Stand: 29.06.2019 16:20 Uhr

"Sea-Watch 3": Kieler Kapitänin festgenommen

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Die italienische Polizei hat Carola Rackete festgenommen.

Nachdem die Kieler Kapitänin Carola Rackete das Seenotrettungsschiff "Sea-Watch 3" in den Hafen der italienischen Insel Lampedusa gesteuert hat, ist sie festgenommen worden. Die 40 Flüchtlinge, die sich an Bord des Schiffs befanden, sind an Land und laut NDR Reportern am frühen Sonnabendmorgen vom Roten Kreuz abgeholt worden. Das Schiff der deutschen Hilfsorganisation Sea Watch wurde nach der Aktion von italienischen Behörden beschlagnahmt.

Beim Anlegen Polizeischiff gerammt

Am Freitagnachmittag hatte die italienische Staatsanwaltschaft Rackete mitgeteilt, dass sie der Besatzung der "Sea-Watch 3" nicht helfen werde, die Geretteten von Bord zu holen - wie die Kielerin in einem auf Twitter veröffentlichten Video berichtete. "Daher habe ich mich entschlossen, selbstständig im Hafen anzulegen, der jetzt gerade nachts frei ist", kündigte sie an.

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Kapitänin verteidigt Hafeneinfahrt

Carola Rackete steht zu ihrer Aktion, unerlaubt in den Hafen von Lapedusa einzulaufen. Das ließ sie über ihren Anwalt ausrichten. Mehr bei tagesschau.de extern

Zur Festnahme kam es dann laut ARD-Korrespondent Tassilo Forchheimer, nachdem die "Sea-Watch 3" beim Anlegen gegen ein kleines Boot der Guardia di Finanza - der italienischen Finanzpolizei - gestoßen war. Dieses habe in letzter Minute versucht, die Einfahrt der "Sea-Watch 3" zu verhindern. Der 31-jährigen Kapitänin werde nun vorgeworfen, sie habe Widerstand gegen ein "Kriegsschiff" geleistet. Sollte sie dafür verurteilt werden, drohten ihr drei bis zehn Jahre Haft, so Forchheimer. Darüber hinaus wird Rackete unter anderem Beihilfe zur illegalen Einwanderung vorgeworfen.

Sea Watch: "Lediglich ans Seerecht gehalten"

Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer sagte NDR Schleswig-Holstein, dass noch unklar sei, was jetzt passiert: "Vor Ort ist rechtlicher Beistand. Wir versuchen, uns bestmöglich darum zu kümmern. Aber es ist noch offen, wie es vonseiten der italienischen Justiz weitergeht." Sea Watch hoffe, dass das beschlagnahmte Schiff bald frei kommt, um es weiter einsetzen zu können. "Wir hoffen, dass die italienischen Gerichte schnell feststellen werden, dass sich hier lediglich ans Seerecht gehalten worden ist", sagte Neugebauer. Die Kapitänin habe ihre Pflicht erfüllt, indem sie Menschen, die sie zuvor aus Seenot gerettet habe, an einen sicheren Ort gebracht habe.

Scharfe Kritik an Festnahme Racketes

Grünen-Chef Robert Habeck kritisierte das Vorgehen der italienischen Behörden: "Die Verhaftung von Kapitänin Rackete zeigt die Ruchlosigkeit der italienischen Regierung und offenbart das Dilemma der europäischen Flüchtlingspolitik", sagte Habeck dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Der Ratsvorsitzende der Evangelische Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, sagte, die Festnahme mache ihn "traurig und zornig". Eine junge Frau werde in einem europäischen Land verhaftet, weil sie Menschenleben gerettet habe und die Geretteten sicher an Land bringen wolle. Das sei "eine Schande für Europa", sagte Bedford-Strohm in Hannover.

Zwei Wochen Warten auf sicheren Hafen

Am 12. Juni hatte die "Sea-Watch 3" in internationalen Gewässern 53 Menschen gerettet, unter ihnen neun Frauen und zwei Kleinkinder. Sie befanden sich in einem seeuntauglichen Schlauchboot etwa 47 Seemeilen von der Küste Libyens entfernt. Die "Sea-Watch 3" nahm danach Kurs auf Lampedusa, weil dies der einzige sichere Hafen in der Nähe sei, so Kapitänin Rackete. Seitdem stand sie in Verhandlungen mit den italienischen Behörden, die wegen medizinischer Notfälle bereits 13 Geflüchtete an Land gebracht hatten. Am Mittwoch fuhr Rackete dann in italienische Hoheitsgewässer. Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rechtsradikalen Lega-Partei erklärte, die Migranten dürften das Schiff nur verlassen, wenn andere europäische Länder sie aufnähmen. Die Stadt Kiel bekräftigte, dass sie grundsätzlich bereit sei, Migranten aufzunehmen und auch andere deutsche Städte sich als "sichere Häfen" für Flüchtlinge angeboten hätten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 29.06.2019 | 10:00 Uhr

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