André und Marcel Fricke mit den Spielern des HSV Bad Erlach im Trainingslager. © NDR Foto: Matthias Dröge

Immer auf Achse: Groundhopping-Zwillinge hoffen auf 2021

Stand: 13.12.2020 07:00 Uhr

Durch Corona ist Groundhopping gerade weit entfernt - ein Grund mehr, auf das zu gucken, was vielen Fußballfans fehlt. Zwei Vielfahrer mit einer ganz besonderen Herausforderung nehmen uns mit auf ihre Reisen.

von Matthias Dröge

Das Zweitligaspiel zwischen dem 1. FC Magdeburg und dem Hamburger SV am 26. Oktober 2018 werden André und Marcel Fricke nie vergessen. An jenem Freitagabend fieberten die beiden Lübecker unmittelbar vor den lauten HSV-Fans mit, direkt an der Grasnarbe. Nach dem Auswärtssieg kam die Mannschaft in die Kurve zum Feiern. "Gänsehaut pur", freuen sie sich noch heute. André und Marcel sind Groundhopper - eine Leidenschaft, bei der es darum geht, möglichst viele verschiedene Stadien zu besuchen. Die Herzen der beiden sind beim HSV, ihre Beine im Rollstuhl. Seit ihrer Geburt leben die 25-jährigen Zwillinge mit der Bewegungsstörung Cerebralparese. Das macht die Planung ihrer Auswärtsspiele schwieriger, den Blick aufs Spielfeld aber oft exklusiver.

André und Marcel Fricke mit ihrer Mutter auf der Tribühne bei einem Fußballspiel in Braunschweig. © NDR Foto: Matthias Dröge

AUDIO: Groundhopper aus Lübeck klappern Fußballstadien ab (2 Min)

Von Dänemark bis Österreich

In diesem Jahr haben die Fußball-Vielfahrer die Lockdown-freie Zeit besonders genutzt und 75 Fußballspiele besucht. Am liebsten die der HSV-Profis, gerne aber auch Spiele der zweiten und dritten Mannschaft. Im Mai 2019 haben sie sogar drei Spiele an einem Tag geschafft. Zum Start ein Pokalspiel in Neustrelitz, nachmittags eine Berliner Amateurpartie bei der SG Prenzlauer Berg und zum Abschluss das DFB-Pokalfinale zwischen RB Leipzig und Bayern München im Olympiastadion. Ein langer und besonderer Tag war das für die Brüder, die allein in den vergangenen drei Jahren gut 400 Spiele auf etwa 170 "Grounds" - also Stadien und Plätzen - besucht haben. Groundhopping kostet Geld und Zeit, also setzt Marcel seine Urlaubstage der Vorwerker Diakonie in Lübeck geschickt ein, um sie Andrés Plänen anzupassen, der sich im Moment beruflich neu orientiert.

50.000 Kilometer in einem Jahr

André und Marcel Fricke vor den Toren des Monjasa Park, einem Fußballstadion in Fredericia. © NDR Foto: Matthias Dröge
Viele Reisen - wie hier nach Fredericia - müssen aufwändig von den Brüdern geplant werden.

In den vergangenen Jahren haben die beiden die neue Fußballsaison immer mit dem Trainingslager des Hamburger SV eingeläutet. Die Tour zur HSV-Vorbereitung im österreichischen Längenfeld war ihre längste Autofahrt. Gut 965 Kilometer im Ford Transit, mit ausklappbarer Rampe und speziellem Euroboden, um die zwei Rollstühle zu verankern. Vorne sitzen Mutter Susanne und Vater Uwe. Im Jahr 2019 hat Familie Fricke gut 50.000 Kilometer abgespult.

Bahnreisen brauchen besondere Planung

Auch mit dem Zug sind sie schon gereist. Ihre weiteste Reise führte sie nach Basel. Bahnreisen sind deutlich planungsintensiver. In Zügen sind André und Marcel immer auf zwei Begleitpersonen angewiesen. Da es oft nur einen oder zwei Rollstuhlplätze gibt, müssen sie schnell sein und im DB-Reisezentrum ihre Plätze buchen. Online ist das bisher nicht möglich. Auch auf die Umsteigezeiten müssen sie achten, 20 Minuten schreibt die Bahn vor, da an den Bahnsteigen Hublifte gebraucht werden. Dazu recherchieren sie vor ihrer Groundhopping-Tour alles zum Zielbahnhof: Gibt es Aufzüge? Kommen wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Stadion oder gibt es sogar einen Shuttle-Service? Gerade die Aufzüge seien schon öfter defekt gewesen. Unnötiger Stress für die Vielfahrer. Erfahrungsgemäß ist das Auto praktischer.

Eine eigene "Tribüne"

Belohnt werden sie oft mit bester Sicht auf das Spielfeld. So standen sie bei einem Testspiel des HSV in Kitzbühel mal zwischen den Trainerbänken. Jedes Kommando der Spieler und Trainer haben sie mitbekommen. Als Stammgäste der dritten HSV-Mannschaft (Oberliga Hamburg) haben sie mittlerweile eine eigene Rampe. Diese ist etwa 20 Zentimeter erhöht und steht gegenüber der Zuschauertribüne. Die Partien im Hamburger Raum sind für die beiden Alltag. Amateurspiele auf unbekannten Plätzen schon deutlich herausfordernder. Oft gibt es keine gesonderten Rollstuhlplätze, deshalb stehen sie viel am Spielfeldrand. Beim Hamburger Oberligisten SV Curslack-Neuengamme haben sie nun aber ihren Platz auf der neu gebauten Rollstuhlrampe zwischen allen anderen Fans. Ein seltenes Gefühl, da sie sonst meistens alleine gucken müssen.

Erfolgreicher Austausch mit Inklusionsbeauftragter

André Fricke mit Maskottchen im Stadion bei einem Länderspiel in Dortmund. © NDR Foto: Matthias Dröge
André Fricke hofft auf die EM 2021, ist aber skeptisch, ob sie stattfinden wird.

Ein Problem im Amateurbereich sind allerdings immer noch die sanitären Anlagen für Rollstuhlfahrer. Falls es überhaupt welche gibt, werden die Toiletten gerne auch als Abstellkammern verwendet und sind so für die beiden nur schwierig nutzbar. Bei den Profis des HSV sind die Wege aber inzwischen gelernt. André und Marcel tauschen sich regelmäßig mit der Inklusionsbeauftragten aus und machen Vorschläge. So gibt es mittlerweile einen "Fahrstuhlausweis" im Volksparkstadion, mit dem Rollstuhlfahrer im nichtöffentlichen Bereich problemlos auf andere Ebenen gelangen. Ihre Idee ist umgesetzt worden.

Hoffen auf die Euro 2021

Ihr großes Ziel im kommenden Jahr ist die Fußball-EM. Die Brüder haben schon Karten für zwei deutsche Gruppenspiele in München, außerdem soll es zu einem Achtelfinale nach Amsterdam gehen. Ob sie ihre begehrten Tickets wirklich nutzen können? "Ich hoffe es natürlich, aber vorstellen kann ich mir das aus heutiger Sicht nicht", ist André noch skeptisch was den Pandemie-Verlauf angeht. Eine Entscheidung der UEFA soll Anfang März fallen. Sollte es klappen, werden André und Marcel natürlich in den Sozialen Medien berichten. Wie eigentlich immer von ihren Groundhopping-Touren, bei denen sie trotz ihres Handicaps immer auf Ballhöhe sind.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 13.12.2020 | 17:10 Uhr

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