir das gut in Einklang bringen: Wo sind die Ursachen und was sind die Folgen?" Christina Arpe in Neumünster fürchtet, dass durch die Corona-Pandemie die Schlangen noch länger werden. Die größte Herausforderung sieht sie deshalb darin, die freiwilligen Helfer so einzusetzen, dass die Bedürftigen schnell an Lebensmittel kommen.

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