Stand: 29.11.2016 16:27 Uhr

Pistenbully auf Abwegen war PR-Aktion

von Janine Artist, Jörg Jacobsen
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Der Pistenbully wurde für einen Filmdreh nach Schleswig-Holstein gefahren und nicht versehentlich, wie zunächst behauptet.

Ein Raupenfahrzeug für Schneepisten machte in der vergangenen Woche bundesweit Schlagzeilen: Der Fahrer eines Lastwagens lieferte den Pistenbully nämlich nach Seefeld in Schleswig-Holstein anstatt nach Seefeld in Tirol. Am Sonntagabend hat der Tourismusverband (TVB) aus dem österreichischen Seefeld eingeräumt, dass es sich dabei um eine PR-Aktion handelte. "Wir wollten eigentlich nur einen netten Film für Facebook produzieren", sagte TVB-Chef Elias Walser am Sonntag exklusiv im Gespräch mit NDR.de. Die Irrfahrt quer durch Deutschland war demnach nur inszeniert.

"Bild" hat exklusive Fotos

Zuerst hatten österreichische Medien im Internet über den Pistenbully auf dem platten Land berichtet. Sie zeigten ein Foto des Transporters im schleswig-holsteinischen Seefeld. Die "Bild"-Zeitung brachte die Geschichte zunächst online und am Donnerstag auch in ihrer gedruckten Gesamtausgabe: "Uups!!! Fahrer bringt Schneeraupe nach Seefeld statt Seefeld", titelte die Zeitung in der Rubrik "Lachen und Weinen". Außerdem zeigte die "Bild" exklusiv ein Foto des vermeintlichen Lkw-Fahrers: "Zlatko J. (37)". Das Foto hatte aber nicht - wie behauptet - ein Leser-Reporter geschossen, sondern eine österreichische Werbeagentur, sagte Elias Walser. "Zlatko" heißt in Wirklichkeit Alex Kröll und ist ein österreichischer Kabarettist und Schauspieler. "Wir haben uns sehr gewundert, dass die 'Bild' das Foto gedruckt hat. Darauf ist sogar ein Ansteckmikrofon zu sehen", sagte Walser. Nach seinen Angaben wollte die "Bild" 250 Euro für das Foto zahlen.

Tourismus-Chef: Nur wenige Journalisten haben nachgefragt

Viele Medienunternehmen zogen nach - darunter alle Zeitungen aus der Region, aber zum Beispiel auch der ORF, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", RTL, "Spiegel Online" und NDR 1 Welle Nord. "Die Aktion ist immer größer geworden und irgendwann aus dem Ruder gelaufen", sagte Walser.

Er und die zuständige Spedition wollten am Donnerstag keine kritische Nachfragen beantworten. "Es gab aber auch kaum welche", sagte Walser. "Das hat uns sehr überrascht." Nach seinen Angaben hätten lediglich Journalisten der "Tiroler Tageszeitung" und vom NDR Zweifel gehabt und mehrfach nachgefragt - so lange, bis die Lügengeschichte nicht mehr zu halten gewesen sei. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) und der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag (SHZ) veröffentlichten inzwischen ihre eigenen Recherchen und betonten, bei Nachfragen stets belogen worden zu sein.

Arbeitet "Zlatko" wirklich für die Spedition?

Der NDR hatte zum Beispiel einen Beleg dafür gefordert, dass der gezeigte und zitierte Lkw-Fahrer tatsächlich für die Spedition arbeitet. Die Prokuristin der Firma verwies an Firmensprecher Karl Royer. Der behauptete im Gespräch mit dem NDR, er selbst und "Zlatko J." seien erst seit Kurzem Mitarbeiter der Spedition. Tatsächlich leitet Royer jedoch die PR-Agentur "SR1", die den Werbeclip drehen sollte. Wegen solcher Ungereimheiten verzichtete das Schleswig-Holstein Magazin im NDR Fernsehen darauf, über den Fall zu berichten.

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Ethik-Rat untersucht den Fall

Die dpa zog am Sonntagabend ihre drei Berichte zu dem Thema zurück und bat darum, die Meldungen nicht weiter zu verwenden. "Es wäre von vornherein besser gewesen, sich nicht allein auf die Aussagen des Geschäftsführers Walser zu verlassen - auch wenn nicht zu erwarten war, dass eine Person in dieser verantwortlichen Position auf derart konkrete Fragen bewusst die Unwahrheit sagt", schrieb dpa am Montagnachmittag.

Der österreichische Ethik-Rat für Public Relations in Wien leitete nach Beschwerden aus Deutschland ein Verfahren gegen den Tourismusverband ein. Der Fall sei - auch wenn er auf den ersten Blick witzig anmute - kein Ruhmesblatt für seriöse PR, teilte der Rat mit. Die Aktion verstoße gleich in mehreren Punkten gegen den Ehrenkodex der Branche. So heiße es dort etwa in Absatz 14: "PR-Fachleute verbreiten nur Informationen, die sie im guten Glauben erhalten und nach bestem Wissen und Gewissen geprüft haben. Es ist nicht zulässig, bewusst Falschinformationen in Umlauf zu bringen."

Pannen bei den Dreharbeiten

Der eigentlich geplante Kurzfilm sollte nach Angaben von Walser den Umweg des Transporters dokumentieren. Dabei gab es mehrere Pannen: Das Kamerateam verfuhr sich nach seinen Angaben tatsächlich. Während der Lastwagen in Seefeld bei Bad Oldesloe (Kreis Stormarn) ankam, wartete das Team in einem anderen Seefeld im Kreis Rendsburg-Eckernförde.

Das erste Foto von den Lkw mit der Pistenraupe in Schleswig-Holstein sollte laut Walser neugierig auf das Video machen. Allerdings hatte er vergessen, den Namen der Spedition unkenntlich zu machen. Der Lastwagen gehört einer Firma aus Hopfgarten im Brixental. Das liegt ebenfalls in Österreich - nur etwa 95 Kilometer von dem Skigebiet Seefeld entfernt. "Wir waren erschrocken, dass es trotz offensichtlicher Fehler bei so vielen Medien geklappt hat", sagte Elias Walser von der Olympiaregion Seefeld, die mit dem Slogan "Bleib Original" wirbt. Er selbst bereue, die Aktion in Auftrag gegeben und Journalisten belogen zu haben: "Wir haben viel gelernt. Das machen wir nicht noch einmal."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 28.11.2016 | 17:00 Uhr

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