Stand: 26.01.2019 06:00 Uhr

Hannahs "Schwer in Ordnung"-Ausweis ist der Renner

von Hannah Böhme

Hannah Kiesbye aus Halstenbek im Kreis Pinneberg hat viel erreicht. Sie zählt die Bundesländer auf, in denen es die Hüllen für ihren "Schwer in Ordnung"-Ausweis mittlerweile gibt: "Hamburg, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern." Die 16-Jährige ist stolz auf das, was sie erreicht hat - und auf das, was sie verändert hat. In den acht Bundesländern ist der Ausweis nach Angaben der jeweiligen Ministerien in den vergangenen Monaten insgesamt fast 10.000 Mal angefordert worden.

Hannah hat das Down-Syndrom. Menschen mit Down-Syndrom bekommen in Deutschland einen Schwerbehindertenausweis. Und den Namen wollte sie ändern. Sie findet, dass niemand in irgendeine Schublade gesteckt werden sollte.

Ende 2017 kam ihr die Idee

Vor eineinhalb Jahren bastelte sich die damals 14-Jährige zusammen mit einer Lehrerin eine neue Hülle für ihren Ausweis, weil sie den Schwerbehindertenausweis als diskriminierend empfand. Seitdem steht "Schwer in Ordnung"-Ausweis in dicken Buchstaben über ihrem Foto und ihrem Namen. Gleichzeitig schrieb sie eine Geschichte über den Ausweis: "Ich möchte, dass mein Ausweis umbenannt wird. Ich möchte, dass er 'Schwer in Ordnung'-Ausweis heißt. Ich finde, Schwerbehindertenausweis ist nicht der richtige Name für meinen Ausweis. Ich möchte lieber, dass der 'Schwer in Ordnung-Ausweis' genannt wird." So lauten die ersten Zeilen daraus. Unter anderem wird ihre Geschichte in der Zeitschrift "Kids Aktuell, Magazin zum Down-Syndrom" veröffentlicht. Sie löste damit eine bundesweite Debatte aus.

"Es ist schön, ein Vorbild zu sein"

Hannah geht mittlerweile in die 10. Klasse der Schülerschule in Pinneberg-Waldenau. Dort macht sie diesen Sommer ihren Abschluss, will danach auf einer weiterführenden Schule noch die 11. und 12. Klasse besuchen. Danach kann sie sich vorstellen, in einem Kindergarten zu arbeiten. Sie reitet, schwimmt und hat einmal die Woche Training in einer Zirkusschule.

Außerdem schreibt sie gerne: Unter anderem eben Geschichten darüber, wie sie sich ihr Leben mit einem "Schwer in Ordnung"-Ausweis vorstellt, wie sie ihn dem Busfahrer und ihren Eltern Inge und Kai zeigt, die begeistert sind. "Dass meine Geschichte solche riesigen Wellen schlägt, damit habe ich nicht gerechnet", sagt die Halstenbekerin heute. "Es ist schön, ein Vorbild zu sein", freut sich die 16-Jährige.

Politiker diskutieren über die Initiative

Hannah bekam mit ihrer Aktion nicht nur viel Lob, sondern setzte viel in Gang: Sogar im Arbeits- und Sozialausschuss des Bundestages wurde darüber diskutiert, den Schwerbehindertenausweis umzubenennen. Der Ausschuss entschied sich allerdings dagegen. In der Begründung hieß es, dass ein breit angelegter Diskussionsprozess über Fragen der Mitbestimmung und Teilhabe nötig sei.

Auch Hannah selbst ist mit der Geschichte gewachsen. Hinter ihr liegt ein Jahr mit zahlreichen Interviews und Presseterminen. Ein Highlight für sie war die Pressekonferenz mit der niedersächsischen Sozialministerin Carola Reimann (SPD), als dort im März 2018 der "Schwer in Ordnung"-Ausweis offiziell vorgestellt wurde.

Hannah ist selbstbewusster, offener und flexibler geworden

"Selbstbewusster, offener und flexibler in neuen Situationen ist sie geworden", sagt ihre Mutter Inge Kisbye. Das sei vorher schwieriger gewesen. Früher habe sie manchmal in neuen Situationen oder bei fremden Personen gesessen und nichts gesagt. "Diese Zeit, sich auf jemand Neues einzustellen und dafür offen zu sein, hat sich total verkürzt. Das ist auch für uns toll, das mitzuerleben", sagt Kiesbye. Vater Kai ergänzt: "Sie ist eine selbstbewusste Jugendliche, die immer besser weiß, was sie will - und das auch zu formulieren versteht."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 26.01.2019 | 11:20 Uhr

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